ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2000Glücklich macht der Kokosriegel: Loriots „Rede an die Jugend“

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Glücklich macht der Kokosriegel: Loriots „Rede an die Jugend“

Dtsch Arztebl 2000; 97(7): [68]

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LNSLNS Die Immatrikulationsfeier im Wintersemester 1999/2000 der FU Berlin wurde vom Fachbereich Humanmedizin/ Universitätsklinikum Benjamin Franklin übernommen. Festredner im Audimax der Freien Universität war Vicco von Bülow (Loriot) mit einer "Rede an die Jugend", die (nicht nur) Mediziner zum schmunzelnden Nachdenken anregen sollte: "Die so genannten Erwachsenen tappen hinsichtlich der Lebensgewohnheiten der Jugend völlig im Dunkeln. Hier bedarf es behutsamer Nachhilfe. [. . .]
Vor allem sollte genügend Zeit zum Fernsehen bleiben. Die Universitäten neigen dazu, durch ein überreichliches Arbeitspensum das geregelte Fernsehen zu erschweren. Ihr aber solltet nicht nachlassen, vor allem die Werbung intensiv zu verfolgen.
Dann wisst ihr, was unser Leben so glücklich macht: nicht Wissen, nicht Bildung, nicht Kunst und Kultur . . . neinnein . . . es ist der echte Kokosriegel mit Knusperkruste, die sanfte Farbspülung für den Kuschelpullover und der Mittelklassewagen für die ganze glückliche Familie. Fundierte Kenntnisse von den Konsumzielen der deutschen Durchschnittsfamilien machen euch nicht nur für eure Eltern unentbehrlich. Auch die Industrie richtet sich nach eurem Geschmack. [. . .]
Hinzu kommt, dass sich moderne Geräte in den Augen der älteren Generation so gut wie nicht mehr voneinander unterscheiden.
Wenn das Handy läutet und man hält den Rasierapparat ans Ohr, können Sekunden vergehen, die über Leib und Leben enscheiden. Von Zufall kann hier wohl nicht die Rede sein. Vielmehr soll dem als störend empfundenen älteren Menschen die Teilnahme am Fortschritt verleidet werden. [. . .]
Ein Übriges tut jene Sprache, die nur ein Jugendlicher beherrscht, der am Computer einsitzt, um per Internet eine verlässliche Kommunikationsschiene zum Sohn eines Börsenmaklers in Timbuktu aufzubauen. [. . .]
So bleibt mir nur die Hoffnung, ihr werdet nicht auf sämtliche Knöpfe drücken, die euch eine schrankenlose Technik zur Verfügung stellt. Vielleicht seid ihr dann die erste Generation, die den wirklichen Fortschritt darin erkennt, nicht alles zu tun, was machbar ist."
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