ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2020Chronisch kranke Kinder: Sicherer Sport mit Bescheinigung

MEDIZINREPORT

Chronisch kranke Kinder: Sicherer Sport mit Bescheinigung

Dtsch Arztebl 2020; 117(5): A-208 / B-187 / C-183

Schickendantz, Sabine; Sticker, Elisabeth

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bewegung wirkt bei nahezu allen Erkrankungen unterstützend. Doch wo sind für kranke Kinder die Grenzen? Mithilfe eines Computerprogramms kann eine Sporttauglichkeitsbescheinigung erstellt werden, die individuelle Hinweise und Empfehlungen für den (Schul-)Sport enthält.

Beim Sportunterricht nur auf der Bank sitzen? Mit der richtigen Bescheinigung lässt sich der Ausschluss chronisch kranker Kinder vermeiden. Foto: Ljupco Smokovski/stock.adobe.com
Beim Sportunterricht nur auf der Bank sitzen? Mit der richtigen Bescheinigung lässt sich der Ausschluss chronisch kranker Kinder vermeiden. Foto: Ljupco Smokovski/stock.adobe.com

Die Teilnahme am Sportunterricht unterliegt der Schulpflicht. Dennoch werden viele Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen mithilfe einer ärztlichen Bescheinigung von der Teilnahme am Sportunterricht freigestellt, obwohl sie aus medizinischer Sicht, zumindest mit Einschränkungen, daran teilnehmen könnten.

In den Sportvereinen finden sie oft keinen Zugang, auch wenn sich die Sportvereine der Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention verbunden fühlen. Die Ursachen dieses Problems sind vielschichtig und betreffen alle Beteiligten: die betroffenen Kinder selbst, die Eltern, die Pädagogen und nicht zuletzt die behandelnden Ärzte.

Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen kann aus medizinischer Sicht uneingeschränkt am Sportunterricht teilnehmen. Einschränkungen sind erforderlich, wenn:

  • die chronische Erkrankung und ihre Behandlung zur Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit führt (z. B. bei muskulären, neurologischen oder kardiovaskulären Einschränkungen),
  • die Erkrankung die Betroffenen bei bestimmten Sportübungen gefährdet (z. B. bei Bewusstseinsstörungen),
  • durch den Sport eine lebensbedrohliche Gefahr entstehen kann wie z. B. bei einer pulmonalen Hypertonie, einer hypertrophen Kardiomyopathie oder ionenkanalassoziierten Herzrhythmusstörungen (1),
  • palliative medizinische Maßnahmen ein Verletzungsrisiko bedeuten (z. B. bei Shunts, Stomata oder Schrittmachern).

Zudem gibt es Bedingungen, unter denen chronisch kranke Kinder und Jugendliche alles daransetzen werden, sich dem Sport zu entziehen:

  • wenn sie im (Sport-)Unterricht „bloßgestellt“ werden,
  • wenn ihre krankheitsbedingten Leistungseinschränkungen der Beurteilung von nicht ausreichend sensiblen, gesunden Personen unterliegen,
  • wenn sie einfach ausgeschlossen werden.

Die Eltern chronisch kranker Kinder und Jugendlicher sind oftmals durch viele kritische Phasen im Krankheitsverlauf gegangen. Sie wollen ihre Kinder nicht weiter gefährdet sehen. Ihnen klarzumachen, dass der Sport ihre Kinder nicht gefährdet, sie dagegen in ihrer psychomotorischen und psychosozialen, sogar in ihrer kognitiven Entwicklung weiterbringt, ist eine manchmal nicht ganz einfache, aber wichtige ärztliche Aufgabe (2).

Viele Sportpädagogen lassen sich von den Eltern über die Probleme der Kinder beim Sport informieren. Eltern bringen ihnen Informationsbroschüren mit, die von Elternselbsthilfevereinen erstellt wurden (3). So können die Kinder dann problemlos in den Sportunterricht integriert werden.

Häufig entstehen aber Konflikte, wenn die Pädagogen glauben, keine Rücksicht nehmen zu müssen, vor allem, wenn den Kindern die Erkrankung nicht anzusehen ist. Manche Lehrkräfte lehnen eine Teilnahme der Kinder ab, weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Die Ursache dieser Missverständnisse ist Informationsmangel und die daraus resultierende Verunsicherung.

Mit Vorlagen und Satzbausteinen erlaubt das Programm mit geringem Zeitaufwand eine umfassende Sporttauglichkeitsbescheinigung zu erstellen. Foto: www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html
Mit Vorlagen und Satzbausteinen erlaubt das Programm mit geringem Zeitaufwand eine umfassende Sporttauglichkeitsbescheinigung zu erstellen. Foto: www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html

Tauglich mit Einschränkungen

Die Sporttauglichkeitsbescheinigung ist ein differenziertes individuelles ärztliches Attest. Es ist unter dem unter (4) aufgeführten Link abrufbar und kann mit folgenden Angaben gespeist werden:

  • Diagnose
  • Sporttauglichkeit allgemein
  • körperliche Leistungsfähigkeit
  • erforderliche medizinischen Maßnahmen, die auch Einfluss nehmen auf die körperliche Leistungsfähigkeit
  • mögliche Gefährdung des Kindes beim Sport, hervorgerufen durch Umstände oder Übungen
  • möglicherweise erforderliche (Schul-)Begleitung
  • Berücksichtigungen bei der Benotung
  • eventuell erforderliche Erste-Hilfe- bzw. Notfallmaßnahmen.

