ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2020Eine neue Interessenkonflikterklärung für medizinische Zeitschriften
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Bei diesem Editorial handelt es sich um die deutsche Übersetzung des Textes „A Disclosure Form for Work Submitted to Medical Journals–A Proposal From the International Committee of Medical Journal Editors“, der parallel in allen Mitgliedszeitschriften des International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) erscheint. Die englische Originalfassung kann auf www.aerzteblatt-international.de, auf www.icmje.org und auf den Webseiten der anderen Mitgliedszeitschriften eingesehen werden. Die neue Erklärung zu Interessenkonflikten ist ebenfalls auf www.icmje.org zu finden. Sollten Sie Kommentare abgeben wollen, reichen Sie sie bitte in englischer Sprache auf www.icmje.org ein.

Viele Faktoren beeinflussen das Design, die Durchführung und die Darstellung wissenschaftlicher Studien, die den Entscheidungen im Gesundheitswesen zugrunde liegen. Zu diesen Faktoren zählen auch berufliche sowie persönliche Beziehungen und Aktivitäten, wenn sie Interessenkonflikte bergen und damit das wissenschaftliche Urteil verzerren könnten (1). Daher muss man sich bei der Meinungsbildung zu medizinischen Fragen auf die Erklärungen der Autoren zu solchen Beziehungen und Aktivitäten verlassen können – sei es als Redakteur oder Gutachter, als Kliniker, als Lehrender, als Politiker und Entscheidungsträger, als Patient oder als Teil der Öffentlichkeit: Die Transparenz, Konsistenz und Vollständigkeit der Autorenerklärungen sind von größter Wichtigkeit.

Vor zehn Jahren hat das International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) ein eigenes Formular zur Offenlegung potenzieller Interessenkonflikte veröffentlicht. Das Ziel war damals, die Erhebung und Publikation solcher Beziehungen und Aktivitäten der Autoren zu vereinheitlichen, die im Verständnis der Leser relevante Interessenkonflikte in Bezug auf den jeweiligen Artikel sein konnten. Mit dem einheitlichen Formular sollte vermieden werden, dass es aufgrund jeweils eigener Erhebungsmethoden und Darstellungsarten der Zeitschriften zu Durcheinander und Streit kommt.

Wir glauben, dass die damalige Vereinheitlichung hilfreich war, allerdings sind einige Probleme bestehen geblieben: Nach wie vor missverstehen viele Autoren und Leser die Interessenkonflikterklärungen, wenden sie falsch an oder ziehen aus ihnen die falschen Schlüsse. Hinzu kommt, dass eine steigende Zahl von Autoren wegen Software-Problemen das aktuelle Online-Formular nicht mehr nutzen kann.

Unterschiede zur bisherigen Interessenkonflikterklärung im Deutschen Ärzteblatt

Bisher galt für Autoren des Deutschen Ärzteblatts (DÄ) ein Interessenkonfliktformular (www.aerzteblatt.de/archiv/fuer-autoren), das auf der Basis der ICMJE-Erklärung entstanden war, wenngleich das Ärzteblatt damals noch nicht dem ICMJE angehörte. Allerdings wich das DÄ-Formular in verschiedenen Aspekten von der ICMJE-Erklärung ab: Zum Beispiel haben wir unsere Autoren nicht gebeten zu entscheiden, welche Verbindungen die Leser für einen Interessenkonflikt halten könnten, sondern konkrete Fragen zu spezifischen Interessenkonflikten gestellt. In diesem Punkt entspricht die nun vom ICMJE vorgeschlagene Erklärung eher der aktuell noch gültigen Erklärung des DÄ. Neu wird aber für viele etwa die vorgeschlagene Sprachregelung sein: Statt von Interessenkonflikten oder – wie in anderen Zeitschriften – von potenziellen Interessenkonflikten oder von „competing interests“ soll in der neuen Form von finanziellen und nichtfinanziellen Beziehungen und Aktivitäten („relationships and activities“) die Rede sein. Damit soll eine Stigmatisierung positiver Erklärungen verhindert werden. Auch der Titel soll den Begriff Interesse nicht mehr enthalten und künftig deskriptiv „ICMJE-Erklärung“ (ICMJE Disclosure Form) lauten.

