ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Sir James Paget und das Symptom des zu kleinen Huts

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Sir James Paget und das Symptom des zu kleinen Huts

Schuchart, Sabine

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Aus einer Familie mit 18 Kindern stammend, stieg James Paget zum Leibarzt von Königin Victoria auf. Der berühmte Chirurg war auch ein begnadeter Diagnostiker und brillanter Wissenschaftler – und faszinierte durch seine charismatische Persönlichkeit.

Seine Karriere startete einer der größten Chirurgen Englands mit einem Handicap. Geboren wurde James Paget 1814 als zwölftes von 18 Kindern in der Hafenstadt Great Yarmouth, zehn sollten das Kindesalter nicht überleben. Sein Vater war wohlhabend, erfolgreich als Bankier, Reeder und Brauer. So war der Weg des jungen James eigentlich vorgezeichnet: Wie seine älteren Brüder sollte er nach der Grundschule die elitäre Charterhouse-Schule besuchen und danach in Cambridge studieren. Doch daraus wurde nichts. Der Vater ging bankrott und James kam nicht über die Grundschule hinaus. So war er weder in Latein noch Griechisch ausgebildet, die Voraussetzung für eine wissenschaftliche Laufbahn.

Doch Paget ist zielstrebig und praktisch. Mit 16 Jahren beginnt er eine Lehre bei einem Chirurgen und Apotheker, mit 20 geht er nach London und studiert am St Bartholomew’s Hospital in London Anatomie, Physiologie und Pathologie. Die Mittel dafür verdient er als Assistent eines Arztes bei Patientenbesuchen. Schon im Studium zeigt sich sein außergewöhnliches Talent. Bei Obduktionen fallen ihm kleine weißliche Flecken in den Muskeln auf, die von den Chirurgen als Verkalkung gedeutet werden. Da es am Hospital kein Mikroskop gibt, geht er mit den Proben zu einem Botaniker im Britischen Museum, der eines hat. Paget entdeckt so den Parasiten Trichina spiralis als Verursacher der Trichinellose. Mit 22 legt er das Examen ab, erhält aber keine Ausbildungsstelle als Chirurg, da ihm der universitäre Background fehlt. Daraufhin arbeitet er als Kurator am Museum des Hospitals für geringes Geld – später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wird er mehr als das Hundertfache einnehmen. Er schreibt für eine Medizinzeitschrift, übersetzt Artikel aus deutschen und französischen Journalen und erhält so einen Überblick über den Stand der Medizin. Mit einem Kollegen publiziert er einen Katalog mit detaillierten Beschreibungen von 3 250 pathologisch-anatomischen Präparaten, viele hat er selbst mikroskopisch analysiert. Endlich, nach sieben Jahren, wird er Dozent für Anatomie und Physiologie und Leiter des Hospital College am Bartholomew’s. Seine Finanzen verbessern sich, er kann seine langjährige Verlobte heiraten.

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Nun geht es zügig weiter: Er wird Professor am Royal College und – mit 33 – Assistent-Chirurg am Bartholomew’s. Zwar dauert es noch 20 Jahre, bis er dort zum Leitenden Chirurgen aufsteigt. Aber mit seiner Privatpraxis hat er durch seine Fähigkeiten und charismatische Persönlichkeit immensen Erfolg. Sie wird die größte in London, sein Ruf dringt vor bis zur königlichen Familie: Er wird persönlicher Chirurg von Queen Victoria, die ihn später in den Adelsstand erhebt. 1871 beschließt er nach schwerer Krankheit kürzerzutreten. Er beendet seine Arbeit am Bartholomew’s, forscht aber unermüdlich weiter – und entdeckt das Brustdrüsenkarzinom und die Osteitis deformans (siehe Kasten). Hoch angesehen stirbt er kurz vor seinem 86. Geburtstag, die Trauerfeier findet standesgemäß in Westminster Abbey statt.

Paget glaubte, die von ihm entdeckte Osteitis sei eine neue Erkrankung. Das ist heute widerlegt: Sie fand sich auch an antiken, bei Ausgrabungen gefundenen Skeletten. Möglicherweise ist sie nicht einmal auf Mensch und Primaten beschränkt. 2011 wurden an einem 150 Millionen Jahre alten Wirbel eines Dinosauriers Deformationen nachgewiesen, die nur einen Schluss zuließen: Der Dino litt am Morbus Paget. Sabine Schuchart

1877 präsentiert James Paget (1814–1899) vor der Royal Medical and Chirurgical Society of London seinen berühmten Aufsatz „On a form of chronic inflammation of bones“. Darin beschreibt er den Fall eines von ihm über zwei Jahrzehnte beobachteten Mannes mit fortschreitender Knochenerkrankung, die er „Osteitis deformans“ nennt – von ersten Symptomen wie dem „zu kleinem Hut“ infolge verstärkten Knochenwachstums über Knochenschmerzen und -deformitäten bis hin zum Osteosarkom eines Röhrenknochens. Das im Gegensatz zur Osteoporose auf eine oder einzelne Skelettstellen begrenzte Leiden heißt nach ihm Paget-Krankheit oder Morbus Paget. Als Paget-Karzinom wird hingegen ein Tumor der weiblichen Brustdrüse bezeichnet, den James Paget 1874 im Rahmen seiner intensiven Beschäftigung mit Krebserkrankungen entdeckte. Sein Name ist mit insgesamt 14 Krankheiten verbunden.

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