ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Künstliche Intelligenz: Abschied vom Kausalprinzip
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Daten in einen isoliert aufgebauten Computer einzutippen, unterscheidet sich erkennbar davon, Daten zwischen vernetzten Rechnern auszutauschen. Was das heißt, erleben wir gerade bei der Sicherheitsdiskussion um die Tele­ma­tik­infra­struk­tur.

Laufen auf einem IT-System selbstlernende Algorithmen, passiert allerdings etwas ganz Unheimliches. Zwischen Eingabedaten und Ausgabedaten gibt es fortan keine Ursache-Wirkungs-Beziehung mehr. Das ist keine Kleinigkeit. Das Kausalprinzip gilt als ein Fundament unserer Gesellschaft, so wie die Grundrechenarten und die Gesetze der formalen Logik. Wissenschaft, Rechtsprechung und Ingenieurswesen ruhen auf der sozialen Übereinkunft des Ursache-Wirkungs-Prinzips. Nur Religion – und gelegentlich Politik – kommen bislang schon gut ohne aus. KI in der digitalen Werbewirtschaft und im Bankwesen entfaltete eine vergleichsweise geringe Alltagswirkung. Nun soll ärztliche Tätigkeit gleichzeitig auf dem Boden von Wissenschaft, Rechtsprechung und Ingenieurswesen und ohne das Ursache-Wirkungs-Prinzip stattfinden. Das kann gelingen.

Allerdings ist KI nicht einfach nur „ein größerer Computer mit teurerem Programm“. Theoriebildung, Haftung und Entscheidungsfindung finden dann in einem völlig anderen Kontext statt. KI ist ein kompletter Systemwechsel, so wie beim Übergang von Muskelkraft zu Dampfkraft. ...

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Daten in einen Computer tippen ist wie Wasser im Kochtopf kochen, das kann jeder. Wasserdampf in einem geschlossenen Kessel erzeugen ist anspruchsvoller, für Experten aber machbar. Wenn das dann massenhaft Laien tun (sollen), dann knallt’s. ...

Sie und ich, wir Ärzte, sollen vor dem staunenden Publikum aus Patienten die digitale Dampfmaschine der KI befeuern. Die Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ hat auf ihrer neunseitigen „Zusammenfassung der vorläufigen Ergebnisse“ vom 19. Dezember 2019 viele Wünsche, Überlegungen und Forderungen im Umgang mit „Künstlicher Intelligenz“ im Gesundheitswesen formuliert, aber einen Hinweis auf das möglicherweise folgenreiche Ende des Kausalprinzips sucht man vergebens.

Dr. med. Stefan Streit, 51065 Köln

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