Probleme

Zweifellos missbrauchen einige Autoren das Vertrauen der Öffentlichkeit, indem sie mit Absicht finanzielle und nichtfinanzielle Beziehungen und Aktivitäten verschweigen, die zu Interessenkonflikten führen. Im ICMJE glauben wir aber, dass die meisten transparent Auskunft geben wollen und die Offenlegung für notwendig und für einen Bestandteil des wissenschaftlichen Fortschritts halten. Wenn jedoch unklar ist, welche konkreten Beziehungen und Aktivitäten offengelegt werden sollen, kommen leicht Verwirrung und Uneinigkeit auf. Warum ein Autor nicht offenlegt, was für andere einen Interessenkonflikt darstellt, mag in unterschiedlichen Meinungen darüber, was relevant ist, begründet sein, aber auch in unklaren Definitionen oder einfach darin, Zusammenhänge zu übersehen oder zu vergessen.

Einige Autoren befürchten auch, dass die Leser alles, was die Autoren unter dem Punkt „potenzieller Interessenkonflikt” angeben, als Zeichen von problematischer Beeinflussung oder von Fehlverhalten interpretieren könnten. Dies wird oft ins Feld geführt, wenn es um die Auflistung öffentlicher Förderung geht. Auf der anderen Seite ist manchen Lesern nicht klar, dass auch ihre eigenen Beziehungen und Aktivitäten einen Einfluss darauf haben, wie sie die Arbeiten anderer wahrnehmen und was sie bei anderen oder bei sich selbst für einen Konflikt halten.

Veränderungen

Um diesen Aspekten Rechnung zu tragen, schlagen wir verschiedene Veränderungen an der ICMJE-Erklärung vor:

  • Erstens halten wir eine Anpassung der Terminologie für wichtig. Der Titel „Erklärung potenzieller Interessenkonflikte” enthält zwar den Begriff „potenziell“, er könnte aber implizieren, dass jede Beziehung und jede Aktivität einen problematischen Einfluss oder ein Fehlverhalten bedeutet. Der neue, gekürzte Titel, „ICMJE-Erklärung”, zielt darauf ab, diese Interpretation und eine mögliche Stigmatisierung zu vermeiden.
  • Zweitens werden in der neuen Erklärung die Autoren nicht mehr gezwungen sein, zu entscheiden, was die Leser als möglichen Interessenkonflikt ansehen könnten. Stattdessen sollen sie nun einfach ihre Beziehungen und Aktivitäten, die für den vorliegenden Artikel relevant sind, offenlegen, sodass die Leser selbst beurteilen können, ob ihre Einschätzung des Artikels davon beeinflusst wird.
  • Drittens sollen die Autoren in der neuen Erklärung eine Checkliste zu Beziehungen und Aktivitäten ausfüllen; damit sollen versehentliche oder absichtliche Auslassungen verhindert werden.

Gerne nehmen wir Rückmeldungen zu der nun vorgeschlagenen neuen Erklärung entgegen. Sie ist unter www.icmje.org zu finden, gemeinsam mit einem Link für Kommentare. Einsendeschluss ist der 30. April 2020. Danach werden wir die Erklärung überarbeiten und verabschieden. In der Zwischenzeit bleibt die aktuelle „ICMJE Form for the Disclosure of Potential Conflicts of Interest” gültig und auch auf der Webseite des ICMJE als PDF zugänglich. Für Autoren des Deutschen Ärzteblattes gilt bis zur Verabschiedung der neuen Version das bisherige Formblatt, das unter www.aerzteblatt.de/archiv/fuer-autoren verfügbar ist.

Weitere Maßnahmen einzelner Journale

Um Inkonsistenzen sowie mangelnde Offenlegung zu vermeiden und zudem die Erklärung für Autoren zu erleichtern, werden in einem weiteren Schritt einige Zeitschriften einen neuen Einreichungsmechanismus einführen. Autoren müssen heute Erklärungen an vielen Stellen abgeben, zum Beispiel bei akademischen Einrichtungen, bei Anbietern von Beiträgen zur zertifizierten medizinischen Fortbildung (CME), bei Leitlinien- und anderen Komitees sowie bei medizinischen Journalen. Dies wiederholt tun zu müssen und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen in Bezug auf Anforderungen, Formate und Definitionen, frustriert die Wissenschaftler und führt zu problematischen Diskrepanzen zwischen verschiedenen Erklärungen. Einige Zeitschriften werden daher Erklärungen von webbasierten Repositorien nutzen, in denen Autoren ihre Beziehungen und Aktivitäten hinterlegen können. Von dort können die Erklärungen dann – angepasst an die Anforderungen verschiedener Institutionen, wie etwa des ICMJE – versendet werden, ohne jedes Mal neu eingegeben werden zu müssen.

