ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2020Diabetes mellitus: Erstes nasales Glukagon kommt

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Diabetes mellitus: Erstes nasales Glukagon kommt

Dtsch Arztebl 2020; 117(7): A-335

Brettschneider, Helga

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Diabetes-Patienten mit intramuskulär zu injizierendem Glukagon aus schweren Hypoglykämien herauszuholen, ist für unerfahrene Helfer oft schwierig. Jetzt kommt ein Glukagon in Pulverform auf den Markt, das einfach in die Nase gesprüht wird. Das ist unkompliziert und wirkt schnell.

Glukagon wirkt als gegenregulatorisches Hormon des Insulins und stimuliert den Abbau von Glykogen und die Freisetzung von Glukose durch die Leber; in der Folge steigt die Blutzuckerkonzentration. Das nasale Glukagon (Baqsimi®, Lilly) wurde von der Europäischen Arzneimittel-Agentur im Dezember 2019 zugelassen. Angezeigt ist es zur Behandlung schwerer Hypoglykämien bei Jugendlichen, Erwachsenen und Kindern ab 4 Jahren mit Diabetes mellitus (1).

Das nasale Notfallmedikament wurde zur schnellen Ersthilfe bei schweren Hypoglykämien entwickelt. Solche Unterzuckerungen – Hypoglykämien mit Fremdhilfebedarf – könnten unter anderem zu anhaltenden Angststörungen führen, berichtete Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange, Hannover. Manchmal enden sie sogar tödlich.

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Das nasale Glukagon stelle seit der Zulassung des intramuskulär applizierten Glukagons vor rund 20 Jahren die erste neue, zugelassene Glukagonformulierung dar, so Prof. Dr. med. Thomas Danne, Hannover. Das Pulver ist gebrauchsfertig und muss nicht gekühlt werden. Es wird als fixe Dosis (3 mg) einfach in die Nase gesprüht und von der Nasenschleimhaut passiv resorbiert – ein Inhalieren ist nicht nötig.

Für Kinder und Erwachsene

Die Studie CORE prüfte das nasale Glukagon bei Kindern mit Typ-1-Diabetes im Alter von 4 bis < 8 Jahren (n = 18), 8 bis < 12 Jahren (n = 18) und 12 bis < 17 Jahren (n = 28). Eine echte Hypoglykämie wurde bei den Kindern nicht provoziert: Der Glukosespiegel wurde mit Insulin lediglich auf unter 80 mg/dl (< 4,4 mmol/l) gesenkt, bevor sie das Medikament erhielten. Das sei nahe genug am „Warnwert“ von < 70 mg/dl (< 3,9 mmol/l), so Danne. Anschließend erhielten die Kinder entweder das nasale Pulver oder Glukagon i.m. Mit 3 mg des nasal applizierten Pulvers stieg der Glukosewert in 20 Minuten um > 20 mg/dl (> 1,1 mmol/l). Das gelang in allen 3 Altersgruppen mit beiden Medikamenten bei jeweils 100 % der Teilnehmer (2).

Eine weitere Studie umfasste 70 erwachsene Typ-1-Diabetes-Patienten. Die glukosesteigernde Wirkung beider Präparate erwies sich als vergleichbar. Erst nach rund 40 Minuten drifteten die beiden Kurven auseinander, wobei der Glukosewert der i.m.-Gruppe weiter zunahm (auf > 200 mg/dl), während die Gruppe mit nasaler Therapie beim erreichten Wert von > 150 mg/dl nur noch wenig zulegte (3).

Auch in einem weiteren wichtigen Punkt schnitt das neue Präparat gut ab: Seine praktische Anwendbarkeit war deutlich besser. Das ergab eine Simulationsstudie mit erwachsenen Personen, die als Helfer fungierten. Verglichen wurde der Einsatz beider Medikamente durch Helfer, die in der korrekten Anwendung der Medikamente vorher geschult worden waren oder zum Einsatz nur die Gebrauchsanweisung erhielten.

Das Ergebnis: Die Vorbereitung der Medikamente bis zur Gabe brauchte beim nasalen Glukagon am wenigsten Zeit. Die nicht instruierten Helfer waren hier sogar schneller als die geschulten Betreuer bei der i.m.-Gabe (26 Sekunden vs. 2 Minuten, 24 Sekunden). Die auf nasale Therapie vorbereiteten Helfer benötigten sogar nur 16 Sekunden. Zudem gelang das vollständige Verabreichen der Dosis den geschulten und den ungeschulten Helfern nur beim nasalen Glukagon fast immer (94 % und 93 %). Beim i.m.-Glukagon schafften dies nur 13 % der geschulten und keiner der nicht geschulten Helfer (4).