Ein Handbuch führt durch das Programm und geht auf einzelne medizinische Aspekte beim Sport für chronisch kranke Kinder und Jugendliche ein (5).

Die Nennung der Diagnose in der Sporttauglichkeitsbescheinigung ist in den bisher genutzten Formularen zur Erstellung einer „Ärztlichen Bescheinigung zur Teilnahme am Schulsport“ weder in der Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften (BASS) des Landes Nordrhein-Westfalen, noch der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin (GPS) vorgesehen. Sie darf selbstverständlich nur mit dem Einverständnis der Eltern oder – bei einem Alter über 16 Jahre – des Betroffenen selbst erfolgen.

Die Kenntnis der Diagnose ist für den Sportpädagogen wichtig, denn sie ermöglicht es, sich über die Erkrankung näher zu informieren (z. B. Broschüre „Wir in der Schule: Chronische Erkrankungen und Behinderungen im Schulalltag – Informationen aus Sicht der Selbsthilfe“), ohne sich mit medizinischer Fachliteratur auseinandersetzen zu müssen (3). So kann Sicherheit der Sportlehrkräfte im Umgang mit den betroffenen Kindern und Vertrauen zu den Eltern hergestellt werden.

Schnelle Erstellung des Attests

Die Form des Programmes ermöglicht es durch Vorlagen und Satzbausteine, zu den einzelnen chronischen Erkrankungen innerhalb kurzer Zeit ein umfangreiches Attest zu erstellen. Das Programm folgt dabei der oben erwähnten Broschüre mit der Darstellung von 58 chronischen Erkrankungen, könnte jedoch problemlos erweitert werden.

Die so erstellte Sporttauglichkeitsbescheinigung ermöglicht durch umfangreiche individuelle sportmedizinische Informationen die Teilhabe auch chronisch kranker Kinder und Jugendlicher beim Sport im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.

Mit den Hinweisen auf zu beachtende Einschränkungen sollen wegen der Bedeutung von Sport für die psychosoziale, psychomotorische und auch kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ungerechtfertigte Freistellungen vermieden werden.

Dr. med. Sabine Schickendantz

Universität zu Köln, Medizinische Fakultät, Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie, Herzzentrum

Dipl.-Psych. Prof. Dr. phil. Elisabeth Sticker

Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Department Psychologie

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht. Dieser Artikel unterliegt nicht dem Peer-Review-Verfahren.

1.
Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie: Leitlinie „Sport bei angeborenen Herzerkrankungen“; http://www.kinderkardiologie.org/leitlinien.
2.
Sticker EJ (2004): Sport macht stark – auch bei angeborenem Herzfehler. Ergebnisse einer interdisziplinären Follow-up-Studie zur Entwicklungsoptimierung. Shaker-Verlag (Aachen).
3.
Sticker EJ (2016): Broschüre „Wir in der Schule: Chronische Erkrankungen und Behinderungen im Schulalltag – Informationen aus Sicht der Selbsthilfe“; http://daebl.de/BV86.
4.
Schickendantz S, Sticker EJ (2019): Sporttauglichkeitsbescheinigung; http://daebl.de/HN48.
5.
Schickendantz S, Sticker E.J (2019): Handbuch zum Programm Sporttauglichkeitsbescheinigung; https://www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html.
Mit Vorlagen und Satzbausteinen erlaubt das Programm mit geringem Zeitaufwand eine umfassende Sporttauglichkeitsbescheinigung zu erstellen. Foto: www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html
Mit Vorlagen und Satzbausteinen erlaubt das Programm mit geringem Zeitaufwand eine umfassende Sporttauglichkeitsbescheinigung zu erstellen. Foto: www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html
Grafik
Mit Vorlagen und Satzbausteinen erlaubt das Programm mit geringem Zeitaufwand eine umfassende Sporttauglichkeitsbescheinigung zu erstellen. Foto: www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html
1. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie: Leitlinie „Sport bei angeborenen Herzerkrankungen“; http://www.kinderkardiologie.org/leitlinien.
2.Sticker EJ (2004): Sport macht stark – auch bei angeborenem Herzfehler. Ergebnisse einer interdisziplinären Follow-up-Studie zur Entwicklungsoptimierung. Shaker-Verlag (Aachen).
3. Sticker EJ (2016): Broschüre „Wir in der Schule: Chronische Erkrankungen und Behinderungen im Schulalltag – Informationen aus Sicht der Selbsthilfe“; http://daebl.de/BV86.
4. Schickendantz S, Sticker EJ (2019): Sporttauglichkeitsbescheinigung; http://daebl.de/HN48.
5. Schickendantz S, Sticker E.J (2019): Handbuch zum Programm Sporttauglichkeitsbescheinigung; https://www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.