ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2020Diabetische Retinopathie: Schwere mikrovaskuläre Komplikationen nach 5 Jahren suboptimaler HbA1c-Werte

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Diabetische Retinopathie: Schwere mikrovaskuläre Komplikationen nach 5 Jahren suboptimaler HbA1c-Werte

Dtsch Arztebl 2020; 117(6): A-262 / B-232 / C-225

Gerste, Ronald D.

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Foto: Retino/YourPhotoToday
Foto: Retino/YourPhotoToday

Erhöhte HbA1c-Spiegel sind ein wesentlicher Risikofaktor für Komplikationen des Diabetes mellitus wie diabetische Retinopathie und Nephropathie. In den wichtigsten Guidelines gibt es leichte Unterschiede bei den therapeutisch anzustrebenden Werten dieses Markers: meist HbA1c-Spiegel zwischen 6,5–7,5 %. Eine aggressive Therapie kann pädiatrische Patienten und ihre Familien erheblich belasten: nicht nur in Form von Stress, sondern auch durch ein erhöhtes Risiko für Hypoglykämien.

Das umfassende nationale Diabetesregister Schwedens ist nun auf die Frage hin ausgewertet worden, ob ein niedriger HbA1c-Zielwert mit einem reduzierten Risiko für Kinder und Erwachsene mit Typ-1-Diabetes assoziiert ist, an Retinopathie oder Nephropathie zu erkranken. Analysiert wurden die Daten von 10 398 überwiegend jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes (Durchschnittsalter bei Erfassung: 14,7 Jahre) von der Diagnose an für durchschnittlich 11,9 Jahre und 2,7 HbA1c-Messungen pro Jahr.

Das Risiko für Komplikationen, die Odds Ratio (OR), stieg mit der Erkrankungdauer und betrug für die diabetische Retinopathie 1,51 für 8–10 Jahre und 1,78 für 16–20 Jahre. Verglichen mit einem HbA1c- Wert zwischen 6,5–6,9 % waren für Spiegel zwischen 7,0–7,4 % die OR für eine Retinopathie auf 1,31 und für eine Mikroalbuminurie auf 1,55 erhöht. Das Komplikationsrisiko stieg bei höheren HbA1c-Werten drastisch an und betrug bei Spiegeln über 8,6 % für eine proliferative Retinopathie 5,98 und für eine Makroalbuminurie 3,43. Der Nachteil der strikten HbA1c-Einstellung auf < 6,5 % war das gegenüber einem Spiegel zwischen 6,5–6,9 % auf 1,34 erhöhte relative Risiko einer Hypoglykämie.

Fazit: „Nach den spannenden Registerdaten des dünn besiedelten Schwedens mit der nach Finnland zweithöchsten Inzidenz des Typ-1- Diabetes (circa 40/100 000 Personenjahre) verfehlten immerhin 77,6– 94,5 % der Kinder den Zielbereich des HbA1c-Wertes – je älter, desto häufiger“, erklärt Prof. Dr. med. Focke Ziemssen von der Universitätsaugenklinik Tübingen. „Bereits 5 Jahre nach der Diabetes-Manifestation steigt die Rate an mikrovaskulären Komplikationen an. Trotz der Limitationen des HbA1c-Werts und Kindern ohne Augenuntersuchung findet sich in diesen Daten ein Signal, dass unter Hypoglykämien in der Gruppe mit vermeintlich ‚gutem‘ HbA1c-Wert ebenfalls eine proliferative Retinopathie und Makroalbuminurie ausgelöst werden. Das unterstreicht die klinische Bedeutung eines kontinuierlichen Glukose-Monitorings als mögliche Maßnahme, um Hypoglykämien zu vermeiden.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Lind M, Pivodic A, Svensson AM, et al.: HbA1c level as a risk factor for retinopathy and nephropathy in children and adults with type 1 diabetes: Swedish population based cohort study. BMJ 2019; doi: 10.1136/bmj.l4894.

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