Hypoglykämien sind häufig

Unterzuckerungen sind nicht nur beim Typ-1-Diabetes bedeutsam, sondern auch beim Typ-2-Diabetes. Eine Metaanalyse ergab bei Menschen mit Typ-2-Diabetes pro Patientenjahr 23 milde beziehungsweise moderate Hypoglykämien und eine schwere Hypoglykämie (Insulintherapie; n > 500 000) (5).

Das Ereignisrisiko besteht offenbar unabhängig von der Höhe des HbA1c-Wertes. So ergab eine Untersuchung mit 9 094 Teilnehmern, die im Vorjahr mindestens ein schweres Ereignis hatten, bei HbA1c-Werten < 6 % ein Risiko von 11,5 %, während es bei HbA1c-Werten > 9 % mit 13,8 % sogar noch höher war (6). Eine Rolle scheint aber die glykämische Variabilität zu spielen: Je höher sie ausfalle, umso mehr steige die Hypoglykämiegefahr, so Danne.

Die Anwendung des nasalen Glukagons ist einfach: Der Anwender entnimmt dem Verpackungsröhrchen das Einzeldosisbehältnis, hält es zwischen Daumen und Fingern und führt die Spitze in ein Nasenloch ein, bis die Finger den Nasenrand berühren. Erst jetzt wird der Kolben ganz durchgedrückt, bis der grüne Streifen darauf im Behältnis verschwindet. Dann wurde die Dosis komplett abgegeben. Helga Brettschneider

Quelle: Fachpressekonferenz „Nasales Glukagon (Baqsimi®) – Meilenstein in der Notfallversorgung schwerer Hypoglykämien“, Frankfurt am Main, 22. Januar 2020; Veranstalter: Lilly Diabetes

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0720
oder über QR-Code.

1.
Fachinformation Baqsimi®, Stand Dezember 2019.
2.
Sher JL, Ruedy KJ, Foster NC, et al.: Glucagon Nasal Powder: A Promising Alternative to Intramuscular Glucagon in Youth With Type 1 Diabetes. Diabetes Care 2016; 39 (4); 555–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Suico J, Hövelmann U, Zhang S, et al.: Nasal glucagon: a viable alternative to treat insulin-inducedhypoglycaemia in adults with type 1 diabetes. Diabetologia 2018; 61 (Suppl.1): S77–8 CrossRef
4.
Yale JF, Dulude H, Egeth M, et al.: Faster Use and Fewer Failures with Needle-Free Nasal Glucagon Versus Injectable Glucagon in Severe Hypoglycemia Rescue: A Simulation Study. Diabetes Technol Ther 2017: 19 (7): 423–32 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Edridge CL, Dunkley AJ, Bodicoat DH, et al.: Prevalence and Incidence of Hypoglycaemia in 532,542 People with Type 2 Diabetes on Oral Therapies and Insulin: A Systematic Review and Meta-Analysis of Population Based Studies. PLoS ONE 2015; 10 (6): e10126427 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Lipska KJ, Warton EM, Huang ES, et al.: HbA1c and risk of severe hypoglycemia in type 2 diabetes: the Diabetes and Aging Study. Diabetes Care 2013; 36 (11): 3535–42 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Fachinformation Baqsimi®, Stand Dezember 2019.
2.Sher JL, Ruedy KJ, Foster NC, et al.: Glucagon Nasal Powder: A Promising Alternative to Intramuscular Glucagon in Youth With Type 1 Diabetes. Diabetes Care 2016; 39 (4); 555–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Suico J, Hövelmann U, Zhang S, et al.: Nasal glucagon: a viable alternative to treat insulin-inducedhypoglycaemia in adults with type 1 diabetes. Diabetologia 2018; 61 (Suppl.1): S77–8 CrossRef
4.Yale JF, Dulude H, Egeth M, et al.: Faster Use and Fewer Failures with Needle-Free Nasal Glucagon Versus Injectable Glucagon in Severe Hypoglycemia Rescue: A Simulation Study. Diabetes Technol Ther 2017: 19 (7): 423–32 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Edridge CL, Dunkley AJ, Bodicoat DH, et al.: Prevalence and Incidence of Hypoglycaemia in 532,542 People with Type 2 Diabetes on Oral Therapies and Insulin: A Systematic Review and Meta-Analysis of Population Based Studies. PLoS ONE 2015; 10 (6): e10126427 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.Lipska KJ, Warton EM, Huang ES, et al.: HbA1c and risk of severe hypoglycemia in type 2 diabetes: the Diabetes and Aging Study. Diabetes Care 2013; 36 (11): 3535–42 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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