ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Impfpflicht: Kampf gegen Masern

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Impfpflicht: Kampf gegen Masern

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-413 / B-361 / C-349

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schätzt die Gruppe tatsächlicher Impfgegner in unserer Gesellschaft auf etwa zwei bis vier Prozent. Diese Menschen sind nicht die vorrangige Zielgruppe der ab 1. März des Jahres geltenden Impfpflicht gegen Masern. Avisiert sind eher die „Bequemen und Vergesslichen“. Es sind die, deren Kinder zwar die erste, im Alter von elf bis vierzehn Monaten empfohlene Masernimpfung (gilt für circa 98 Prozent der Kinder) bekommen haben, aber bei der zweiten (15 bis 23 Monate) zu mehr als einem Viertel als „no shows“ in die Statistik eingehen. Das Gesetz gilt aber auch der Gruppe der sogenannten Impfskeptiker, die sich laut Studien durch Aufklärung durchaus überzeugen lassen.

Positiv ist: Die Anzahl beider Gruppen ist rückläufig. Trotzdem sind beide definitiv immer noch zu groß, um das Virus erfolgreich zu eliminieren. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will mit der jetzt gültigen Impfpflicht einen Beitrag leisten, dieser Skepsis und/oder „Leichtfertigkeit“ ein Ende setzen.

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Rein praktisch bedeutet das für alle, die in Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen arbeiten, dass sie ab jetzt ihre Impfungen oder ihre Immunität gegen Masern nachweisen müssen. Ohne Impfung gibt es künftig für neu aufzunehmende Kinder keinen Zugang zur Kita, zur Schule oder in andere Gemeinschaftseinrichtungen, keinen Zugang für neues Personal zu solchen Stätten, zu Asyl- oder Flüchtlingsunterkünften oder zu Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegediensten oder Arztpraxen. Bereits jetzt Beschäftigte, Kitagänger oder Schüler haben eine Nachweisfrist bis zum 31. Juli 2021.

Niedergelassene Ärzte wie auch Krankenhäuser müssen entsprechend ab jetzt dafür Sorge tragen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen gemäß Empfehlungen der Ständigen Impfkommission ausreichenden Impfschutz oder eine Immunität aufweisen.

Was aber auch gilt: Künftig kann jeder Arzt die Impfung durchführen. Das ist ein durchaus pragmatischer Zusatz. So werden künftig Fachärzte beispielsweise auch andere Familienmitglieder mitimpfen können. Ebenso kann künftig jeder Arzt – nicht nur der impfende –, bei Nachweis Schutzimpfungen in Pässe oder Bescheinigungen ein- oder nachtragen. Das gilt übrigens auch für den ebenfalls angestrebten elektronischen Nachweis. Er soll wohl später das Papier ersetzen, nicht nur ergänzen. So viel für die praktische Umsetzung der neuen Regelung, die sowohl Kassenärztliche Bundesvereinigung, aber auch der NAV-Virchow-Bund in eigens zum Thema herausgegebenen Broschüren ausführlich darstellen.

Andererseits: Wenn das Ziel, den Masernvirus zu überwinden, erreicht werden soll, reicht nicht die gesetzliche Pflicht mit ihrem sprichwörtlich langem Arm. Die eigentliche Kür heißt Aufklärung. In den Arztpraxen wird es sicherlich weniger darum gehen, sich mit den notorischen Impfgegnern auseinanderzusetzen. Das ist ein laut sozialpsychologischer Einschätzung eher schwieriges, wenn nicht sogar hoffnungsloses Unterfangen. Die ärztliche Aufmerksamkeit muss anderen gelten: Neben den schon bisher üblichen Kleinkindern sind künftig auch diejenigen zu erreichen, zu sensibilisieren und zu impfen, die gar nicht oder zumindest nicht zweitgeimpft wurden. In der Regel sind das ältere Kinder/Jugendliche oder junge Erwachsene.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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