ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2020Diabetiker: Keine Bevormundung
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... Zweifelsohne gibt es wenige Patienten, die so direkt und möglicherweise aburteilend wie „Diabetiker“ kategorisiert werden. Dennoch geben wir zu Bedenken, dass der Diabetes mellitus eine Krankheit und nicht nur eine „Eigenschaft“ ist. Menschen mit Typ-1-Diabetes, wie die Autorin selbst, machen allenfalls 5 % aller Diabetesfälle aus. Sie sind meist schon früh in ihrem Leben an die Situation gewöhnt und haben den Diabetes „im Griff“. Sie können bei optimaler Insulinsubstitution über Jahrzehnte hinweg vor Folgeerkrankungen geschützt sein. Diesem „Leben mit Diabetes“ entspricht das Denkmodell der Autorin.

Leider haben über 90 % aller Menschen mit Diabetes in Deutschland einen Typ-2. Sie sind wesentlich älter als beim Typ-1, werden häufig zu spät erkannt, und haben dann oft gefährliche Folgeerkrankungen wie Atherosklerose der Koronar- und Beinarterien, aber auch Sehstörungen, Niereninsuffizienz, Polyneuropathie, etc. Die Lebenserwartung dieser Menschen ist erheblich eingeschränkt, und im Diabetes eine „Eigenschaft“ zu sehen statt einer lebensbedrohlichen Erkrankung, verharmlost das Problem. Den Ärzten zu unterstellen, sie würden durch ihren Jargon ihre Funktion überschätzen, Macht ausüben wollen, und keine Mitgestaltung der Behandlung durch den Patienten dulden, ist nicht gerechtfertigt und verkennt die Behandlungsrealität. So gibt es in der Gefäßchirurgie viele Menschen mit diabetischem Fußsyndrom, die aufgrund ihres Alters, der Begleitkrankheiten (Demenz, Depression, Arthrosen, Sehstörungen etc.) und ihres Mangels an Information nicht zu „shared decision“ in der Lage sind, auch als Folge des länger bestehenden „Leibesinselschwundes“ und einer eingeschränkten Wahrnehmung bis hin zu einem Neglect. So verkennt der Patient vielleicht aufgrund fehlender Schmerzen die Brisanz seiner arteriellen Durchblutungsstörung und begreift den Nutzen einer Revaskularisation nicht. Hier muss der behandelnde Arzt sein Wissen im Klartext vermitteln und eine Therapieentscheidung im Interesse des Patienten forcieren, um eine Majoramputation zu verhindern. Eine direktive Gesprächsführung ist in bestimmten Situationen angebracht und notwendig. Das bedeutet aber keine Bevormundung oder Beschuldigung des Patienten, sondern: in die Hand nehmen, was dem Patienten nützt, wenn er es allein nicht entscheiden kann!

Prof. Dr. med. Gerhard Rümenapf, Dr. med. Thomas Segiet, 67346 Speyer

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