ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2020Interview mit Georg Milzner, Psychologischer Psychotherapeut und Hypnotherapeut: „Ein Gefühl dafür, dass es noch etwas anderes in der Welt gibt“

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Interview mit Georg Milzner, Psychologischer Psychotherapeut und Hypnotherapeut: „Ein Gefühl dafür, dass es noch etwas anderes in der Welt gibt“

Britten, Uwe

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Religiöse Weltbilder werden in Psychotherapien eher nicht offen ausgedrückt, gleichwohl spielen sie im Hintergrund eine große Rolle sowohl im Krisenverlauf als auch bei der Ressourcensuche. Therapeutisch geht es dabei um ein Vortasten auf unsicheres Terrain jenseits von Wahrheiten.

Sie bringen eine große Offenheit gegenüber religiösen und spirituellen Weltbildern mit. Wie oft kommt es vor, dass Sie Sein oder Nichtsein eines Gottes in den Sitzungen verhandeln müssen?

Georg Milzner ist Psychologischer Psychotherapeut sowie Hypnotherapeut. Von ihm erschien das Buch „Religion und Gehirn“ im Verlag Via Nova. Foto: Sinworks
Georg Milzner ist Psychologischer Psychotherapeut sowie Hypnotherapeut. Von ihm erschien das Buch „Religion und Gehirn“ im Verlag Via Nova. Foto: Sinworks
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Georg Milzner: Das ist nicht so ganz selten. Allerdings geht es meist weniger um ein Verhandeln der Existenz Gottes. Vielmehr ergibt sich die Frage nach dem spirituellen Hintergrund oft aus anderen Zusammenhängen. Jemand hat Angst vor dem Tod und hätte gerne mehr Zuversicht, dass es nach dem Erdenleben irgendwie weitergeht. Eine kirchlich geschlossene Ehe wird geschieden und in der nachfolgenden Depression wird eine Schuldthematik ersichtlich. Ein junger Mann, an Krebs erkrankt, verliert in der Folge auch seinen Glauben – warum eigentlich? Fühlte er sich zuvor durch seine Religiosität womöglich zu sicher? Oder auch: Jemand hat das Gefühl, bei wesentlichen Entscheidungen von etwas geleitet zu werden, was er aber nicht näher bestimmen kann. Kann er dem trauen oder ist das purer Unsinn?

Um in Glaubensfragen mehr Zuversicht zu bekommen, werden oft auch die Therapeuten gefragt, ob sie an einen Gott glauben. Wie reagieren Sie?

Milzner: Entspannt. Meist möchte ich erst mal wissen, warum das für den Klienten denn wichtig ist. Gute oder schlechte Therapeuten gibt es ja bei spirituellen Menschen ebenso wie bei Agnostikern. Meist aber geht es bei dieser Frage um etwas anderes, nämlich um die Authentizität des Therapeuten. Da ist es dann auch wichtig, authentisch zu antworten, was in meinem Fall hieße: Ja, ich empfinde so etwas wie eine spirituelle Präsenz.

An einen Gott zu glauben hat ja in der Daseinsbewältigung durchaus einen Vorteil.

Milzner: Ja, nämlich den, dass man einen ständigen Bezugspunkt hat. Menschliche Beziehungen können wegbrechen, Werte können massiv infrage geraten, aber dieser Bezugspunkt bleibt erhalten. Das kann sehr entlastend sein, aber die evolutionspsychologische Sichtweise, nach der der Bezug zu einem Gott Überlebensvorteile bietet, möchte ich dennoch nicht unwidersprochen lassen. Uns begegnen in der Praxis ja auch die religiösen Wahnbildungen und, weit häufiger noch, die Auswirkungen religiöser Systeme, in denen schlimmes Leid als Folge früherer Verfehlungen gedeutet wird, finanzieller Misserfolg als Folge von Sünde und Ähnliches mehr.

