ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2020Von schräg unten: Generation???

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Generation???

Dtsch Arztebl 2020; 117(6): [60]

Böhmeke, Thomas

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Morgens beim Rasieren glotzt mich die ungeschminkte, ungeschönte, unverstellte Wahrheit an: zahllose Falten, gegerbt durch unendliche Sprechstunden und Nachtdienste, aufschießende Verrucae seniles, die buntes Zeugnis davon liefern, dass ich die erste Hälfte des Lebensjahrhunderts schon lange erfolgreich hinter mir gelassen habe. Das geht völlig in Ordnung, das ist alles gut so, denn meine Schutzbefohlenen wissen diesen dermatologischen Beweis der Lebenserfahrung durchaus zu schätzen.

Aber mit einer Sache komme ich nicht klar: Das, was da im Spiegel zweifelsfrei als alter Sack zu diagnostizieren ist, soll ein Babyboomer sein? Genau so wird meine Generation höchst despektierlich bezeichnet. Aber ich habe doch wahrhaftig nichts mehr von speckig-samtiger Babyhaut an mir, sondern trage eine in Würde gealterte Fassade.

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Da blicke ich mit mazerierendem Neid auf die Generationen X, Y und Z, die ihre philosophische Qualifikation in schmissige Kürzel kondensiert haben: Generation X wie „Geht mich nix an“, Generation Y wie “Überhaupt, was soll das alles hier?“ und Z wie“Zum Teufel, wo ist mein Smartphone?!“.

Ich will kein Babyboomer sein, ich will auch so einen hippen Buchstaben! Aber mir fällt partout keiner ein, daher gehe ich in die Sprechstunde und schaue mal, ob mir meine gleichaltrigen Schutzbefohlenen auf die Sprünge helfen können.

„Herr Doktor“, so berichtet mir mein erster Patient, „seitdem ich das neue Hüftgelenk habe, geht es mir wieder richtig gut, ich könnte Ihnen glatt weglaufen!“ Nun, wenn ich mir keine Sorgen um sein Herz und seine Gefäße machen muss, darf er das ruhig tun und ich die nächste Patientin in mein Sprechzimmer bitten. „Also, das muss ich Ihnen erzählen! Ich wurde doch an den Augen operiert, vor der OP habe ich immer gedacht, der Weltuntergang sei nahe, weil die Sonne nicht mehr richtig schien, so richtig blass war die. Ich sah alles nur durch einen Grauschleier, das kam mir so vor, als könnte ich den Feinstaub sehen! Und jetzt kann ich wieder ganz klar gucken, die Sonne strahlt so hell wie eh und je, der Staub ist auch weg! Sie glauben gar nicht, wie schön das ist!“ Doch, das ist doch einfach wunderbar, ich freue mich für sie.

„Herr Doktor Böhmeke, haben Sie eigentlich auch schon mal so eine Erfahrung gemacht?“ Und ob. Früher, wenn ich in meinen Garten ging, habe ich die Vögel nicht mehr zwitschern gehört. Ganz in Sorge um das Artensterben fing ich schon an, für bessere Nistplätze zu sorgen und genügend Futter bereitzustellen. Aber dann hat mich der freundliche HNO-Kollege zum Hörgeräteakustiker geschickt, der mich mit einem Satz neuer Ohren versorgte.

„Und dann? Was machten die gefiederten Freunde in Ihrem Garten?“ Kaum auszuhalten! Ich hatte beim ersten Mal den Verdacht, Alfred Hitchcock hätte sich mit seinen Vögeln hinter dem nächsten Busch versteckt und würde gleich um die Ecke kommen! Voller Panik bin ich erst mal wieder ins Haus gelaufen. Aber mittlerweile genieße ich es jeden Tag.

„Ja, unsere Generation ist einfach dankbar dafür, dass es heute so viele Möglichkeiten gibt, damit unser Leben wieder schöner wird!“ Genau. Ah, ich hab’s! Wir sind keine Babyboomer, sondern die Generation H! H wie Heil- und Hilfsmittel. Und Hedonismus!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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