Das ICMJE wird dabei Erklärungen nur von solchen Repositorien akzeptieren, die folgende Kriterien erfüllen:

  • Sammlung und Darstellung von Beziehungen und Aktivitäten im Einklang mit den Anforderungen des ICMJE
  • keine Erhebung von Gebühren von den Autoren für Eingabe, Aufbewahrung und Versendung von Daten
  • elektronische und – bei Bedarf – auch nichtelektronische Bereitstellung der Daten für Zeitschriften
  • Gewährleistung der Vereinbarkeit mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Ein Repositorium, das diese Kriterien erfüllt, ist Convey (www.convey.org). Convey hat auf seiner Seite eine auf der bisherigen ICMJE-Erklärung basierende Eingabemaske bereitgestellt, die einige Mitgliedszeitschriften des ICMJE bereits nutzen. Sobald die neue ICMJE-Erklärung verabschiedet ist, wird diese Eingabemaske aktualisiert werden. Danach wird die derzeitig gültige von den ICMJE-Zeitschriften eingestellt. Das ICMJE ermutigt ausdrücklich zur Entwicklung anderer Repositorien, um regionale, sprachliche und regulatorische Besonderheiten abzudecken.

Kein Ansatz zur Offenlegung von Interessenkonflikten ist perfekt oder absolut sicher. Dennoch hoffen wir, dass die von uns vorgeschlagenen Änderungen Transparenz und Vertrauen fördern werden. Wir freuen uns auf die Rückmeldungen unserer Leser und Autoren.

* Beim International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) handelt es sich um eine Arbeitsgruppe von Schriftleitern wissenschaftlicher medizinischer Zeitschriften, die zu technischen, organisatorischen und politischen Fragen der Medizinpublizistik Stellung nimmt. So hat das ICMJE nicht nur zur Erklärung von Interessenkonflikten Vorschläge gemacht, sondern unter anderem auch zur wissenschaftlichen Zitierweise, zur Definition von Autorenschaften, zur Registrierung von klinischen Studien und zum Data Sharing. Das ICMJE gibt auch die „Recommendations for the Conduct, Reporting, Editing and Publication of Scholarly Work in Medical Journals“ heraus, die für viele Autoren und Zeitschriften eine wichtige Ressource sind. Gegenwärtig besteht das ICMJE aus folgenden Mitgliedern: Annals of Internal Medicine, BMJ (British Medical Journal), Bulletin of the World Health Organization, Deutsches Ärzteblatt, Ethiopian Journal of Health Sciences, JAMA (Journal of the American Medical Association), Journal of Korean Medical Sciences, New England Journal of Medicine (NEJM), New Zealand Medical Journal, Revista Médica de Chile, The Lancet, Ugeskrift for Laeger (Danish Medical Journal), National Library of Medicine (NLM) (USA) und World Association of Medical Editors (WAME). Das Sekretariat befindet sich bei den Annals of Internal Medicine in Philadelphia.

Dieser Artikel erscheint zeitgleich in folgenden Zeitschriften:

– Annals of Internal Medicine

– BMJ (British Medical Journal)

– Bulletin of the World Health Organization

– Deutsches Ärzteblatt

– Ethiopian Journal of Health Sciences

– JAMA (Journal of the American Medical Association)

– Journal of Korean Medical Science

– The Lancet

– New England Journal of Medicine (NEJM)

– New Zealand Medical Journal

– Revista Médica de Chile (Medical Journal of Chile)

– Ugeskrift for Laeger (Danish Medical Journal).

In seiner Funktion als Vertreter und Past President der World Association of Medical Editors (WAME) vertritt Peush Sahni nicht die Meinungen einzelner Mitgliedszeitschriften der WAME, die nicht dem ICMJE angehören.

