ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Reisediarrhoe: Antibiotikum für die Selbsttherapie

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Reisediarrhoe: Antibiotikum für die Selbsttherapie

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-450

König, Romy

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Täglich erkranken weltweit 40 000 Urlauber an einer Reisediarrhoe. Die wichtigsten Auslöser sind bakterielle Erreger. Bei mittelschweren bis schweren Erkrankungen kann ein in der Reiseapotheke mitgeführtes Breitbandantibiotikum die Reisetauglichkeit wiederherstellen.

Seit Dezember ist mit Relafalk® (Rifamycin SV, Dr. Falk Pharma) ein neues kolonselektives Breitbandantibiotikum verfügbar, das Reisediarrhoe-(RD-)Patienten in der Selbsttherapie einsetzen können. Durch die besondere Galenik des Präparats wirkt das Antibiotikum direkt am Ort des Geschehens.

In mehr als 80 % der Fälle sind für eine RD bakterielle Pathogene verantwortlich, die sich zumeist in kontaminierten Lebensmitteln oder Getränken befinden. Die Folgen: plötzlich auftretender, nicht blutiger, oft dünnflüssiger bis wässriger Durchfall, imperativer Stuhldrang, Übelkeit, Erbrechen, abdominale Krämpfe oder Fieber.

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„Reisediarrhoe beginnt typischerweise sehr plötzlich nach einer Inkubationszeit von 4–8 Tagen und dauert durchschnittlich 3–4 Tage an“, so Prof. Dr. med. Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin. Die Infektion sei von kurzer Dauer und selbstlimitierend. Einer ärztlichen Behandlung bedürfen daher weniger als 10 % der Erkrankten, und wenn doch, „dann fast immer in Form von Beratung bezüglich der Flüssigkeitsbehandlung“. Da RD jedoch oft eine wesentliche Unterbrechung der Reise mit sich brächte, seien Mittel zur Selbstbehandlung „von großem Wert“, so der Mediziner.

Gezielte Wirkung

Das neue Antibiotikum Rifamycin SV verfügt über einen Mechanismus, der eine pH-abhängige und verzögerte Freisetzung kombiniert. Dadurch wird der Wirkstoff selektiv im terminalen Ileum und Kolon freigesetzt. Da Rifamycin SV fast nicht resorbiert wird (<1%), wirkt es gezielt am Ort der Erkrankung (Target-to-organ-Therapie).

Bei einer Durchfallerkrankung während einer Reise sei zwischen leichten, mittelschweren oder schweren Fällen zu unterscheiden, sagte Prof. Dr. med. Robert Steffen, Professor für Reisemedizin an der Universität Zürich. In leichten Fällen, die sich daran zeigten, dass die Reise ungehindert fortgesetzt werden könne, seien keine Antibiotika angebracht – das entspreche auch dem internationalen Konsens.

Bei einer mittelschweren Erkrankung könnten Antibiotika, gegebenenfalls in Kombination mit einem Motilitätshemmer wie Loperamid, in Erwägung gezogen werden. Bei einer schwerern RD-Erkrankung jedoch, „nämlich dann, wenn der Patient kaum handlungsfähig sei und kaum das Zimmer verlassen könne“, ist laut Aussage des Reisemediziners ein Antibiotikum klar indiziert (auch hier unter Umständen in Kombination mit Loperamid). Das sei nicht nur wichtig, um die Reisetauglichkeit rasch wiederzuerlangen, sondern auch um langfristig Komplikationen vorzubeugen.

Gegen das Fluorchinolon Ciprofloxacin, noch bis vor Kurzem das systemische RD-Antibiotikum der Wahl, hätten weltweit die Resistenzen zugenommen, so der Schweizer Mediziner. An dessen Stelle sei mittlerweile Azithromycin getreten, auch, weil es zu weniger Nebenwirkungen führe. Der neue Wirkstoff Rifamycin habe noch weniger Nebenwirkungen.

In einer 2018 durchgeführten Studie an 835 Patienten in Indien und Lateinamerika habe sich der Wirkstoff gegenüber dem – damals noch als Goldstandard betrachteten – Ciprofloxacin als nicht unterlegen erwiesen (1). „Zudem zeigte sich bezüglich der Kolonisierung durch ESBL-bildende Erreger, dass bei den Ciprofloxacin-Probanden die Quote unter Therapie von 14,2 auf 21,1 % anstieg (p = 0,03), während diese in der Rifamycin-Gruppe sogar von 16,0 auf 15,8 % sank.“

Gute Verträglichkeit

Zuvor war Rifamycin bereits an 264 RD-Patienten in Mexiko und Guatemala getestet worden – mit dem Ergebnis einer signifikant überlegenen Wirksamkeit gegenüber Placebo (2). In beiden Studien zeigte sich eine gute Verträglichkeit des neuen Breitbandantibiotikums.

Nicht indiziert sei Rifamycin hingegen bei Zeichen einer invasiven Enteritis (Dysenterie): „Naturgemäß taugt ein kaum resorbiertes Antibiotikum nicht dazu, Pathogene zu bekämpfen, welche die Darmmukosa bereits durchdrungen haben“, erklärte Steffen.

Ansonsten aber könne das Präparat für die Reiseapotheke zur Behandlung von RD bei Erwachsenen „ohne Vorbehalt“ empfohlen werden. Üblicherweise werden jeweils zwei Rifamycin-SV-Tabletten (à 200 mg) 3 Tage lang 2-mal täglich unzerkaut mit einem Glas Wasser eingenommen. Romy König

Quelle: Launch-Pressegespräch „Relafalk®: Innovative Galenik ermöglicht gezielte Therapie der Reisediarrhoe“, Frankfurt, 25. Oktober 2019; Veranstalter: Dr. Falk Pharma

1.
Steffen R. Jiang ZD, Gracias Garcia ML, et al.: Rifamycin SV-MMX® for treatment of travellers’ diarrhea: equally effective as ciprofloxacin and not associated with the acquisition of multi-drug resistant bacteria. J Travel Med. 2018; 25 (1); doi: 10.1093/jtm/tay116 CrossRef PubMed Central
2.
DuPont HL, Petersen A, Zhao J, et al.Targeting of rifamycin SV to the colon for treatment of travelers‘ diarrhea: a randomized, double-blind, placebo-controlled phase 3 study. J Travel Med 2014; 21 (6): 369–76 CrossRef MEDLINE
1.Steffen R. Jiang ZD, Gracias Garcia ML, et al.: Rifamycin SV-MMX® for treatment of travellers’ diarrhea: equally effective as ciprofloxacin and not associated with the acquisition of multi-drug resistant bacteria. J Travel Med. 2018; 25 (1); doi: 10.1093/jtm/tay116 CrossRef PubMed Central
2.DuPont HL, Petersen A, Zhao J, et al.Targeting of rifamycin SV to the colon for treatment of travelers‘ diarrhea: a randomized, double-blind, placebo-controlled phase 3 study. J Travel Med 2014; 21 (6): 369–76 CrossRef MEDLINE

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