ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2020Videosprechstunde: Fahrlässiger Kassen-Hype
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Mit Entsetzen habe ich gelesen, dass die Kassen der GKV, vertreten durch Frau Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, nach mehr Videosprechstunden rufen. Als gutes Beispiel wird der Fall eines an akutem Brechdurchfall erkrankten Kindes angeführt.

Nach nunmehr 25 Jahren Tätigkeit als Pädiater, davon 18 Jahre in eigener Praxis, sträuben sich mir hier die Nackenhaare. Ich zitiere hier einen alten Chef von mir: „Wer als Pädiater ein akut krankes Kind nicht mit allen fünf Sinnen erfasst, untersucht, auskultiert, inspiziert und palpiert, der ist ein Stümper und der Approbation nicht wert ...“

Wer bitte soll in so einem „Video-Fall“ die Differenzialdiagnosen erkennen und abarbeiten, seien es Exsikkosezeichen, Invagination, Volvulus, Appendicitis, bakterielle Dysenterie, beginnende Influenza, diabetische Erstmanifestation, Otitis media (zum Beispiel beim Säugling und Kleinkind) oder beginnende Sepsis etc.? Die Mutter am Bildschirm? Wer haftet für Fehldiagnosen in der Videosprechstunde, da eine vernünftige Untersuchung gar nicht möglich ist? Der GKV-Spitzenverband, unser digitalverliebter Ge­sund­heits­mi­nis­ter?

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Echte hausärztliche Tätigkeit am akut erkrankten Patienten braucht die fünf Sinne des Arztes und keine Mattscheibe. Könnte man den Krankenkassen, dem GKV-Spitzenverband, Frau Stoff-Ahnis und Herrn Spahn bitte mal sagen, dass ärztliche Kompetenz immer noch beim untersuchenden Arzt liegt und die lobgehudelte Digitalisierung und Komfortzonenschaffung für Patientenansprüche hier irgendwann auch ad absurdum geführt wird.

Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.

Dr. med. Dietmar Wigger, 48291 Telgte

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