ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2020Medizinische Informationsobjekte: Bausteine für die Patientenakte

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Medizinische Informationsobjekte: Bausteine für die Patientenakte

Dtsch Arztebl 2020; 117(6): A-242 / B-214 / C-210

Krüger-Brand, Heike E.

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Medizinische Informationsobjekte als klar definierte digitale Informationseinheiten sollen künftig den elektronischen Datenaustausch im medizinischen Alltag erleichtern. Den Anfang macht der Impfpass als erster Baustein der elektronischen Patientenakte.

Foto: Production Perig/stock.adobe.com
Foto: Production Perig/stock.adobe.com

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat Mitte Januar in Berlin ihr Konzept für die Entwicklung von medizinischen Informationsobjekten, kurz MIOs, vorgestellt. MIOs sollen künftig dazu dienen, medizinische Inhalte zu standardisieren, maschinenlesbar zu machen und den interprofessionellen sektorenübergreifenden Datenaustausch im Gesundheitswesen grundlegend zu vereinfachen (siehe Kasten). Mit dem elektronischen Impfpass liegt zudem das erste MIO zur öffentlichen Kommentierung vor.

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Wichtig werden MIOs insbesondere als Bausteine für die geplante elektronische Patientenakte (ePA), die ab 2021 als Angebot für alle gesetzlich Versicherten in einer ersten Version verfügbar sein soll. Zu den Patienteninformationen, die die Akte dann bereitstellen wird, zählen beispielsweise Befunde, Medikationspläne, der Mutterpass und der Impfplan. Im Terminservice- und Versorgungsgesetz war die KBV damit beauftragt worden, federführend die für die Inhalte der ePA notwendigen Festlegungen hinsichtlich deren syntaktischer und semantischer Interoperabilität zu treffen.

Sektorenübergreifende Standardisierung

„Die KBV übernimmt damit eine Pionierrolle wohl nicht nur in Deutschland, denn eine sektorenübergreifende Standardisierung gab es in dieser Form bislang noch nicht“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen. „Als Vertreter des größten Bereichs im Gesundheitswesen, nämlich der ambulanten Versorgung, verfügen wir über das nötige medizinische, organisatorische und digitale Know-how.“ Gleichwohl sei klar, dass diese große Aufgabe nur gemeinsam mit kompetenten Partnern bewältigt werden könne, unterstrich Gassen. Dazu zählen unter anderem die Gesellschaft für Telematik (gematik) und deren Gesellschafter, die Hersteller von Praxis- und Krankenhaussoftware, ärztliche Berufsverbände und Fachgesellschaften, Pflegeverbände sowie die Forschung, die in die Erarbeitung der medizinischen Austauschformate einbezogen werden.

„Der Impfpass ist das erste medizinische Informationsobjekt, das wir entwickelt haben“, erläuterte KBV-Vorstand Dr. med. Stephan Hofmeister. Er ermögliche einen schnellen Überblick über den Impfstatus und die Impfhistorie, zeige bestehende Impflücken und die Dauer von Immunisierungen. Ärzte könnten zudem erkennen, welcher Impfstoff wann verwendet wurde. „Man sieht nicht nur, dass, sondern was genau – welche Charge – geimpft worden ist“, betonte er. Dies sei etwa bei einem Chargen-Rückruf von Bedeutung.

Auch für die Patienten ergibt sich Hofmeister zufolge ein Mehrwert: Sie können in ihrer ePA den Impfpass aufrufen und sich über abgelaufene oder demnächst fällige Impfungen informieren. In einem weiteren Schritt lassen sich aus den Informationen künftig zudem Erinnerungsfunktionen generieren, sodass Praxen ihre Patienten rechtzeitig über eine fällige Impfung informieren können.

Webseite für die Kommentierung

Seit Mitte Januar ist die Spezifikation für den Impfpass auf der eigens dafür geschaffenen Webseite zur Kommentierung freigegeben. Bereits in der ersten Woche habe man eine rege Beteiligung verzeichnet, hieß es. Das öffentliche Verfahren dauert sechs Wochen. In dieser Zeit können interessierte Experten, Fachgesellschaften und Organisationen Hinweise zu den definierten Standards abgeben. Mitte 2020 sollen dann die ersten MIO-Definitionen fertiggestellt und im Vesta-Verzeichnis der gematik abrufbar sein. Auch der jeweilige Arbeitsstand der einzelnen MIOs und die groben Zeitpläne für neue MIOs sind über die Plattform einsehbar.

Man habe das Kommentierungsverfahren der gesetzlich vorgeschriebenen Benehmensherstellung vorangestellt, um eine möglichst breite Beteiligung an den Spezifikationen zu ermöglichen und die Meinungen vieler einholen zu können, erläuterte Gassen. Den endgültigen Beschluss über die jeweilige Festlegung treffe der Vorstand der KBV.

