ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2020Nelson Mandela: Ein Leben für die Befreiung

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Nelson Mandela: Ein Leben für die Befreiung

Kattermann, Vera

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Der Politiker löste eine der zentralen politischen Aufgaben des 20. Jahrhunderts, das Überwinden von Rassenhass und -verfolgung, in Südafrika wundersam friedlich. Er war es allerdings auch, auf dessen Geheiß der ANC zum gewaltsamen Kampf gegen die Apartheid aufrief.

„Ich wusste, die Menschen erwarteten von mir, dass ich Zorn auf die Weißen hegte. Doch das war nicht der Fall.“ Nelson Mandela, hier im Jahr 2000. Foto: dpa
„Ich wusste, die Menschen erwarteten von mir, dass ich Zorn auf die Weißen hegte. Doch das war nicht der Fall.“ Nelson Mandela, hier im Jahr 2000. Foto: dpa

Noch so ein Tag, der Geschichte schrieb: der 2. Februar 1990. Knapp drei Monate nach dem Mauerfall in Berlin, weltpolitisch hochbedeutsam, öffneten sich auch in Südafrika gewaltsam gesicherte Grenzen. Die Jahrzehnte währende rigorose Grenzziehung der Apartheid hatte zu teilweise absurd anmutenden kleinteiligeren Grenzverläufen geführt: etwa in öffentlichen Bussen, in denen People of Colour und Weiße gesondert zu sitzen hatten, an Stränden, die gesondert ausgewiesen waren, in Krankenhäusern mit Stationen für Weiße und People of Colour. Das gesamte öffentliche Leben war von Grenzen durchzogen, Verstöße gegen diese Ordnung wurden hart geahndet. Der ANC, Kampforganisation gegen die Apartheid-Diskriminierung, unterlag 40 Jahre lang einem Parteienverbot – was ihn keineswegs von einem hartnäckig gefochtenen Befreiungskampf abhielt. Der Umbruch am 2. Februar 1990 schien ebenso plötzlich wie der deutsch-deutsche: In seiner Parlamentsrede erklärte F. W. de Klerk als damaliger Präsident die sofortige Aufhebung des Verbots des ANC und anderer Befreiungsbewegungen. Damit war das Ende des Apartheidstaats eingeläutet.

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27 Jahre lang in Gefängnishaft

Schnell wurde auch der prominenteste Inhaftierte des ANC, Nelson Mandela, nach 27 Jahren Haftzeit entlassen und von einer begeisterten „Rainbow Nation“ gefeiert. Die außergewöhnliche politische Kehrtwende, die nicht durch Gewaltanwendung durchgesetzt wurde, ist ein weiteres Lehrstück darüber, wie sich erbitterter, reaktionärer und eisern scheinender Widerstand gegen Veränderung durch kluges politisches Handeln auflösen kann. Zu würdigen ist darin das außergewöhnliche politische Talent Mandelas, der das Ende der Apartheid aus dem Gefängnis heraus in langen geheimen Verhandlungen vorbereitet hatte. Ein Mann, der bereit war, seine politische Überzeugung mit dem Risiko der Todesstrafe und letztlich 27 Jahren Haft zu bezahlen, muss verbittern oder über sich selbst hinauswachsen. Mandela scheint dafür prädestiniert gewesen zu sein, eine der zentralen politischen Aufgaben des 20. Jahrhunderts, das Überwinden von Rassenhass und -verfolgung, in Südafrika wundersam friedlich und überraschend elegant zu lösen.

Allerdings gilt es, dabei nicht in einen Sog bewundernder Verklärung zu geraten. Befragt man Menschen, die ihn kannten, so heben sie immer wieder drei Eigenschaften hervor, die ihn besonders charakterisierten: Wärme, Würde und Autorität.

Seine Herzenswärme galt tatsächlich als legendär – Mandelas Wesen nahm sogar seine weißen Gefängniswärter ein, die zum Teil Freunde und engste Vertraute wurden. Er nahm intensiv Anteil am Leben seiner Mitmenschen und merkte sich Namen und Details aus ihrem Leben mit erstaunlicher Akribie. Die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer, ebenfalls Südafrikanerin, bemerkte dazu: „Es scheint trivial, aber es ist ein Zeichen von etwas Tiefem: die Ferne von jeder Egozentrik; die Fähigkeit, für andere zu leben, die für seinen Charakter zentral ist.“

Gewahrsein von Würde

Die herzliche Nähe zu anderen verband sich in der Person Mandelas mit einem tiefen Gewahrsein seiner Würde. Als Nachfolger und Sohn eines schwarzafrikanischen Adelsgeschlechts wurde ihm dies wohl gleichsam in die Wiege gelegt, sie verließ ihn auch dann nicht, als er als Insasse in Gefängniskleidung erste Verhandlungen mit der Apartheid-regierung aufnahm.

