ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2020Psychotherapeutische Beziehung: Vielfältige Grenz- und Abstinenzverletzungen

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Psychotherapeutische Beziehung: Vielfältige Grenz- und Abstinenzverletzungen

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Die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut ist von einem Machtgefälle geprägt. Inwiefern dieses Machtgefälle Psychotherapeuten zu einem Machtmissbrauch verleitet, zeigen Daten aus 840 Beratungsfällen des Ethikvereins e. V. Essen.

Danach suchten vor allem weibliche Patienten Beratung. Die häufigsten Gründe waren Empathieversagen (47,2 %), zudem Beleidigungen, Beschimpfungen und Einschüchterung der Patienten, Desinteresse oder wiederholtes Einschlafen des Therapeuten. Auch soziale Grenzverletzungen (30 %), bei denen es zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten, Rollenumkehr und die Annahme von Geschenken durch Therapeuten gekommen ist, zählen dazu. Fast ebenso häufig wurde von Setting- und Rahmenverletzungen (29,8 %) berichtet, worunter die häufige Störung durch Telefonate oder das vorzeitige Beenden von Sitzungen fallen. In 18,2 % der Beschwerdefälle kam es zu Verletzungen der Aufklärungs-, Dokumentations- oder Schweigepflicht und in 14,1 % der Fälle zu ökonomischem Missbrauch, der sich unter anderem darin äußerte, dass Therapeuten nicht durchgeführte Sitzungen abrechneten, Patienten für sich arbeiten ließen, Spenden entgegennahmen, schädigende geschäftliche Beziehungen zum Patienten unterhielten oder verpflichtende Seminare an Patienten verkauften. In weiteren Beratungsfällen wurde vom unangekündigten Abbruch der Therapie durch den Therapeuten, von mangelnder Diagnostik, Befangenheit sowie sexuellem Missbrauch (22,8 %) berichtet. „Die schädigenden Folgen aller Formen von Grenzverletzungen sind in den Beratungen in fast allen Fällen zu beobachten“, so Dr. med. Andrea Schleu vom Ethikverein Essen e. V. Auch wenn sexueller Missbrauch die schwerste Grenzverletzung darstellt, versperrt die Einengung des Diskurses auf sexuellen Missbrauch nach Meinung Schleus den Blick auf grundsätzliche Fragen wie den Umgang mit dem strukturellen Machtgefälle oder eine professionelle Gestaltung einer psychotherapeutischen Beziehung. ms

Andrea Schleu: Spektrum von Grenz- und Abstinenzverletzungen in Psychotherapien. Psychotherapeut 2019; 64 (6): 455–62.

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