Parallel zum Impfpass entwickelt die KBV derzeit gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ein MIO für das Zahn-Bonusheft, das im März in die Kommentierungsphase gehen soll, berichtete Gassen. Auch am Mutterpass und am U-Untersuchungsheft für Kinder (Gelbes Heft) werde bereits gearbeitet. Diese beiden Dokumente seien jedoch komplexer, weil sie auch Abbildungen, etwa Ultraschallaufnahmen, enthielten und unterschiedliche Untersuchungen abdeckten, sodass erste MIOs erst im zweiten Halbjahr 2020 folgen werden. Weitere Teilprojekte sind der Krankenhaus-Entlassbrief sowie Labordaten.

Transparenz und Kooperation werden bei der MIO-Entwicklung großgeschrieben. So kooperiert die KBV unter anderem mit der vom Bun­des­for­schungs­minis­terium geförderten Medizininformatik-Initiative (MII) der Universitätsklinika. Darauf verwies KBV-Vorstand Dr. rer. soc. Thomas Kriedel in seinem Statement. Die MII arbeite an einrichtungsübergreifenden Definitionen zu Datensatzstrukturen und deren syntaktischer Umsetzung. Das sei für die KBV interessant, denn dabei gebe es natürlich viele Schnittmengen zu den MIOs. Bei medizinischen Fragen werden ihm zufolge vor allem Verbände einbezogen, die sich inhaltlich mit der Thematik MIO befassen, wie etwa beim Impfpass der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte oder beim Mutterpass die Gynäkologen. Bei technischen Fragen würden hingegen Fachleute für Interoperabilität hinzugezogen.

Nicht nur für die ePA werden die MIOs künftig eine Rolle spielen, sondern auch für die digitalen Gesundheitsanwendungen, die Ärzte gemäß dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig ihren Patienten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verschreiben können.

MIOs auch für Apps auf Rezept wichtig

So enthält der kürzlich vorgelegte Entwurf der Rechtsverordnung aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, der die Anforderungen an die Erstattungsfähigkeit solcher Apps auf Rezept definiert, auch Bestimmungen zur Interoperabilität. Danach müssen die Hersteller bei der Gestaltung der Apps „die Anforderungen der technischen und semantischen Interoperabilität“ umsetzen und beispielsweise sicherstellen, „dass die Versicherten spätestens ab dem 1. Juli 2021 Auszüge der über die digitale Gesundheitsanwendung verarbeiteten Gesundheitsdaten (. . .) in einem interoperablen Format in eine elektronische Patientenakte nach § 291 a SGB V überführen können“. An der Interoperabilität und Kompatibilität zur ePA geht damit kein Weg vorbei. Der Stempel als Medzinprodukt werde daher auch die MIO-Standardisierung und die Interoperabilität zur ePA erfordern, meinte KBV-Chef Gassen.

Auch organisatorisch hat sich die KBV für ihre neue Aufgabe gerüstet: Die Leitung für das Großprojekt Standardisierung liegt in der KBV. In der Tochter kv.digital (ehemals KV Telematik GmbH) wurde jedoch zusätzlich für die MIO-Entwicklung ein eigener Geschäftsbereich geschaffen, der in naher Zukunft in eine eigene GmbH ausgegliedert werden soll. Dort arbeiten interdisziplinäre Teams mit medizinischer, medizininformatischer und Codier-Expertise gemeinsam an weiteren MIOs. Heike E. Krüger-Brand

Was sind MIOs?

Medizinische Informationsobjekte sind klar definierte medizinische Informationseinheiten, die als digitale Bausteine universell verwendbar und kombinierbar sind. Aus kleineren Informationseinheiten können dabei komplexere zusammengesetzt werden. So besteht das MIO-Dokument Impfpass etwa aus den MIO-Elementen Patientendaten und Impfeintrag. Letzterer enthält wiederum MIOs wie zum Beispiel Impfstoff, Impfdatum und die jeweilige Erkrankung, gegen die geimpft wird.

Foto: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Foto: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

MIOs dienen dazu, medizinische Daten und Informationen standardisiert, das heißt nach einem definierten Format, auszutauschen. Dadurch werden sie interoperabel und können sektorenübergreifend und interprofessionell genutzt werden. MIOs ermöglichen es, medizinische Daten und Informationen wiederverwendbar zu machen.

MIOs sollen künftig überall dort genutzt werden, wo medizinische Informationen erstellt, verarbeitet und ausgetauscht werden, etwa in Arztpraxen und Apotheken, in Krankenhäusern, in der Pflege, bei den Rettungsdiensten oder in der Forschung.

Infos unter https://mio.kbv.de

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