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Innovationsfonds: Projekte mit ungewisser Zukunft

Beerheide, Rebecca

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Seit 2016 fließen in den Innovationsfonds jährlich 300 Millionen Euro. In den nächsten Monaten werden für die ersten abgeschlossenen Projekte aus dem Innovationsfonds Evaluationen vorliegen. Ob die oftmals positiven Ergebnisse den Weg in die Regelversorgung finden, ist noch unklar.

Foto: keytoken/stock.adobe.com
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Es sind Zahlen, die beeindrucken und die medizinische Versorgung in vielen Bereichen verändern könnten: Mit dem Innovationsfonds wurden zwischen 2016 und 2019 pro Jahr 225 Millionen Euro in die Förderung neuer Versorgungsformen investiert, 119 Projekte haben davon in den vergangenen Jahren profitiert. Für die ersten Projekte, die mit dem Status „laufend“ in der Datenbank des Innovationsausschusses derzeit geführt werden, sollen in den kommenden Monaten Ergebnisberichte vorliegen, die mit Spannung erwartet werden. Derzeit bereitet der Innovationsausschuss, der die Projekte auswählt und beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) angesiedelt ist, die Abnahme der Berichte vor. Im zweiten Quartal 2020 werden erste Beschlüsse erwartet, die einzelne Projekte zur Überführung in die Regelversorgung empfehlen sollen. „Fest steht schon jetzt, dass besonders Projekte, die sich mit vulnerablen Gruppen beschäftigen und einen ganzheitlichen Ansatz haben, besonders gut gelaufen sind“, sagt Prof. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des G-BA und in dieser Funktion auch Vorsitzender des Innovationsausschusses, dem Deutschen Ärzteblatt.

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Neben den Projekten für neue Versorgungsformen wurden auch 229 Studien zur Versorgungsforschung mit 75 Millionen Euro jährlich gefördert, von denen ebenfalls demnächst die ersten Berichte eingereicht werden.

Interesse und Ernüchterung

„Ich würde es als Erfolg werten, wenn 20 Prozent der Verträge in die Regelversorgung oder in Selektivverträge aufgenommen werden.“ Josef Hecken, Vorsitzender Innovationsausschuss und unparteiischer G-BA-Vorsitzender. Foto: Svea Pietschmann
„Ich würde es als Erfolg werten, wenn 20 Prozent der Verträge in die Regelversorgung oder in Selektivverträge aufgenommen werden.“ Josef Hecken, Vorsitzender Innovationsausschuss und unparteiischer G-BA-Vorsitzender. Foto: Svea Pietschmann

Als 2016 der Innovationsfonds an den Start ging, überstieg die Summe der beantragten Gelder zunächst bei Weitem das, was im Fördertopf insgesamt gewesen wäre. So hätten schon 2016 mehr als 1,7 Milliarden Euro ausgegeben werden können, die erste Förderwelle hatte 570 Projektanträge für neue Versorgungsformen, von denen letztendlich 29 bewilligt wurden. Das Interesse an der Antragstellung für die folgenden zwei Förderwellen ließ zwar im Laufe der Jahre nach – aber über mangelndes Interesse kann sich der Innovationsausschuss nicht beklagen: Immer noch kommen pro Förderwelle weitaus mehr Anträge an, als gefördert oder akzeptiert werden können. Ende März 2020 werden erstmals nach neuen Regeln, die im Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) festgelegt wurden, Fördermittel vergeben. „Wie das Gros der Projekte gelaufen ist, werden wir in ungefähr zwei Jahren abschließend beurteilen können, dann liegen zu den ersten drei Förderwellen zu neuen Versorgungsformen alle Berichte vor“, erklärt Hecken.

Durch den Innovationfonds sind in den vergangenen drei Jahren auch für das Gesundheitswesen bis dato ungewöhnliche Allianzen entstanden: So arbeiten erstmals für die Projekte Kassenärztliche Vereinigungen, unterschiedliche Kassenarten und die Spitzenverbände von Krankenkassen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zusammen, oder es gibt Kooperationen zwischen mehreren Unikliniken, verschiedenen Krankenkassen und regionalen Ärztenetzen. Die übergreifende Zusammenarbeit zeigt die kreative Wirkung des Innovationsfonds auch über die Versorgungsprojekte hinaus.

Rekrutierung von Ärzten

In dieser Zeit der Kreativität und interessanter Zusammenarbeit wurden aber auch Schwierigkeiten deutlich, die jetzt in der Evaluationsphase vieler Projekte problematisch werden: Auf dem BMC-Kongress Mitte Januar in Berlin berichteten mehrere Evaluationsexpertinnen und Experten, dass viele Projektträger es unterschätzt hätten, wie aufwendig die Suche nach geeigneten Vertragsarztpraxen von Haus- und Fachärzten sei, die bei den Projekten teilnehmen sollen. „Hier haben wir oftmals persönlich den Kontakt zu jeder einzelnen Ärztin oder jedem einzelnen Arzt gesucht und sie vom Projekt überzeugt“, berichtete René Engelmann, Leiter des Netzwerksmanagements bei IVPNetworks. Das Unternehmen betreut beispielsweise das Innovationsfondsprojekt „Neurologisch-psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung (NPPV)“ als Koordinator. Ähnlich wie beim Vertrieb von Produkten würden Strukturen benötigt, um Praxen sowie auch Patienten zu rekrutieren.