Nun bleibt bloßes Glauben oft doch unbefriedigend, man möchte eine höhere Gewissheit, dass es „wirklich“ einen Gott gibt.

Milzner: C. G. Jung hielt vom Glauben nicht sehr viel, und ich stimme ihm darin zu. Die Einforderung von Glauben macht aus autonomen Menschen eine lenkbare Herde. Besser ist es, sich spirituellen Erfahrungen zu öffnen. Beispielsweise kann man Formen der Kontemplation oder Meditation erlernen. Wer dabei die Erfahrung macht, sich von irgendetwas getragen zu fühlen, oder wer eine Art höherer Andacht erlebt, für den ist das subjektiv oft sehr viel hilfreicher als ein naiver Glaube. Es ist ja im Übrigen auch immer schon ein Zeichen für etwas, wenn Menschen mit religiös eingefärbten Themen zu uns kommen und eben nicht zu einem Guru oder einem kirchlichen Seelsorger gehen.

Wenn Menschen an eine metaphysische Sinngebung glauben, entsteht zuweilen das Phänomen, dass Verantwortung an eine höhere, nicht durchschaubare Instanz abgegeben wird, statt selbst die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Milzner: Ja, das passiert gerade bei problematischen Handlungen leicht. Die sind dann Gottes Wille gewesen oder es hat zum Beispiel ein Dämon in mir gewütet. Das führt bei manchen Menschen tatsächlich dazu, dass sie Verantwortung für das Getane ablehnen. Insbesondere bei Handlungen, die völlig dem eigenen Wertgefühl widersprechen, wird auf diese Weise kognitive Dissonanz reduziert.

Therapeutisch können wir darauf erlebnisorientiert reagieren, indem wir fragen, was denn genau im Klienten vorging, als er tat, was er tat. Fühlte er sich noch als er selbst? Und welches Gottesbild leitete ihn da? Gott wird ja selten so konstruiert, dass er uns fortwährend manipuliert, sondern die Lehren besagen eher, dass er uns vor Aufgaben stellt, die wir lösen müssen. Um diese Aufgabe zu lösen, sind wir Individuen es, die die Entscheidungen treffen. Mit dieser Wendung bringen wir dann wieder die persönliche Verantwortung des Klienten ins Spiel zurück.

Es gibt aber auch das Phänomen, dass spirituelle Menschen auf der Suche nach einer Art von Bestimmung sind ...

Milzner: Ja. Sie wählen sich dann nicht ihren Lebensweg aus, sondern versuchen zu ergründen, was das Göttliche von ihnen möchte. So etwas folgt einer mystischen Tradition und widersetzt sich der klinischen Zuordnung. Was jedoch dabei entstehen kann, ist Verwirrung, etwa wenn Menschen auf Stimmen in sich lauschen. Ich rege dann an, mit diesen inneren Stimmen in Kontakt zu kommen, genau auf die Stimmlage zu hören und eventuell auch eine Stimme, die den Klienten zu etwas bringen will, zu fragen, ob sie auf seiner Seite steht oder nicht. Dabei kommt häufig heraus, dass diese Menschen die für sie gefährlichen Stimmen durchaus identifizieren können.

Gerade religiöse Menschen nehmen oft ja nicht nur eine einzige „Kraft“ in sich und der Welt wahr, sondern mehrere. So ist der Widersacher von Gott als Verführer zum Bösen in vielen Religionen präsent, und es kann sich lohnen zu ergründen, was der Klient denn als böse erlebt. Es geht also wieder um eine Differenzierung. Überhaupt würde ich sagen, dass es bei religiösen oder spirituellen Menschen immer darum geht, eine innere Balance herzustellen. Diese Ausbalancierung hilft ihnen in Krisen.

Insbesondere ein strafender und rigider Gott kann zu massiven Schuldgefühlen und Selbstabwertungen führen – wie dem begegnen? Dahinter stecken ja oft sehr robuste Denkmuster.

