ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2020Psychosoziale und somatoforme Störungen
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Zu dem Beitrag von Witt et al. (1) möchte ich anmerken, dass die angesprochenen traumatisierenden Konstellationen etwa im Elternhaus nicht nur pathologische psychosoziale Auswirkungen nach sich ziehen, sondern in ganz erheblichem Maß auch körperliche Erkrankungen im Sinne somatoformer Reaktionen.

Die in der Homöopathie üblichen intensiven Eingangsanamnesen von 1–2 Stunden Dauer erlauben uns, überdurchschnittlich gründliche Einblicke in die Biografie unserer Patienten zu erhalten. Dabei fällt auf, dass hinter zahlreichen Erkrankungen in aller Regel mehr oder weniger schwierige und belastende Erfahrungen in der Aszendenz vorliegen. Hierzu zählen Scheidungen oder der Umgang mit instabilen, suchtkranken Eltern sowie hohe, nicht zu erfüllende Leistungsansprüche, aber auch Gewalt und Missbrauch. Unbereinigte familiäre Altlasten wie Flucht, Vertreibung oder Kriegsschuld tauchen auf, und auch die sogenannten Schattenkinder sind betroffen, die wegen eines kranken oder sonst wie problematischen Geschwisterkindes viel Verzicht auf elterliche Zuwendung üben mussten.

Die Folgen sind natürlich die angesprochenen psychosozialen Störungen, zu denen auch Schuldgefühle oder Minderwertigkeitskomplexe zählen. Oft findet man autoaggressives Verhalten ebenso wie auf der körperlichen Ebene Autoimmunerkrankungen. Schlafstörungen und Angsterkrankungen gehören hierzu sowie chronische Kopfschmerzen. Vielfach sehen wir auch schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Fibromyalgie, Sehnenschäden oder Arthrosen. Auch hinter mancher Krebserkrankung lassen sich die erwähnten Dramen vermuten, wenngleich die Psychologen die Existenz einer Krebspersönlichkeit verneinen.

Es ist jedenfalls enorm, welche Vielfalt an Schäden eine Kindheit nach sich zieht, deren Unbekümmertheit verloren ging, die mit unangemessener Verantwortungsübernahme (Stichwort Parenterifizierung) überfrachtet oder der ein grundlegendes Angenommensein verwehrt wurde mit der Folge eines beschädigten Urvertrauens. Es aufzubauen ist eine schwierige, aber unverzichtbare Aufgabe, wenn man Gesundheit wiederherstellen will.

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0134a

Dr. med. Ernst Trebin

Bamberg

e.trebin@web.de

1.
Witt A, Sachser C, Plener PL, Brähler E, Fegert JM: The prevalence and consequences of adverse childhood experiences in the German population. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 635–4 VOLLTEXT
1. Witt A, Sachser C, Plener PL, Brähler E, Fegert JM: The prevalence and consequences of adverse childhood experiences in the German population. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 635–4 VOLLTEXT

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