ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2020Digitalisierung in der Pflege: Exklusion muss vermieden werden

POLITIK: Das Gespräch

Digitalisierung in der Pflege: Exklusion muss vermieden werden

Dtsch Arztebl 2020; 117(9): A-424 / B-370 / C-358

Krüger-Brand, Heike E.; Osterloh, Falk

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Digitalisierung und Assistenzsysteme können das Leben im Alter erleichtern und die Pflege unterstützen. Stärker als in anderen Bereichen wirft der Einsatz digitaler Technologien in der Pflege jedoch ethische Fragen auf.

Eine Roboter-Robbe kann demenzkranke Patienten im Krankenhaus entspannen. Foto: picture alliance/Ingo Wagner für Deutsches Ärzteblatt
Eine Roboter-Robbe kann demenzkranke Patienten im Krankenhaus entspannen. Foto: picture alliance/Ingo Wagner für Deutsches Ärzteblatt

Die Pflege ist im Umbruch. Seit den Pflegestärkungsgesetzen aus der vergangenen Legislaturperiode haben sich die Rahmenbedingungen massiv geändert: von der Begutachtung der Pflegebedürftigkeit über Maßnahmen gegen den Pflegemangel und einer Reform der Ausbildung bis zur Finanzierung der Pflege. Die Digitalisierung des Pflegeberufs stand dabei bislang im Hintergrund. Viele hoffen jedoch, dass digitale Assistenzsysteme in der Zukunft einen großen Beitrag leisten können, um Pflegekräfte zu entlasten und um die Qualität der Versorgung zu verbessern.

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Die Bundestagsfraktion der Grünen widmete dem Thema Mitte Februar in Berlin eine Fachtagung. „Das Thema kommt auf uns alle zu“, sagte die Bundesvorsitzende der Partei, Annalena Baerbock, auf der Veranstaltung „The Future of Care – Menschliche Pflege in der digitalen Welt“. Dabei gehe es um die Frage, „wie man, wenn man älter wird, mit digitalen Mitteln seinen Alltag gestalten kann“.

Grüne fordern Digitalpakt

Der Technologieeinsatz betreffe alle Bereiche des Lebens und werfe viele Fragen auf, so Baerbock: „Wie weit soll Technologie die Pflege unterstützen? Gibt es dort irgendwo eine Grenze?“ Um die Chancen der Digitalisierung für ältere und pflegebedürftige Menschen zu nutzen und die Risiken zu minimieren, sind aus Sicht der Grünen drei Punkte wesentlich: So sei eine Strategie zur Digitalisierung im Gesundheits- und Pflegewesen notwendig, die mit klaren Maßnahmen, Zeitplänen und Verantwortlichkeiten unterlegt werden müsse. Bund und Länder müssten zudem einen Digitalpakt für die Digitalisierung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen auflegen, forderte die Politikerin. Schließlich plädieren die Grünen für einen Pflege-Innovationsfonds, um digitale Innovationen anschieben zu können.

„Digitalisierung kann Pflege in ihren fachlichen und ethischen Standards in besonderer Weise fördern“, betonte Prof. Dr. med. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Vorsitzender der Achten Altenberichtskommission. Der Kommissionsbericht „Ältere Menschen und Digitalisierung“ soll im März veröffentlicht werden. In ihrer Stellungnahme kommt die Kommission unter anderem zu dem Ergebnis, dass Robotertechnologie nicht geeignet sei, zentrale Aufgaben der Pflege zu ersetzen, wie Kruse vorab berichtete. Digitale Technologie werde Pflege nicht substituieren können, sondern müsse immer komplementär gedacht werden. Dabei sei man immer auch mit ethischen Fragen konfrontiert, etwa mit der Frage der Würde und der Freiheit. Ebenso müsse es auch um das Patientenwohl, die Selbstbestimmung, die Achtung der Intimität und die Achtung des Bedürfnisses nach Beziehungen gehen.