Bei einigen Projekten und auch Regionen sei es zudem schwierig geworden, weil zu viele Projekte gleichzeitig in einer Region gefördert und durchgeführt wurden. „Gegenseitige Projektkonkurrenz“ habe es nicht immer leichter gemacht, Ärzte zur Teilnahme zu motivieren, besonders, da oftmals nur Patienten mit einer bestimmten Kran­ken­ver­siche­rung an dem Projekt teilnehmen konnten. „Daher sehen wir die Zusammenarbeit mit Ärztenetzen als positiv an, da hier oftmals mehr Bereitschaft zur Teilnahme ist“, berichtete Stefan Wirtz, Projektmanager bei der Techniker Krankenkasse. Die Wahl der Projektpartner und wer wirklich für ein gutes Versorgungsprojekt benötigt werde, müsse künftig genauer von den Projektpartnern geprüft werden, hieß es. „Man sollte die Zahl der Projektpartner nicht zu sehr vergrößern, da dann auch der Faktor Zeit wichtig wird und mit vielen Partnern die Phase der Umsetzung deutlich länger dauert“, sagte Katharina Achtert von inav – privates Institut für angewandte Versorgungsforschung, die ebenfalls Projekte evaluieren.

Daher empfiehlt das IGES Insitut, das auch die Evaluation einiger Projekte übernommen hat, starke Projektpartner zu suchen, damit ausreichend Arztpraxen sowie Patienten rekrutiert werden können. Sonst werde es für die Evaluation schwer, die Fallzahlen entsprechend zu bewerten – was sich ebenso wieder auf die Möglichkeit der Empfehlung für die Regelversorgung auswirkt, erklärte IGES Projektleiterin Julia Wolff auf dem BMC-Kongress.

Der Weg in die Regelversorgung

In den kommenden Monaten werden die Diskussionen, wie die gut evaluierten Projekte (siehe Beitrag auf den folgenden Seiten) in die Regelversorgung kommen können. Bei zwei Projekten wurde bereits vor dem Abschluss- und Evaluationsbericht reagiert: So wurde das Projekt INVEST im Hamburger Stadtteil Billsted/Horn (DÄ 15/2018) in einen Selektivvertrag überführt. Auch die Erfahrungen aus dem Projekt „Telenotarzt Bayern“ wurden in das System des Rettungsdienstes im ganzen Bundesland einbezogen.

Doch so einfach wird es nicht mit jedem Projekt laufen, einige werden wegen zu kleiner Patientengruppen keine gute Evaluation erhalten, andere waren zu speziell, wieder andere werden sehr wahrscheinlich an der Zwischenfinanzierung scheitern. Denn ist das Geld aus dem Innovationsfonds aufgebraucht, ist derzeit keine verpflichtende Übergangsfinanzierung geplant. G-BA-Vorsitzender Hecken sieht mehrere verschiedene Wege, wie erfolgreiche Projekte und deren Ergebnisse in die Versorgung einfließen können: „Ein voraussichtlich häufig genutzter Weg könnte die Aufnahme von Änderungen und Ergänzungen der Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses sein“, sagt Hecken. Dafür müssten die Projektbewertungen, die der Innovationsausschuss übernimmt, positiv verlaufen.

Weitere 200 Millionen Euro

Ein weiterer Weg könnte über die Neuaufnahme sowie Ergänzung im Bundesmantelvertrag zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband laufen, so Hecken. „Ganz grundsätzlich möglich wäre auch eine Änderung der gesetzlichen Regelungen über den Leistungsanspruch der Versicherten.“ Hecken hat als Ausschuss- und G-BA Vorsitzender ein weiteres Ziel festgesetzt: „Ich würde es als Erfolg werten, wenn 20 Prozent der Projekte in die Regelversorgung oder in große Selektivverträge aufgenommen werden.“

Mit der innovativen Kraft soll es aber mit Ende der ersten drei Förderwellen im Innovationsfonds noch nicht vorbei sein: So wurde mit dem im November 2019 beschlossenen DVG der Fonds um weitere fünf Jahre verlängert. Bis 2024 stehen jährlich 160 Millionen Euro für die Förderung von neuen Versorgungsformen bereit, 40 Millionen Euro sollen jährlich in Projekte der Versorgungsforschung fließen. Neu ist, dass mindestens fünf Millionen Euro davon auch für die Entwicklung oder Weiterentwicklung ausgewählter medizinischer Leitlinien aufgewendet werden sollen. Anträge für die erste Förderwelle des „zweiten“ Innovationsfonds müssen bis Ende März eingereicht werden. Rebecca Beerheide

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