ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2020Organspende: Falsches Signal
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Für mich macht es keinen Unterschied, ob die Menschen sich auf Grundlage der Entscheidungs- oder der Widerspruchslösung entscheiden würden. Hauptsache, sie tun es. Die Entscheidung muss jeder selbst treffen. Einen großen Vorteil hätte ich in der Widerspruchslösung gesehen, weil jeder verpflichtet würde, eine Entscheidung zu treffen, nachdem er mehrmals angeschrieben wurde. Das wäre eine praktikable Lösung gewesen, die jedem zumutbar ist und unserer Solidargemeinschaft gut zu Gesicht gestanden hätte. 22 der 26 europäischen Länder haben die Widerspruchslösung. Wir erhalten im Eurotransplantbereich Organe aus Ländern mit der Widerspruchslösung. Auch deshalb sollten wir uns im Sinne der Staatengemeinschaft angleichen und keinen Sonderweg gehen. ...

Fakt ist ..., dass Hausärzte und städtische Angestellte, die in den Organspendeprozess in keiner Weise eingebunden sind, vorher geschult und zertifiziert werden müssten. Denn der Bürger soll ja kompetent aufgeklärt werden. Das ist sicherlich eine Mammutaufgabe mit fraglichem Ergebnis. Für Betroffene ist die Entscheidung des Bundestages auf jeden Fall eine Katastrophe und ein falsches Signal. Wichtig für jeden Bürger ist, dass es weiterhin eine Widerspruchsnotwendigkeit (!) gibt, wenn eine Organspende abgelehnt wird. Ansonsten können Angehörige auf dem mutmaßlichen Willen, den sie einschätzen oder auf eigenen Wertvorstellungen einer Organspende nach dem Tod zustimmen, wenn der Wille des Verstorbenen nicht bekannt ist. Auf dieser Grundlage basieren schließlich die meisten Entscheidungen pro oder contra Organspende in Deutschland. Das wurde bei der insgesamt sehr laienhaften Diskussion unserer politischen Vertreter nicht thematisiert. Für die in der Organspende aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken ändert sich (leider) nichts. Der Sinn eines Positivregisters erschließt sich mir vor dem Hintergrund der schweigenden Masse in Deutschland nicht und ist wohl als gut gemeint zu bezeichnen. Das Gegenteil von „gut“ ist übrigens „gut gemeint“! Umso wichtiger ist es, eine Entscheidung zu treffen und diese weiterhin auf einem Organspendeausweis festzuhalten und die Entscheidung seinen Angehörigen mitzuteilen. Organspende geht uns alle an. Die historische Chance für eine gesellschaftliche Veränderung wurde am 16. Januar 2020 mal wieder im Bundestag durch eine allzu vorsichtige (Nicht-) Entscheidung verpasst.

Dr. med. Mathias Reyher, 78050 Villingen-Schwenningen

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