Entscheidend sei, inwiefern Technik dazu beitragen könne, dass Menschen soziale und kulturelle Teilhabe verwirklichen können, selbst wenn sie etwa in ihrer Mobilität beeinträchtigt oder an einer Demenz erkrankt sind. Auch bemesse sich der Wert einer Technologie vor allem daran, inwiefern der verletzlichste, schwächste Mensch davon profitieren könne und von der Technologieentwicklung nicht ausgenommen sei. „Jegliche Form von Exklusion muss vermieden werden“, erklärte Kruse.

Der Bericht der Altenberichtskommission fordert laut Kruse zudem nachdrücklich, dass soziale Ungleichheit durch die Einführung oder Weiterentwicklung von digitaler Technologie nicht vertieft werden dürfe. „Die digitale Spaltung muss unbedingt vermieden werden“, betonte er. Bei der Entwicklung digitaler Produkte müsse es zuvorderst immer auch um die Frage gehen, inwiefern jeder Haushalt mit grundlegender technologischer Assistenz beziehungsweise mit informationstechnologischen Systemen ausgestattet werden könne.

Unterdessen hat erst kürzlich auch ein vom Verbraucherzentrale Bundesverband beauftragtes Rechtsgutachten einen Erstattungsanspruch für digitale Assistenzsysteme vorgeschlagen, wenn diese einen pflegerischen Nutzen für pflegebedürftige Menschen oder Pflegekräfte im privaten Zuhause erfüllen (siehe Kasten „Rechtsgutachten empfiehlt Kostenerstattung).

Derweil werden digitale Assistenzsysteme zunehmend auch auf geriatrischen Stationen in Krankenhäusern eingesetzt, zum Beispiel im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Im Rahmen des „Konzeptes zur pflegerischen Versorgung von Menschen mit Demenz als Nebendiagnose in einem Akutkrankenhaus“ werden hier digitale Bewertungen im Krankenhausinformationssystem eingeführt, um kognitive Einschränkungen von Patienten direkt bei der Aufnahme zu erkennen. Die Informationen werden für alle Beteiligten abrufbar digital im Behandlungsplan hinterlegt, sodass betroffene Patienten für die Zeit ihres Aufenthalts in allen Bereichen des Krankenhauses gezielt betreut werden können. Dies ermögliche eine demenzsensible Versorgung und helfe, Stressfaktoren für die Patienten zu reduzieren, hieß es angesichts der Verleihung des Sozialpreises des Katholischen Krankenhausverbands Deutschland (kkvd), den unter anderem der Chefarzt der Geriatrie, Dr. med. Rainer Koch, sowie Stationsleiterin Marie Sohn für das Projekt im Dezember 2019 erhielten.

Technik gegen Pflegemangel

Um Stressreduktion geht es auch bei dem Einsatz der Sozialroboter-Robbe „Paro“ in der Geriatrie des Alexianer, mit deren Hilfe Demenzpatienten entspannt werden sollen. „Sie ist einem Therapietier nachempfunden und soll einen beruhigenden Einfluss auf die Patienten haben“, sagt Sohn dem Deutschen Ärzteblatt. Die Robbe, die im Alexianer „Liselotte“ heißt, ist mit fünf Sensoren ausgestattet. Sie kann tasten, Licht sehen, hören und die Temperatur sowie die eigene Position feststellen. Sie versteht ihren eigenen Namen, Grüße und auch Lob. Sie kann die Stimme einer realen Babyrobbe imitieren und Gefühle von Lebewesen durch Geräusche, Bewegungen und ihren Gesichtsausdruck darstellen. „Der Effekt ist derselbe, den ein Hundewelpe hervorruft“, sagt Sohn. „Wenn ein dementer Patient durch die fremde Umgebung und die vielen Untersuchungen gestresst ist und ablehnend reagiert, geben wir ihm Liselotte.“ Dadurch werde er ruhiger und sei zum Beispiel bei einer Infusionsgabe deutlich entspannter.

