ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Deutscher Krebskongress 2020: Das Potenzial der Prävention erforschen und ausschöpfen

POLITIK

Deutscher Krebskongress 2020: Das Potenzial der Prävention erforschen und ausschöpfen

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-428 / B-374 / C-362

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Immer mehr Patienten profitieren von neuen Therapieoptionen – auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien. Doch rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen könnten allein durch gesunde Lebensweise vermieden werden. Der Präventionsforschung soll daher ein neuer Stellenwert eingeräumt werden.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) kündigte an, dass die Bundesregierung während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab 1. Juli die Schaffung eines europäischen Rahmenwerks für Gesundheitsdaten unterstützen werde. Foto: berlin-event-foto.de
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) kündigte an, dass die Bundesregierung während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab 1. Juli die Schaffung eines europäischen Rahmenwerks für Gesundheitsdaten unterstützen werde. Foto: berlin-event-foto.de

Besser als eine Krebserkrankung zu behandeln, ist es, sie zu vermeiden“, betonte Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, anlässlich des Deutschen Krebskongresses (DKK) 2020 in Berlin. „Doch die Krebsprävention fristet in unserer Gesellschaft leider noch ein Nischendasein“: Es fehle an Geld, Lobby und an Umsetzungswillen. Dabei ließen sich schätzungsweise 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise vermeiden. Dieses große Potenzial der Krebsbekämpfung gelte es verstärkt zu adressieren.

Anzeige

Die Deutsche Krebshilfe werde daher 25 Millionen Euro aus Spendengeldern bereitstellen, um in Heidelberg ein Nationales Krebspräventionszentrum zu errichten, das dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) angeschlossen sein wird. Nach dem Vorbild der Comprehensive Care Centers (CCC), in denen alle an einer Krebstherapie involvierten medizinischen Disziplinen systematisch kooperieren, sollen dort als Pilotprojekt für Deutschland evidenzbasierte Präventionsstrategien und -instrumente entwickelt werden.

Globale Zukunftsaufgabe

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen steigt sowohl weltweit als auch in Deutschland (etwa 500 000 jährlich) rapide an. „Um diesen Tsunami zu reduzieren, müssen wir die Krebsforschung – insbesondere im Bereich der Prävention – verstärken“, sagte Prof. Dr. med. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ: „Daher sind kosteneffiziente und wirksame Präventionsangebote weltweit dringend erforderlich. Krebsprävention ist eine globale Zukunftsaufgabe.“ Kombiniert mit effektiven Früherkennungsmaßnahmen könne die Krebsmortalität um 50 bis 70 Prozent gesenkt werden, berichtete Baumann.

Im Nationalen Krebspräventionszentrum, das 2025 voll funktionsfähig sein wird, sollen Forschung, eine Präventionsambulanz und ein Informationszentrum unter einem Dach gebündelt werden. Bestehende Strukturen des DKFZ werden neu organisiert, ein Sechstel des Stammpersonals dem neuen Zentrum zugeordnet und bestimmte Bereiche (wie die digitale Prävention) durch Neuberufungen ausgebaut. Die Entwicklung von Outreach-Programmen, Politikberatung sowie die gesundheitsökonomische Bewertung von Präventionsansätzen werden ebenfalls zu den Aufgaben des Zentrums gehören. Neben Heidelberg sind Außenstellen im Bundesgebiet geplant.

Prävention sei keine reine Privatsache, ergänzte Nettekoven. „Auch die Politik ist in hohem Maße gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gesunde Lebensweise fördern.“ Für Krebspräventionsforschung brauche es jedoch einen „langen Atem“, denn Effekte der Primärprävention könnten nur langfristig gemessen werden. „Zwischen Intervention und Wirkung können durchaus 25 bis 30 Jahre liegen, also eine Generation“, ergänzte Baumann. Die Politik denke bisher jedoch eher in Legislaturperioden. Eine Chance auf Veränderung biete die 2019 von der Bundesregierung ausgerufene „Dekade gegen den Krebs“.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) nahm den Faden „Prävention“ bei seiner Eröffnungsrede auf. Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen eines neuen Präventionsgesetzes würden die Bereiche Ernährung und Bewegung akzentuiert. Und ab Mitte des Jahres könnten sich die Bürger auf einem Pilotportal der Bundesregierung, dem „Nationalen Gesundheitsportal“, neutral und unabhängig über medizinische Themen informieren – nach einer Planungszeit von zehn Jahren.

Ein „deutsches Problem“

Für unabdingbar hält es Spahn, dass anonymisierte Gesundheitsdaten künftig stärker für die onkologische Forschung genutzt werden: „Wenn Tausende Patienten mit Diabetes, Krebs oder Demenz ihre Daten verfügbar machten, können wir daraus lernen.“ Als ein „deutsches Problem“ sieht der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter allerdings das Misstrauen gegenüber dem eignen Staat, während US-Unternehmen hinsichtlich der Sammlung von Gesundheitsdaten freiere Hand hätten. „Wenn der Internet-Riese Google den Fitnessarmband-Spezialisten Fitbit inklusive aller Daten übernimmt, gibt es hierzulande nicht mal eine Debatte darüber.“ Man könne zwar über Ethik der Datennutzung diskutieren, müsse dann aber auch die entgangenen Chancen für Patienten beachten.

