ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Künstliche Intelligenz: Eine Parodie auf Intelligenz
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Robert Marquard Hegglin, Internist und Kardiologe, studierte an fünf Universitäten Medizin. Nach Habilitation 1944 übernahm er die Vorlesung „Differential-Diagnosik innerer Krankheiten“. Daraus wurde ein Standardwerk mit 16 Auflagen, in 60 Sprachen übersetzt. Noch kurz vor seinem Tod vor 50 Jahren wiederholte er: 85 % aller Diagnosen seien mit Anamnese und klinischer Untersuchung sicher möglich. Wir brauchen nach Leitlinien, die zu oft als Richtlinien missverstanden werden, nun KI zur Risikoabschätzung, immer mehr Labor und Medizintechnik. Das Ergebnis im EU-Raum: wir liegen bei der Lebenserwartung im Mittelfeld und bei Kosten für das Gesundheitswesen auf Platz 1. Durch KI wird Letzteres verstärkt.

Der Bundestag hat 2018 unter Einfluss der Lobby von Forschungs- und Industrie-Vertretern ein KI-Projekt angestoßen, das individuellen Therapieentscheidungen zuwiderläuft.

Dazu Kommentare von Doktoranden, die sich in der Weiterbildung befinden: Leitlinien seien für Kollegen mit klinischer Kompetenz überflüssig und Fragen jüngerer Kollegen, wie „ja aber die Leitlinie…“, lösen Ärger aus. Nun soll noch KI-„Bevormundung“ hinzukommen. Die jetzt schon vielen jungen Kollegen mit Ambivalenz zur Tätigkeit an Kliniken wollen das KI-„Theater“ nicht mitmachen und halten Ausschau nach Alternativen.

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Fazit: Wenn wir den Ärztemangel noch weiter verschärfen wollen, dann weiter mit KI & Co für das Gesundheitswesen. Mehr Studienplätze in der Medizin können das nicht kompensieren. Zugleich ist erfreulich, dass jüngere Kollegen individuelle Diagnostik und Therapie weiter als eigentliche ärztliche Zielsetzung einstufen. Dazu braucht es nicht KI, sondern Intelligenz: die Fähigkeit, sich mit neuen Bedingungen effizient auseinanderzusetzen. Jeder Patient ist solch eine neue „Bedingung“. Die Enquete-Kommission zu KI möge unter diesem Aspekt entscheiden.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. J. M. Wenderlein, 80975 Ulm

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AMoser
am Mittwoch, 4. März 2020, 09:57

Künstliche Intelligenz: Eine Parodie auf Intelligenz

Sehr geehrter Herr Kollege Wenderlein,
vielen Dank für Ihren zutreffenden Kommentar zur künstlichen Intelligenz, dem ich voll und ganz zustimmen möchte. Schon bei einer Wittgenstein’schen, also sprachphilosophischen Betrachtung des Begriffs „künstliche Intelligenz“ landet man bei einem Widerspruch, beschreibt Intelligenz doch eine biologische Fähigkeit. Eine Nebensache, mag sein. Intelligenz ist im alltäglichen Sprachgebrauch aber mit positiven Attributen besetzt und gesellschaftlich verankert. Insofern erfährt nicht nur der Begriff „künstliche Intelligenz“, sondern auch deren Anwendung quasi automatisch und durch das Hintertürchen eine positive Bewertung. Ob das aber tatsächlich so ist und ob diese Form der Logik biologischen Vorgängen und der menschlichen Existenz mit „Werden und Vergehen“ zuträglich ist, muss erst noch gezeigt werden. Ich würde mir daher wünschen, dass mit der gleichen politischen Akribie und ebensolchen finanziellen Zuwendungen die menschliche Intelligenz gefördert würde.
Insofern möchte ich Ihren Wunsch an die Enquete Kommission ergänzen, dahingehend, dass diese mit menschlicher und nicht mit künstlicher Intelligenz gesegnet sei.

Prof. Dr. med. Andreas Moser
Universität zu Lübeck

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