ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2020Sprachsensibilität: Klar vermitteln
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Wir machen etwas wichtiges falsch: Menschen mit zu hohem Blutzucker nennen wir Diabetiker, das stigmatisiere, sei also schlecht. Stellen wir deren Stoffwechsel besser ein, sei das eine bevormundende Handlung, führen wir sie einer Lebensstil-Intervention zu, erst recht. Na ja: Sind Zyniker und Hypertoniker also ebenso entdiskriminiert, wenn wir sie als Menschen mit Zynismus bzw. Hypertonie ansprechen? Dunkelhäutige oder muslimische Deutsche sind weniger diskriminiert, wenn wir sie dunkelhäutige deutsche Mitbürger bzw. Deutsche islamischen Glaubens nennen?

Ich erlebe Diabetiker immer als Menschen mit auch anderen Eigenschaften und Kennzeichen und nicht verkürzt in der Schublade ihrer Krankheit oder der Versorgungsdynamik. Natürlich ist Sprache verräterisch. Aber dann dürfte es aus der Logik, die Frau Thiel verwendet, keine Orthopäden, Rheumatologen, Endokrinologen usw. geben, sondern nur Menschen, die sich zu dieser Fachrichtung hin spezialisiert haben und (hoffentlich) dann nicht nur „ihre Krankheiten“, sondern Menschen mit bestimmten Krankheiten behandeln. Diskriminieren heißt lateinisch unterscheiden. Stigma heißt griechisch Kennzeichnung.

Ich glaube, unser Land kennt schlimmere Formen der Respektlosigkeit gegenüber Mitmenschen. Fangen wir erst mal dort an. Ich bitte, die „me two“-Bewegung (klein wie sie ist) wahrzunehmen, da gehtʼs um wichtige Formen des Respekts gegenüber ... Diskriminierten und Stigmatisierten in unserem Lande. Auch fände ich das Wort DMP revolutionsbedürftig, denn wir haben da Programme, in denen Menschen mit einer Krankheit – ja was denn? – „gemanaged“ (= verwaltet?) werden. Die erwähnten abwertenden Ärztekongress-Stigmata („3-D: Diabetes + Dummheit = Dötlich“ …) haben meines Erachtens psychoanalytisch-gruppendynamisch versteh-/aufarbeitbare Hintergründe. Dass Non-Adherence eher eine Diagnose ist, die mit vier Fingern auf den behandelnden Arzt zurückweist, oder Kommunikationsdefizite im beidseitigen Verständnis anzeigt: da dürften wir uns einig sein. Also doch „#Language matters“?

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Sensibel ist es aber auch, die Sprachwelt der über Diabetes zu informierenden Menschen zu suchen, und dafür muss man in der Praxis diskriminieren zwischen Lehr-, Reinigungskräften, Langfristarbeitlosen, Fachangestellten usw. (ohne herabzuwürdigen). Und da hilft manchmal nicht nur Ermutigung oder Ermunterung, manch einem muss ich auch intervenierend klar vermitteln, dass ein beibehaltener Lebensstil grottenschlecht für die Krankheitsprognose ist, da er schon in die Krankheit geführt hat. Dies gilt leider für viele mit Typ-2-Diabetes, die Waagen meiden, aber Torten usw. nicht, regelhaft.

Dr. med. Thomas Bonin, 63599 Biebergemünd

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