ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2020Diagnose des Typ-1-Diabetes: Bis zu einem Drittel der Kinder und Jugendlichen haben bereits eine Ketoazidose

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Diagnose des Typ-1-Diabetes: Bis zu einem Drittel der Kinder und Jugendlichen haben bereits eine Ketoazidose

Dtsch Arztebl 2020; 117(6): A-263 / B-233 / C-226

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: KindInfusion Wavebreakmedia/iStock
Foto: KindInfusion Wavebreakmedia/iStock

Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Deutschland circa 32 500 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre mit Typ-1-Diabetes. Im bundesweiten Durchschnitt hat jeder 5. Patient in dieser Altersgruppe bei Diagnosestellung eine Ketoazidose (pH < 7,3; [1]). Dieser Prozentsatz hat sich seit vielen Jahren nicht reduziert. So lag die Rate für das Jahr 2018 bei 21,9 Prozent in der Population der Kinder und Jugendlichen. 7,1 % hatten eine schwere Ketoazidose (pH < 7,1).

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, bei denen ein Typ-1-Diabetes erst bei Auftreten dieser potenziell lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung festgestellt wird, kann innerhalb eines Landes sehr unterschiedlich sein, aber auch regional im Zeitverlauf stark schwanken. Das belegt eine Registeranalyse aus Sachsen über einen Zeitraum von 18 Jahren (2).

Zwischen 1999 und 2016 wurden 1 759 Kinder und Jugendliche (0–14 Jahre) mit Typ-1-Diabetes registriert bei einer durchschnittlichen Bevölkerung in Sachsen von knapp 489 000 Menschen. Die Ketoazidoserate bei Diagnose betrug 35,2 % im Durchschnitt über die gesamten 18 Jahre. Diese Komplikation war bei 16,1 % stärker ausgeprägt: bei 12,1 % moderat und bei 4,0 % schwer.

Der Anteil der Manifestation der Ketoazidose bei Diagnose variierte im Zeitverlauf stark, aber insgesamt gab es einen deutlichen Trend zur Zunahme in der Population junger Patienten.

Im Jahr 2013 zum Beispiel hatten in Sachsen 21 % der neu mit Diabetes diagnostizierten Kinder und Jugendlichen bereits eine mittelschwere bis schwere Ausprägung der Ketoazidose, im Jahr 2014 waren es 18 %, im Jahr 2015 waren es 20 % und im darauffolgenden Jahr 17 %. Zwischen Jungen und Mädchen gab es in diesem Parameter keine signifikanten Unterschiede.

Nach Angaben der Autoren ist in der untersuchten Region die Rate der Kinder und Jugendlichen, die bei Diabetesdiagnose eine Ketoazidose haben, im Vergleich zu anderen wirtschaftlich gut entwickelten Ländern hoch. In Dänemark zum Beispiel liege die Rate bei 14,7 %.

Die diabetische Ketoazidose ist eine schwere metabolische Stoffwechselentgleisung bei Insulinmangel. Klassische, allerdings unspezifische Anzeichen eines Typ-1-Diabetes seien Polyurie, Nykturie, verstärktes Durstgefühl, anhaltende Kraft- und Antriebslosigkeit und Gewichtsverlust, so die Autoren. Bei einer Ketoazidose könnten Übelkeit, Erbrechen und abdominale Schmerzen hinzukommen. Typisch sei ein Acetongeruch des Atems. Diabetes werde als mögliche Ursache für diese Erkrankung noch zu selten erwogen. Bei einer unbehandelten diabetischen Ketoazidose bestehe das Risiko, dass die Patienten ins Koma fallen.

Fazit: „Ein akute Verschlechterung des Diabetes mit Ketoazidose ist potenziell lebensbedrohlich“, erläutert Prof. Dr. med. Andreas Neu von der Diabetes-Ambulanz der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, bei denen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits eine Ketoazidose vorliege, sei in Deutschland zu hoch. Wenn dies weiterhin so bleibe, werde sich die Zahl der Betroffenen deutlich erhöhen, denn in den nächsten 20 Jahren sei mit einer Verdoppelung der Neuerkrankungsrate zu rechnen.

Evaluierungen von Präventionsprogrammen durch internationale Fachgesellschaften hätten ergeben, dass umfassende Kampagnen zur Information von Eltern über Diabetessymptome zu einem Rückgang der Inzidenz der Ketoazidose führe.

Die DDG fordert eine systematische Aufklärung, nicht nur in Kinderarztpraxen, sondern auch in Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Deutsche Diabetes Gesellschaft: Deutscher Gesundheitsbericht 2020 – Die Bestands-aufnahme. 14. November 2019. http://daebl.de/WL19.
  2. Manuwald U, Schoffer O, Hegewald J, et al.: Ketoacidosis at onset of type 1 diabetes in children up to 14 years of age and the changes over a period of 18 years in Saxony, Eastern-Germany: A population based register study. PLOS ONE 14 (6): e0218807.

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