ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Fehldiagnose Brustkrebs: Defekte Diagnosekette

SPEKTRUM: Akut

Fehldiagnose Brustkrebs: Defekte Diagnosekette

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-416 / B-338 / C-316

Koch, Klaus

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LNSLNS Anfangs schien es, als habe ein einzelner Arzt durchgedreht. Bis zu seinem Selbstmord im Sommer 1997 hatte der Essener Pathologe Josef Kemnitz bei mehr als 300 Patientinnen Brustkrebs diagnostiziert, obwohl die meisten Frauen kerngesund waren. Doch nach einem Gutachten der Deutschen Gesellschaft für Senologie liegt die Schuld nicht alleine bei dem Pathologen: Offenbar haben alle Fachärzte versagt, denen sich die Frauen anvertraut hatten. Den drei Gutachtern, Dr. Ingrid Schreer (Kiel), Prof. Roland Bässler (Fulda) und Prof. KlausDieter Schulz (Marburg), hatten die Akten von 76 Patientinnen vorgelegen. Die histologischen Befunde konnten sie jedoch nicht überprüfen, da Kemnitz alle Gewebeproben durch Brandstiftung in seinem Labor vernichtet hatte.

Doch schon die Auswertung der Akten ist niederschmetternd: Bei vielen Krankheitsverläufen fanden die Gutachter "eine ständige Wiederholung von Unklarheiten, Erklärungsbedürfnissen, Widersprüchen und Informationsdefiziten, die durch ihre Konstanz beeindrucken". Die Mängel begannen beim Radiologen, dem offenbar die Fachkompetenz zur Mammographie fehlte: Bei 39 von 51 Patientinnen konnte Schreer die zur operativen Abklärung führenden Befunde nicht nachvollziehen. Die Gynäkologen dreier Essener Kliniken haben trotzdem operiert. Doch obwohl es nach Schreers Schilderung seit Anfang der 90er-Jahre Standard ist, vor dem Eingriff das verdächtige Gewebeareal unter Röntgenkontrolle zu markieren, wird nur bei 14 von 51 Frauen erwähnt, "dass diese zwingende notwendige präoperative Maßnahme ergriffen wurde".


Obwohl es angesichts dieses Vorgehens ausgeschlossen erscheint, dass alle entnommenen Proben Tumorgewebe enthalten können, diagnostizierte der Pathologe am Ende der Kette dann jedesmal Krebs. Kaum glaublich: Kemnitz wollte bei 53 Prozent der Frauen ein duktales Carcinoma in situ gesehen haben - eine extreme Häufung. Der Fall beschäftigt längst den Essener Staatsanwalt; einige der betroffenen Frauen haben insgesamt 62 Strafanträge gestellt. Sollte es zu einem Verfahren kommen, könnte die Handhabung der Brustkrebsfrüherkennung in Deutschland ins richterliche Interesse geraten. Experten warnen seit Jahren vor der mangelhaften Qualitätssicherung auf dem Gebiet. "In Essen", sagt Schreer, "haben sich auf fatale Weise persönliche Fehler mit grundlegenden Mängeln des Systems der Brustkrebsfrüherkennung verknüpft." Klaus Koch

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