Milzner: Denkmuster, genau. Aber diese Denkmuster sind an eine bestimmte Bewusstseinslage geknüpft. Arbeitet man dann mit Bewusstseinstechnologien wie Trancen, meditativen Techniken oder auch nur mit Atemübungen, dann kann man diesen rigiden Zustand, der ja viele Gemeinsamkeiten mit zwanghaften Mustern aufweist, immer wieder partiell auflösen, weil wir in Trancen oder in meditativer Versenkung eben kaum denken. Zwanghafte und depressive Muster finden ja wie Selbstentwertungen oder das Wiederholen von Versündigungsgedanken auf der Denkebene statt. Verlässt man diese Ebene und führt die Menschen hin zu einem eigenen Spüren, hin zum Körper, hin zur Intuition, dann ist das alles schon nicht mehr so drängend.

Wie weit gehen Sie mit dem Einbezug religiöser Techniken in ihre Interventionen? Anders gefragt: Beten Sie auch mit den Klienten in Therapiesitzungen?

Milzner: Was Sie „religiöse Techniken“ nennen, sind eigentlich Werkzeuge der Bewusstseinstechnologie. Die hat man in früheren Jahrhunderten allerdings vor allem in religiösen und spirituellen Kontexten ausgebaut, und erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen Psychologen, sich damit zu befassen. Ich habe die Formen der religiösen Erfahrung in meinem Buch „Religion und Gehirn“ in acht Schaltkreisen systematisiert. Beten gehört dabei dem „sprechend-dialogischen“ Schaltkreis an, den der Patient nur in sich selbst aktivieren kann.

Also nein, ich bete selbst nicht mit Klienten. Mit einem solchen Wunsch war ich auch noch nicht konfrontiert. Allerdings frage ich schon oft, was für ein Weltbild jemand hat, ob er Riten kennt, kleine spirituell aufgeladene Gesten. Geht jemand, bevor er eine Prüfung absolviert, mal eben schnell in die Kirche? So etwas hat natürlich große therapeutische Relevanz, denn hinter den Riten wirken ins Unbewusste abgesunkene Sehnsüchte nach einem größeren Zusammenhang. Spricht man dies vorsichtig an, spürt man oft Scham bei Klientinnen und Klienten. Es ist, als sei dies jener Intimraum geworden, der einmal die Sexualität war. Dabei können wir, wenn wir behutsam vorgehen, etwas über die Person herausfinden und über ihr Ressourcenpotenzial. Damit bewegen wir uns auf hilfreiche Art weg vom Krankheitsbild und von der Diagnose.

Gibt es denn etwas, was verunsicherte und psychisch erkrankte Klientinnen und Klienten von religiösen Menschen lernen könnten?

Milzner: In mancher Hinsicht ja. Spirituelle und religiöse Menschen sind weniger hedonistisch als die immer am Konsumierbaren orientierten Idealbilder unserer heutigen Welt. Und hedonistische Menschen leiden tendenziell mehr, weil ihnen der geistige Überbau fehlt. Wir wissen aus Studien, dass schon Kinder glücklicher sind, wenn sie eine spirituelle Orientierung haben. Es ist darin aber auch gezeigt worden, dass diese Zufriedenheit kippt, wenn es sich um religiöse Erziehung mit einer rigiden Auslegung handelt. Die würde dem Lebensgefühl des Kindes eher schaden. Es braucht eine offene Spiritualität, offenes Fragen muss möglich sein. Vielleicht lässt sich im Kind ein Gefühl dafür wecken, dass es noch etwas anderes in der Welt gibt. Das hat alles nichts mit einer geordneten oder sogar organisierten Spiritualität zu tun, sondern mit einer, die anerkennt, dass etwas in der Welt auf uns wirkt. Und wir in ihr zu keinem Zeitpunkt gänzlich allein sind.

Das Interview führte Uwe Britten.

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