ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2020Betreuung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Haltungsänderung gefordert

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Betreuung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Haltungsänderung gefordert

Dtsch Arztebl 2020; 117(5): A-220 / B-196 / C-192

Spielberg, Petra

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Die Bevölkerungsentwicklung führt dazu, dass immer mehr Menschen stationär behandelt werden, die zusätzlich an einer Demenz leiden. Aber viele Krankenhäuser sind auf die besonderen Bedürfnisse dieser Patienten noch nicht eingerichtet. Ein Praxisleitfaden bietet wichtige Hilfestellungen.

Demenzsensibilität erreicht man nur mit einer grundsätzlichen Haltungsänderung des gesamten Personals, heißt es aus der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Foto: CasarsaGuru/iStock
Demenzsensibilität erreicht man nur mit einer grundsätzlichen Haltungsänderung des gesamten Personals, heißt es aus der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Foto: CasarsaGuru/iStock

Wenn Menschen mit Demenz zum Beispiel wegen einer Fraktur oder einer Erkrankung ins Krankenhaus müssen, können aufgrund der kognitiven Einschränkungen zahlreiche Probleme auftreten. Demenzkranke bedürfen daher einer fachgerechten Pflege, um einer Verschlechterung ihrer kognitiven Fähigkeiten und ihrer Gesundheit während des Kranken­haus­auf­enthalts vorzubeugen. Oft aber bleibt bei der Versorgung ihrer Hauptdiagnose die Demenz unerkannt oder wird unterschätzt.

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Schon jetzt werden nach Angaben der Robert Bosch Stiftung täglich rund 76 000 Patientinnen und Patienten, die an einer Demenz oder einer verwandten kognitiven Einschränkung leiden, in deutschen Krankenhäusern stationär behandelt. Ihr Anteil an den über 65-jährigen Patienten beträgt insgesamt über 40 Prozent.

Und ihre Zahl wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter steigen. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) geht davon aus, dass es 2030 voraussichtlich rund drei Millionen Demenzkranke in Deutschland geben wird. Die DGG setzt sich daher dafür ein, in Deutschland flächendeckend sogenannte Special Care Units einzurichten, von denen es bundesweit aktuell 44 gibt. Ein deutschlandweit einheitliches Konzept für die Special Care Units gibt es gleichwohl nicht.

Impulse durch Praxisleitfaden

Ideen zu einer Verbesserung der Akutversorgung von Patientinnen und Patienten mit Demenz soll auch die nationale Demenzstrategie, die Mitte 2020 verabschiedet werden soll, berücksichtigen. Darüber hinaus existieren Modellprojekte für den Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser in einzelnen Bundesländern. Noch aber ist die große Mehrheit der Krankenhäuser nicht auf die besonderen Bedürfnisse dieser Patienten eingestellt.

„Darunter leiden die Betroffenen“, sagt Dr. phil. Bernadette Klapper, Leiterin des Bereichs Gesundheit in der Robert Bosch Stiftung. Die Stiftung unterstützt daher Modellprojekte, um die Versorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus zu verbessern. Mit einem aktuell vom Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) entwickelten Handlungsleitfaden will die Stiftung zudem Impulse setzen, damit demenzsensible Krankenhäuser bundesweit Standard werden.

Der Praxisleitfaden basiert im Wesentlichen auf einer Analyse des Förderprogramms „Demenz im Krankenhaus“ der Robert Bosch Stiftung und soll Kliniken dabei unterstützen, demenzsensible Strukturen und Prozesse, angelehnt an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse, aufzubauen. Grundlage bilden insbesondere 17 von der Stiftung geförderte Projekte in Krankenhäusern aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Neben diesen Praxisbeispielen wurden weitere Quellen ausgewertet, darunter Dokumente und Literatur zum Thema sowie Erkenntnisse aus dem ebenfalls von der Robert Bosch Stiftung geförderten Studiengang zur Demenz und zum Graduiertenkolleg „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“.

Die im Leitfaden beschriebenen Gestaltungswege umfassen zehn Bausteine. Beginnend mit dem Wissensaufbau werden Themen wie Delir-Management, Konzepte für spezielle Abteilungen und für die Notaufnahme, Angehörigenarbeit und Umgebungsgestaltung dargestellt.

„Bei den Bausteinen geht es eigentlich immer um sechs wesentliche Elemente: die Sensibilisierung und Bildung des Personals, die Strukturierung von Tagesabläufen, die Intensivierung persönlicher Zuwendungen vor allem in Krisensituationen, baulich-räumliche Anpassungen, die Sicherstellung therapeutischer Maßnahmen sowie die Vernetzung nach außen“, fasst Prof. Dr. rer. medic. Michael Isfort, stellvertretender Vorsitzender des geschäftsführenden Vorstands beim Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, zusammen. Kurzchecks zur Selbsteinschätzung vor jedem Baustein sollen es den Krankenhäusern erleichtern, sich einen schnellen Überblick über den Umsetzungsstand zu verschaffen.