Und auch auf die Mitarbeiter der Geriatrie selbst habe die Robbe eine positive Wirkung. „Sie hat uns in unserer Arbeit zufriedener gemacht“, sagt Sohn. „Mit ihrer Hilfe können wir den Kranken­haus­auf­enthalt von Patienten mit der Nebendiagnose Demenz oder mit einem Delir angenehmer gestalten.“ Aus ihrer Sicht ist eine Roboter-Robbe angesichts der steigenden Zahl von Demenzpatienten im Krankenhaus kein „nice to have“, sondern ein „must have“ in der Geriatrie. Zudem hätten digitale Assistenzsysteme auch hinsichtlich des Pflegemangels eine positive Wirkung. Denn gerade junge Pflegekräfte würden sich sehr für digitale Neuerungen interessieren. „Ich würde sagen, dass Liselotte uns auch dabei geholfen hat, neues Pflegepersonal zu bekommen“, sagt Sohn.

Bei der Einführung digitaler Assistenzsysteme bedarf es aus ihrer Sicht zum einen einer gesicherten Finanzierung und zum anderen einer Person, die die Verantwortung dafür übernimmt, die jeweiligen Systeme in die tägliche Routine zu überführen. Vielfach stießen neue digitale Systeme zunächst auf Ablehnung, sagt Sohn, entweder auf Ablehnung von der Geschäftsführung wegen der Kosten oder auf Ablehnung durch das Pflegepersonal. Denn gerade mit dem Thema Robotik seien auch manche Ängste verbunden. Umso mehr freut sie sich, dass es hier anders war und Liselotte ein Teil ihrer Station geworden ist: „Wir sind der Meinung, unseren Patienten mit ihrer Hilfe mehr Sicherheit, Empathie und Fürsorge zu geben.“

Aus Sohns Sicht sollten noch weitere digitale Assistenzsysteme auf geriatrischen Stationen eingesetzt werden, zum Beispiel das mit Sensoren ausgestattete Pflegepflaster Moio, das Patienten auf ihrem Rücken tragen und das die Bewegungen misst. Wenn ein Patient zum Beispiel stürzt, werden alle an das System angeschlossenen Pflegekräfte auf ihrem Mobiltelefon informiert.

Auch der GKV-Spitzenverband hat sich mit digitalen Assistenzsystemen in der Pflege befasst. Anfang dieses Jahres veröffentlichte er das Gutachten „Digitalisierung und Pflegebedürftigkeit – Nutzen und Potenziale von Assistenztechnologien“. Darin wurde unter anderem untersucht, welche digitalen Assistenztechnologien es in der Pflege gibt und welchen Nutzen sie haben.

Projekte sind technikzentriert

Ein zentrales Ergebnis des Gutachtens sei, erklärte der Vorstand des GKV-Verbandes, Gernot Kiefer, in einem Vorwort, dass gesicherte Aussagen zum Nutzen von Assistenztechnologien für pflegebedürftige Menschen bislang nicht möglich seien, da wissenschaftliche Wirksamkeitsbelege fehlten.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass Bedarfe und Projekte nicht in jedem Fall übereinstimmen. „Ein besonders häufig beforschtes Technologiefeld sind sensorbasierte Assistenztechnologien“, heißt es in dem Gutachten (siehe Grafik). „Auch Robotik wird vergleichsweise stark adressiert, obwohl das überwiegend frühe Entwicklungsstadium robotischer Assistenztechnologien einen zeitnahen Transfer in die Praxis unwahrscheinlich erscheinen lässt.“ Einen weiteren Schwerpunkt bildeten spielbasierte Assistenztechnologien, die überwiegend im Hinblick auf die Mobilität und das Ziel der Aktivierung von Menschen mit Demenz zur Anwendung kämen.