Interessenkonflikt
Darren B. Taichman ist Angestellter der Annals of Internal Medicine and the American College of Physicians. Christopher Baethge ist Redakteur des Deutschen Ärzteblatts und Angestellter des Deutschen Ärzteverlags. Annette Flanagin ist unbezahltes Mitglied des Beirats der International Association of Scientific, Technical, and Medical Publishers (STM). Abraham Haileamlak ist Redakteur des Ethiopian Journal of Health Sciences.Christine Laine ist Vollzeitangestellte des American College of Physicians und Senior Vice President dieser Organisation. Sie ist zudem Chefredakteurin der Annals of Internal Medicine. Diese Zeitschrift befindet sich im Besitz von und wird herausgegeben durch das American College of Physicians. Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Affiliationen
Darren B. Taichman, MD, PhD, Secretary, ICMJE, Executive Editor, Annals of Internal Medicine; Joyce Backus, MSLS, Representative and Associate Director for Library Operations, National Library of Medicine; Christopher Baethge, MD, Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion, Deutsches Ärzteblatt & Deutsches Ärzteblatt International; Howard Bauchner, MD, Editor-in-Chief, JAMA (Journal of the American Medical Association) and the JAMA Network; Annette Flanagin, RN, MA, Executive Managing Editor, Vice President, Editorial Operations, JAMA and the JAMA Network; Fernando Florenzano, MD, Editor, Revista Médica de Chile (Medical Journal of Chile); Frank A. Frizelle, MBChB, FRACS, Editor-in-Chief, New Zealand Medical Journal; Fiona Godlee, MBBChir, BSc, Editor-in-Chief, The BMJ (British Medical Journal); Laragh Gollogly, MD, MPH, Editor, Bulletin of the World Health Organization, Coordinator, WHO Press; Abraham Haileamlak, MD, Editor-in-Chief, Ethiopian Journal of Health Sciences; Sung-Tae Hong, MD, PhD, Editor-in-Chief, Journal of Korean Medical Science; Richard Horton, FMedSci, Editor, The Lancet; Astrid James, MBBS Deputy Editor, The Lancet; Christine Laine, MD, MPH, Editor-in-Chief, Annals of Internal Medicine; Pamela W. Miller, BA, Assistant to the Editor, Special Projects, New England Journal of Medicine (NEJM); Anja Pinborg, MD, Scientific Editor-in-Chief, Ugeskrift for Laeger (Danish Medical Journal); Eric J. Rubin, MD, PhD, Editor-in-Chief, New England Journal of Medicine (NEJM); Peush Sahni, MBBS, MS, PhD, Representative and Past President, World Association of Medical Editors (WAME).

Anschrift für die Verfasser
Darren B. Taichman, MD, PhD
190 N. Independence Mall W.
Philadelphia, PA 19106—1572, USA
dtaichman@acponline.org

Zitierweise
Taichman DB, Backus J, Baethge C, Bauchner H, Flanagin A, Florenzano F, Frizelle FA, Godlee F, Gollogly L, Haileamlak A, Hong ST, Horton R, James A, Laine C, Miller PW, Pinborg A, Rubin EJ, Sahni P: A disclosure form for work submitted to medical journals—a proposal from the International Committee of Medical Journal Editors. Dtsch Arztebl Int 2020;117: 61–3.
DOI: 10.3238/arztebl.2020.0061

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
ICMJE: Recommendations for the conduct, reporting, editing, and publication of scholarly work in medical journals. www.icmje.org/icmje-recommendations.pdf (last accessed on 17 December 2019).
2.
Drazen JM, Van Der Weyden MB, Sahni P, et al.: Uniform format for disclosure of competing interests in ICMJE journals. www.icmje.org/news-and-editorials/format_disclosure_coi_oct2009.pdf (last accessed on 17 December 2019).
1.ICMJE: Recommendations for the conduct, reporting, editing, and publication of scholarly work in medical journals. www.icmje.org/icmje-recommendations.pdf (last accessed on 17 December 2019).
2. Drazen JM, Van Der Weyden MB, Sahni P, et al.: Uniform format for disclosure of competing interests in ICMJE journals. www.icmje.org/news-and-editorials/format_disclosure_coi_oct2009.pdf (last accessed on 17 December 2019).

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