Schlüsselrolle Führungskräfte

Eine Schlüsselrolle beim Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser kommt nach Auffassung der Verfasser den Führungskräften zu. Ihre Aufgabe sei es, Ziele und Handlungsprinzipien im Umgang mit Menschen mit Demenz im Unternehmensleitbild zu verankern und mit Ärzten, Stationsleitungen und Pflegekräften Gespräche zu führen, in denen zu den Krankheitsbildern Demenz und Delir konkrete Zielvereinbarungen getroffen werden.

„Demenzsensibilität erreicht man nur mit einer grundsätzlichen Haltungsänderung des gesamten Personals. Voraussetzung hierfür sind grundlegende Kenntnisse über die Erkrankung“, so Dr. rer. nat. Winfried Teschauer von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Landesverband Bayern. Dies ließe sich nicht mit einer zweitägigen Demenzfortbildung oder mit einer Checkliste zum Abarbeiten ändern. „Individuelles Fallverstehen und eine verstehende Diagnostik werden gebraucht und der Umgang mit diesen Menschen muss erlernt und immer wieder geübt werden“, betont Teschauer.

Eine Empfehlung des Leitfadens lautet daher, strukturierte Fort- und Weiterbildungen im Umgang mit den Krankheitsbildern Demenz und Delir für alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Pflichtveranstaltung anzubieten, angefangen von den Beschäftigten am Empfang bis hin zum Rettungsdienst. Jedes Krankenhaus sollte zudem einen Demenzbeauftragten benennen. Darüber hinaus hätten sich Demenzkoordinatoren auf den Stationen bewährt, um die Veränderungen nachhaltig zu sichern, so die Verfasser.

Als besondere Herausforderung bezeichnen sie den Umgang mit Ernährung, Schmerz und charakteristischem Verhalten demenzkranker Patienten wie Aggressivität, Agitation, sexuelle Enthemmung, disruptive Vokalisation, Apathie und Depression. Hier gelte es, insbesondere Mangelernährung diagnostisch abzuklären und zu vermeiden. Das Erfassen und die Bewertung von Schmerzen wiederum solle möglichst durch eine direkte Befragung der Betroffenen erfolgen.

„Für die Krankenhäuser selbst wird die Versorgung Demenzkranker zu einer finanziellen Herausforderung“, betonen die Verfasser. Dies sei beispielsweise der Fall, wenn die geplanten Liegezeiten überschritten würden oder wenn Komplikationen aufträten wie Delirien. So erhöhten sich bei einem Delir die Gesundheitskosten um den Faktor 2,5 bei zugleich geringerer Überlebensdauer der Patienten.

Delir vorbeugen

Daher müsse der Fokus auf der Vorbeugung und frühzeitigen Behandlung eines Delirs liegen, angefangen mit einem Kurzscreening im Rahmen der stationären Aufnahme, um Risikopatienten zu identifizieren, über delirsensible Narkose- und Operationsverfahren bis hin zur Einbeziehung von geschulten Altenpflegekräften und Angehörigen.

„Der Hauptrisikofaktor für das Erleiden eines Delirs, auch ohne Operation, ist übrigens eine Exsikkose“, sagt Dr. med. Simone Gurlit, Anästhesistin am St. Franziskus-Hospital Münster und Pionierin im Bereich Delir-Management. Dies klinge banal, käme aber leider auch im Krankenhaus immer wieder vor. Petra Spielberg

Infomaterial

  • „Praxisleitfaden zum Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser“, herausgegeben von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart. ISBN 978–3–939574–55–2

www.bosch-stiftung.de

  • „Demenz und Krankenhäuser – Aufbau demenzfreundlicher Strukturen. Handreichung zum Bundesmodellprogramm Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz.“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Berlin.

www.bmfsfj.de
www.lokale-allianzen.de

  • „Patienten mit einer Demenz im Krankenhaus“, Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz, Berlin.

www.deutsche-alzheimer.de

Empfehlungen zum Aufbau von Spezialstationen

  • eine überschaubare Bettenzahl von maximal 20, vorzugsweise acht bis zwölf Betten
  • ein geschütztes, aber nicht geschlossenes Konzept mit Aufenthalts- und Therapieraum 
  • tagesstrukturierende Angebote
  • geschultes Personal auf freiwilliger Basis
  • ein fester Stamm von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
  • ein erweitertes Assessment mit Einschätzungen im Hinblick auf die Faktoren Sturz, Schmerz und Ernährung
  • besondere Beachtung von Biografie und sozialer Situation
  • Abteilung nicht als „Abschiebebahnhof“ für störende Patienten missbrauchen
  • bei der Aufnahme und während des Kranken­haus­auf­enthalts (geronto)psychiatrische und geriatrische Expertise einbinden

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