Studien zur Nutzenbetrachtung von Pflegeassistenzsystemen
Grafik
Studien zur Nutzenbetrachtung von Pflegeassistenzsystemen

„Im Vergleich dazu werden Herausforderungen, die in der Pflegepraxis das alltägliche Leben der involvierten Menschen ebenfalls prägen, kaum beforscht“, konstatieren die Autoren des Gutachtens. Das zeige die sehr geringe Anzahl an Beiträgen, die die Themen Schmerz und Dekubitus adressieren. „Dieser Befund lässt eine Technikzentrierung konstatieren, die sich an Schlüsseltechnologien orientiert und nicht bedarfsorientiert ausgerichtet ist, da der Ausgangspunkt zu Entwicklung und Erforschung nicht aus dem Pflegekontext stammt“, heißt es weiter.

Heike E. Krüger-Brand, Falk Osterloh

Rechtsgutachten empfiehlt Kostenerstattung

Pflegekassen sollten digitale Assistenzsysteme (AAL) mit pflegeunterstützender Wirkung künftig einfacher und umfassender erstatten. Das fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) unter Bezugnahme auf ein von ihm beauftragtes Rechtsgutachten von Dierks & Company. Derzeit sind lediglich Hausnotrufsysteme und Pflegebetten im Hilfsmittelverzeichnis der Kranken- und Pflegekassen enthalten. Bei nicht gelisteten Produkten lehnen die Kassen eine Kostenübernahme häufig ab, weil sie diese in der Regel als „allgemeine Gebrauchsgegenstände“ bewerten.

Der vzbv fordert deshalb, die gesetzlichen Rahmenbedingungen im § 40 Sozialgesetzbuch XI anzupassen, um AAL-Technologien mit nachgewiesenem Nutzen erstattungsfähig zu machen. „Es geht bei digitalen Assistenzsystemen in der Pflege nicht um technische Spielereien. Schon heute können digitale Anwendungen Pflegebedürftigen das Leben zu Hause deutlich erleichtern und die Lebensqualität steigern“, so der vzbv-Vorstand Klaus Müller. Pflegebedürftige würden zudem finanziell entlastet, wenn sie länger in den eigenen vier Wänden verbleiben können. Die Studie im Internet: http://daebl.de/XE88.

Digitalisierung auf Japanisch

Stärker noch als Deutschland muss sich Japan auf die Alterung seiner Bevölkerung einstellen. Da derzeit auch in Japan die Babyboomer-Generation in Rente gehe, werde die Zahl pflegebedürftiger Menschen sowie die Kosten für deren Behandlung bis zum Jahr 2040 dramatisch ansteigen, wie Masamichi Watanabe vom japanischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium Anfang Februar in Berlin auf einer Veranstaltung erklärte, die das japanische und das deutsche Ge­sund­heits­mi­nis­terium organisiert hatten.

Auch Japan setzt vor diesem Hintergrund auf einen Ausbau digitaler Systeme in der Pflege. So würden Roboter in Pflegeheimen eingesetzt, um die Pflegekräfte körperlich und seelisch zu entlasten, sagte Watanabe. Beispielsweise würden Exoskelette genutzt, mit denen Pflegekräfte Patienten aus dem Bett heben könnten, ohne ihren Rücken zu belasten. Auf diese Weise soll es alten Pflegekräften ermöglicht werden, länger in ihrem Beruf zu arbeiten. Zudem werden die Bewohner mit Sensoren in ihren Zimmern überwacht. Mithilfe von künstlicher Intelligenz werden die Arbeitsabläufe in Pflegeheimen analysiert und effizienter gestaltet. Digitale Akten sollen darüber hinaus die Dokumentation erleichtern.

Digitalisierung wird auch eingesetzt, um die Lebensqualität der Bewohner zu erhöhen. So sollen diese mithilfe von Mobilassistenten eigenständig aus ihrem Bett in einen Rollstuhl gelangen, mit dem sie dann zum Beispiel in den Garten des Pflegeheims fahren können.

Studien zur Nutzenbetrachtung von Pflegeassistenzsystemen
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Studien zur Nutzenbetrachtung von Pflegeassistenzsystemen

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