ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2020Kardiovaskuläre Sicherheit von Krebsmedikamenten: Ibrutinib-Therapie erhöht das Risiko für Hypertonie und Herzrhythmusstörungen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Kardiovaskuläre Sicherheit von Krebsmedikamenten: Ibrutinib-Therapie erhöht das Risiko für Hypertonie und Herzrhythmusstörungen

Dtsch Arztebl 2020; 117(5): A-210 / B-189 / C-185

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Science Photo Library
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Ibrutinib ist ein Inhibitor der Bruton-Tyrosinkinase (BTK), ein Enzym, das die Proliferation von B-Lymphozyten mitreguliert. DieSubstanz ist in Europa zugelassen zur Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL), des Mantelzell-Lymphoms und des Morbus Waldenström. Ibrutinib ist bei allen 3-B-Zell-Erkrankungen als Einzelwirkstoff indiziert, kann aber auch mit anderen Substanzen wie Obinutuzumab kombiniert werden.

Die Daten früherer Studien hatten bereits darauf hingewiesen, dass eine Behandlung mit dem BTK-Inhibitor mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert sein kann, Langzeitdaten aus der klinischen Routineanwendung zur kardiovaskulären Sicherheit aber gab es bislang kaum. Eine Studie an einem großen US-amerikanischen onkologischen Zentrum, des Ohio State University Comprehensive Cancer Centers in Columbus, leistet einen Beitrag zur Einschätzung des kardiovaskulären Risikos in der klinischen Routine.

Bei 562 konsekutiven Patienten, die wegen eines B-Zell-Malignoms Ibrutinib erhielten, wurden die Inzidenzen neu aufgetretener oder sich verschlechternder vorbestehender Hypertonien bestimmt, mit einer vergleichbaren Population aus der Normalbevölkerung verglichen und das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse ermittelt.

Die Studienteilnehmer waren im Zeitraum von 2009 bis 2016 in die Untersuchung aufgenommen worden und durchschnittlich 63,8 Jahre alt. Knapp 3 Viertel der Patienten hatten eine CLL, und die meisten wurden wegen rezidivierter Erkrankung mit Ibrutinib behandelt.

Ein neu aufgetretener Hypertonus war definiert als systolischer Blutdruck von ≥ 130 mmHg bei mindestens 2 ärztlichen Kontrollen innerhalb von 3 Monaten. Bei 62 % der Teilnehmer (n = 347) bestand allerdings schon vor Ibrutinib-Therapie ein Bluthochdruck, und 2 Drittel von ihnen erhielten antihypertensive Medikamente. Im Zeitraum von 30 Monaten verschlechterte sich bei 78,3 % der Studienteilnehmer ein vorbestehender Bluthochdruck oder es hatte sich ein Hypertonus neu manifestiert (durchschnittlich + 5,2 mmHg systolisch). Bei 84,8 % der Blutdruckveränderungen sahen die Autoren eine Assoziation zur Ibrutinib-Therapie als wahrscheinlich an.

Von den Teilnehmern mit Normaldruck zu Studienbeginn (38 %; n = 215) entwickelten 71,6 % eine Hypertonie während der Ibrutinib-Behandlung. Der systolische Wert stieg bei ihnen um durchschnittlich 13,4 mmHg an. Die Hälfte aus dieser Gruppe erreichte die Schwelle für einen Hypertonus innerhalb von 4,2 Monaten. Nach Adjustierung um relevante Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und Komorbidität war die kumulative Inzidenz für die Entwicklung einer Hypertonie innerhalb eines Jahres unter Ibrutinib um den Faktor 12,9 erhöht im Vergleich zur Normalbevölkerung (Framingham-Studienpopulation).

Schwere kardiovaskuläre Komplikationen (Major Cardiovascular Events; MACE) wie Hirn-, Herzinfarkt, Herzversagen, Rhythmusstörungen oder kardiovaskulär verursachter Tod traten bei 19,1 % der Teilnehmer mit neu aufgetretenem oder sich verschlechterndem Hypertonus auf vs. 8,2 % ohne relevante Blutdruckveränderungen. Für die meisten MACE – am häufigsten war Vorhofflimmern – hielten die Ärzte eine Assoziation zur Ibrutinib-Therapie für wahrscheinlich. Das Risiko für MACE ließ sich durch eine antihypertensive Therapie um 60 % reduzieren.

Fazit: Bei der Routineanwendung von Ibrutinib steigt der Blutdruck bei circa 3 von 4 Patienten innerhalb von 2,5 Jahren deutlich an, sodass sich entweder eine Hypertonie neu entwickelt oder ein bestehender Bluthochdruck verstärkt.

Die Inzidenz dieser Blutdruckveränderungen und ihre häufig doch deutliche Ausprägung seien bislang unterschätzt worden, so die Autoren. Die Blutdruckveränderungen erhöhen das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse. Diese Sicherheitsaspekte gelte es, bei der Therapieentscheidung zu berücksichtigen und dem zu erwartenden Benefit gegenüberzustellen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Dickerson T, Wiczer T, Waller A, et al.: Hypertension and incident cardiovascular events following ibrutinib initiation for lymphoid malignancies. Blood 2019; 134: 1919–28.

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