Es gelang Mandela, dem politischen Widersacher die Bedeutung der wechselseitigen Abhängigkeit zu vermitteln, in der sich beide Seiten befanden, und deren Anerkennung letztlich die Voraussetzung für den friedlichen Übergang bildete. Mandela schien nicht nur zu wissen, sondern auch vorzuleben, dass Hass auf seine historischen Gegner die Situation nicht lösen, sondern vielmehr verhärten würde. Er selbst schrieb dazu in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“: „Ich wusste, die Menschen erwarteten von mir, dass ich Zorn auf die Weißen hegte. Doch das war nicht der Fall. Im Gefängnis nahm mein Zorn auf die Weißen ab, aber mein Hass auf das System wuchs.“ Sein ganzer Einsatz galt vielmehr dem Ziel, die Ängste der weißen Bevölkerung vor einem Systemwechsel zu nehmen und zugleich die Hoffnungen der Diskriminierten zu artikulieren. Er vermittelte überzeugend die Einsicht, dass für ein friedliches Leben in Südafrika letztlich beide Seiten auf das Vertrauen und die Verständigungsbereitschaft der jeweils anderen angewiesen waren. Die Besonderheit dieser Haltung wird vor allem im Vergleich zu seiner Ex-Frau Winnie Mandela deutlich, die damals betonte, sie habe in Reaktion auf den überwältigenden Hass der Apartheid noch mehr Hass in sich entwickeln müssen. Mandelas politische Zugkraft aber lag in seinem unerschütterlichen Interesse an der Position des Gegenübers bei gleichzeitiger Treue gegenüber den eigenen Zielen.

Zugleich blieb Mandela unbeirrbar und beharrlich – und verkörperte gerade darin sehr kategorisch das Prinzip Hoffnung. Es scheint, als habe er nie daran gezweifelt, dass sich sein Traum einer freien und gleichen Gesellschaft würde verwirklichen lassen – zu einer Zeit, als grassierende Apartheidgewalt dies als abwegige Utopie erscheinen lassen musste. Er vertrat die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einem Land und zu einer Zeit, da Menschen seiner Hautfarbe als Tieren gleich angesehen wurden. Er kämpfte für das Recht schwarzer und farbiger Gefängnisinsassen auf lange Hosen, weil er auch darin die Befreiung von Entwürdigung sah. Darin lebte Mandela die Würde des Ohnmächtigen vor. Denn auch in menschlichen Einzelschicksalen stellt sich immer wieder die Frage nach den Möglichkeiten einer Befreiung aus ohnmächtigen oder gar gequälten Positionen. Der Würgegriff einer Macht kann auch ein privater sein und somit die Suche nach einer inneren „Befreiungsbewegung“ auslösen. Mandela hat hier für Einzelne ebenso wie für Gruppen oder Nationen vorgelebt, dass auch scheinbar ohnmächtige Positionen auf eine darunterliegende wechselseitige Abhängigkeit mit der Gegenseite verweisen und dass es möglich ist, aus diesem Gewahrsein heraus die Verständigung zu suchen. Respekt, Freundlichkeit und prinzipielle Einfühlungsbereitschaft sind dann ebenso unabdingbar wie das klare und kompromisslose Vertreten der eigenen Positionen.

Aufruf zum gewaltsamen Kampf

Heute, da die Geschichte Mandela und seinen Visionen recht gegeben hat, ist allerdings schnell vergessen, dass auch er es war, auf dessen Geheiß der ANC zum gewaltsamen Kampf gegen die Apartheid aufrief. Anders als Mahatma Gandhi, der absolute Gewaltfreiheit forderte, sprach sich Mandela gegen die anfängliche Skepsis seiner Parteigenossen vehement für die Anwendung von Gewalt aus. Er argumentierte dabei nicht etwa mit moralischen, sondern mit taktischen Erwägungen: Wenn Gewaltlosigkeit zum Erreichen der politischen Ziele nicht mehr ausreicht, muss man sie eben aufgeben. In der Folge plante der ANC in der Hochphase der politischen Konflikte unter anderem ein Bombenattentat auf ein Atomkraftwerk, das glücklicherweise nie ausgeführt wurde. Andere Bombenattentate aber, wie das auf das Hauptquartier der Luftwaffe in Pretoria, hatten eine hohe Zahl an Todesopfern und Verletzten zur Folge. Die Apartheidregierung konterte mit immer stärkeren Repressionen und einer gewalttätigen Verfolgung der Untergrundaktivisten. In dieser Spirale an Gewalt und Gegengewalt zeigt sich das grundsätzliche moralische Dilemma des politischen Kampfes in seiner Komplexität: Kann der Tod von Menschenleben als legitimes Mittel zum Durchsetzen der als notwendig erachteten Ziele angesehen werden? Auch islamistische Kämpfer berufen sich auf diese Notwendigkeit ihrer Mittel und beanspruchen für sich das Ziel einer Befreiung der Menschheit vom Bösen. Und auch in Deutschland sah sich die RAF zur Gewalt legitimiert, um die fortbestehenden NS-Netzwerke zu zersprengen und die Gesellschaft gleicher und gerechter zu machen. Mandela rechtfertigte seine Entscheidung zur Gewalt mit einem afrikanischen Sprichwort: „Die Angriffe der wilden Bestie kann man nicht nur mit bloßen Händen abwehren.“ Auch darin zeigte er sich unbeirrbar in seinem Bekenntnis zur Legitimität der Gewalt. Aber wer entscheidet letztlich über objektive Kriterien zur Definition einer „wilden Bestie“? Auflösen lässt sich das mit der Gewalt verbundene moralische Dilemma nicht, Zweifel bleiben und bleiben angeraten – gerade auch im Rückbezug auf die aktuellen Dimensionen dieser Kontroverse. Hier zeigt sich die politische Person und das menschliche Vorbild Mandela sperriger und widersprüchlicher als das, was von ihm als politisches Idol ins öffentliche Repertoire eingegangen ist. Vera Kattermann

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