Spahn distanzierte sich ausdrücklich vom chinesischen Ansatz, die Genomsequenzen seiner etwa 1,4 Milliarden Bürger zu sammeln. Es dürfe allerdings nicht sein, dass medizinische Fortschritte aus China und den USA kämen, nur weil dort Daten der Forschung zugute kämen. „Solange es Vertrauen in große US-Konzerne gibt, aber grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Staat, der die Datennutzung organisiert, werden wir in Deutschland nicht konkurrenzfähig sein“, sagte Spahn.

Deshalb sei es sinnvoll, an diesem Punkt die europäische Perspektive einzunehmen. Mit einheitlichen Regeln zur Nutzung von Versorgungsdaten in Europa, gefördert aus dem Haushalt der EU, schaffe man ein europäisches Gemeinschaftsgut, von dem alle Bürger der 27 teilnehmenden Staaten profitieren könnten. Spahn betonte, dass es eine der Kernpunkte der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab 1. Juli sein werde, ein europäisches Rahmenwerk für Gesundheitsdaten zu schaffen.

Eine verzerrte Wettbewerbsfähigkeit zu China und den USA sieht DKFZ-Direktor Bauman zudem in der mangelhaften digitalen Vernetzung innerhalb Deutschlands. Nicht nur die Politik bremse, auch die onkologische Community habe mit dem Ausbau von Zusammenarbeit ein Problem, beschrieb Baumann die Situation: „Viele Ärzte haben noch nicht verstanden, dass wir Daten teilen müssen, um onkologische Spitzenforschung betreiben zu können.“ Unter den 13 CCCs , die mittlerweile 150 000 Krebspatienten pro Jahr behandeln, funktioniere der Datenaustausch.

Dennoch seien sie „Zwerge“ im Vergleich zu den chinesischen und US-amerikanischen Einrichtungen. Nun müsse aus dem Flickenteppich der 1 600 Krankenhäuser und 800 niedergelassenen Onkologen eine nationale Einheit von Forschung und Versorgung erwachsen. „Mit einer zersplitterten Forschungslandschaft wie heute braucht man sich erst gar nicht um die Teilnahme an den in Europa entstehenden Netzwerken zu bewerben“, monierte Baumann.

Nachwuchssorgen

Für DKK-Präsident Prof. Dr. med. Andreas Hochhaus ist eine flächendeckende onkologische Versorgung der Bevölkerung nach aktuellen Erkenntnissen nicht ohne Netzwerkbildung möglich: Nur so könnten innovative Therapien auf einfache Weise verbreitet werden. Eine solche Infrastruktur erlaube es unter anderem, dass Krebspatienten an ein großes Zentrum überwiesen werden, um im Rahmen einer frühen klinischen Studie behandelt zu werden. Voraussetzung sei eine therapeutische Zusammenarbeit von großen onkologischen Zentren mit der niedergelassenen Ärzteschaft oder auch kleineren Krankenhäusern in ländlichen Regionen. Eine leitliniengerechte Basisdiagnostik und -therapie sollte allerdings überall möglich sein, so der Direktor der Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie am Universitätsklinikum Jena.

Große Sorgen bereitet der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) die demografische Entwicklung der Ärzte speziell im ländlichen Raum. „In einigen Regionen Deutschlands gibt es heute nur noch wenige niedergelassenen Onkologen, bald vermutlich überhaupt keine mehr. Für altersbedingt ausscheidende niedergelassene Kollegen auf dem Land findet sich kein Nachwuchs“, so Hochhaus. „Diese Lücken müssen wir heute erkennen und füllen, um auch in der Zukunft eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten.“ Alle Patienten in Deutschland müssten die gleichen Chancen bekommen – unabhängig von Wohnort und Art der Krebserkrankung.

Für die Deutsche Krebshilfe bedingt ein rascher Innovationstransfer auch gut ausgebildete, kompetente medizinisch-wissenschaftliche Nachwuchskräfte, die sich für die Arbeit an der Schnittstelle von Labor und Versorgung begeistern. „Für junge Ärztinnen und Ärzte ist es kaum noch möglich, Facharztweiterbildung und Forschung in Einklang zu bringen. Wenn wir dem drohenden Mangel an jungen Wissenschaftlern nicht entgegenwirken und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, werden wir international den Anschluss verlieren“, sagte Nettekoven.

Die Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs seien enorm verbesserungswürdig und geprägt von Unsicherheit und Unzufriedenheit. Nettekoven zitierte Statistiken des Wissenschaftsrates. Danach hatten 2010 nur 18,5 Prozent der ärztlichen und 7,7 Prozent der nichtärztlichen wissenschaftlichen Mitarbeiter ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis. „Das sind keine angemessenen Bedingungen. Wir brauchen dauerhafte Strukturen mit langfristigen beruflichen Perspektiven für Nachwuchswissenschaftler, die auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erlauben.“ Andernfalls werde der Mangel an Nachwuchskräften die Forschungskultur in der Onkologie aus der Bahn werfen. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.