ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Rechtsreport: Abgrenzung von Befunderhebungs- und Diagnosefehler

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Rechtsreport: Abgrenzung von Befunderhebungs- und Diagnosefehler

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-460 / B-400 / C-384

Berner, Barbara

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Im Jahr 2012 entsprach es ärztlichem Standard, eine Mammografie-Aufnahme mit der digitalen Lupe anzuschauen und im Fall von fehlenden Auffälligkeiten die gesamte Brustfläche noch einmal Zeile für Zeile vergrößert zu untersuchen. Wurden diese Maßnahmen nicht durchgeführt, gilt das als unterlassene Befunderhebung. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe entschieden. Im vorliegenden Fall hatten die Ärzte es unterlassen, die vergrößerte Aufnahme erneut Zeile für Zeile zu sichten, nachdem eine erste Untersuchung keine Auffälligkeiten gezeigt hatte. Ein Tumor wurde so nicht erkannt. Die Patientin klagte auf Schadenersatz.

Bei vollständiger Befunderhebung wäre nach Ansicht des Gerichts mit hinreichender Wahrscheinlichkeit abklärungsbedürftiger Mikrokalk im Brustgewebe entdeckt worden. Die Bewertung der Mammografieaufnahme als „Normalbefund“ sei daher als unterlassene Befunderhebung und nicht als Diagnosefehler zu werten. Es ist nach Auffassung des OLG „nicht äußerst unwahrscheinlich“, dass die Ärzte bei vollständiger Befunderhebung mit anschließender Biopsie und Therapie den vorhandenen Tumor vollständig hätten entfernen und eine Metastasierung verhindern können. Der Patientin sei deshalb eine Beweiserleichterung zuzubilligen, die sich nicht nur auf die frühzeitige Entdeckung des ursprünglichen Mammakarzinoms, sondern auch auf die später aufgetretenen Metastasen und Lokalrezidive erstrecke. Diese Sekundärschäden seien nach den überzeugenden Ausführungen eines Sachverständigen typische Folge der verzögerten Behandlung aufgrund unzureichender Befunderhebung. Bei einer Behandlung bereits im Jahr 2012 hätte sich die Klägerin lediglich einer Operation des Mammakarzinoms sowie einer einjährigen Anschlusstherapie mit Chemotherapie und Bestrahlung sowie einer Antikörpertherapie unterziehen müssen. Daher sei ein Schadensersatz in Höhe von rund 88 000 Euro angemessen, auch der Ersatz von Haushaltsführungsschäden sei zu gewähren, entschied das Gericht.

Die Kosten für eine dendritische Zelltherapie seien hingegen nicht ersatzfähig, da deren kurative Wirkung anhand der bisherigen Studienlage beim Mammakarzinom nicht zu belegen sei. Auch Kosten für Tee, Heilpilzextrakte sowie für eine Tages- und Nachtmütze seien nicht zu erstatten, da eine konkrete Wirkung dieser Hilfsmittel nach Aussage des Sachverständigen nicht festzustellen sei.

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OLG Karlsruhe, Urteil vom 27. Juni 2018, Az.: 7 U 58/17 RAin Barbara Berner

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