ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Darmkrebsrisiko bei Colitis ulcerosa: Entzündungsaktivität und Lokalisation der Colitis ulcerosa wichtige Risikofaktoren

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Darmkrebsrisiko bei Colitis ulcerosa: Entzündungsaktivität und Lokalisation der Colitis ulcerosa wichtige Risikofaktoren

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-448 / B-392 / C-376

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Science Photo Library/WEBPATHOLOGY
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Das Kolonkarzinomrisiko ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa (CU) im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöht, das war zwar grundsätzlich bekannt. Nun aber liefert eine populationsbasierte Kohortenstudie Daten für eine aktuelle Risikoeinschätzung (1). Es wurden nationale Register Schwedens und Dänemarks ausgewertet. Die CU-Kohorte schloss insgesamt 96 447 Patienten ein, davon 32 919 aus dem dänischen Register und 63 528 aus dem schwedischen. Ermittelt wurden die Inzidenz für kolorektale Karzinome (KRK) und die Darmkrebssterblichkeit in der CU-Population. Die Werte wurden mit denen der Normalbevölkerung verglichen.

Die Vergleichskohorte bildeten 949 207 Personen ohne entzündliche Darm­er­krank­ung, die in relevanten Parametern mit den CU-Patienten gematcht wurden (1:10). Der Erfassungszeitraum für alle lag zwischen Anfang Januar 1969 und Ende Dezember 2017.

In der Gesamtkohorte über alle Zeitperioden hinweg lag die KRK-Inzidenz in der CU-Gruppe bei 1,29/1 000 Personenjahre und in der Referenzkohorte bei 0,82/1 000 Personenjahre. Das KRK-Risiko war damit bei Patienten mit Colitis ulcerosa um 66 % erhöht (Hazard Ratio [HR] für KRK bei CU: 1,66) und die KRK-Sterblichkeit am fast 60 % (HR: 1,59). Kolorektale Karzinome, die bei CU-Patienten diagnostiziert wurden, waren im Durchschnitt weniger fortgeschritten als in der Vergleichskohorte.

Die Exzess-Risiken verminderten sich. So war die 5-Jahres-KRK-Sterblichkeit bei Patienten mit CU-Diagnosen ab 2013 nur noch um 25 % im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht (HR: 1,25) und die Malignom-Inzidenz um 38 % (HR: 1,38). Das KRK-Risiko war am höchsten bei ausgedehnter Colitis, aber nicht wesentlich erhöht bei Patienten mit Linksseitencolitis oder Proctitis ulcerosa. Die bei CU-Patienten bekannten zusätzlichen KRK-Risikofaktoren „primäre sklerosierende Cholangitis“ und „familiäre Disposition“ wurden durch die Daten bestätigt.

Fazit: Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken und daran zu sterben, ist für Patienten mit Colitis ulcerosa nach wie vor erhöht, es nähert sich aber dem Risiko in der Normalbevölkerung an. „Die Studie dokumentiert erneut, dass in Skandinavien wichtige epidemiologische Arbeiten entstehen“, kommentiert Prof. Dr. med. Torsten Kucharzik, Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Gastroenterologie am Klinikum Lüneburg. „Die beobachtete gesunkene Karzinominzidenz und Darmkrebssterblichkeit in den letzten Jahren findet sich auch in anderen Kohorten und ist vermutlich einerseits auf eine bessere Entzündungskontrolle durch effektivere Medikamente, aber wohl auch auf bessere Überwachungsstrategien zurückzuführen.“

Die aktualisierte S3-Leitlinie Colitis ulcerosa trage dieser Entwicklung dadurch Rechnung, als bei den Überwachungskoloskopien ein klar risikoadaptiertes und personalisiertes Vorgehen vorgeschlagen werde (2). „Es sieht unter anderem vor, bei der Überwachung einen besonderen Fokus auf Hochrisikogruppen zu legen wie Patienten mit gleichzeitiger primärer sklerosierender Cholangitis oder mit familiärer Disposition, die nach wie vor kohortenübergreifend ein deutlich erhöhtes Kolonkarzinomrisiko haben.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Olén O, Erichsen R, Sachs MC, et al.: Colorectal cancer in ulcerative colitis: a Scandinavian population-based cohort study. Lancet 2020; 395: 123–31.
  2. Kucharzik T, Dignass AU, Atreya R, et al.: Aktualisierte S3-Leitlinie Colitis ulcerosa. Z Gastroenterol 2019; 57: 1321–1405.

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