ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020Notsituation in der Praxis: Einstudierte Abläufe helfen

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Notsituation in der Praxis: Einstudierte Abläufe helfen

Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-487 / B-423

Schmitt-Sausen, Nora

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Herzinfarkt im Wartezimmer, Kreislaufkollaps nach einer Impfung. Szenarien wie diese sind kein Alltag – und gerade das macht den Ernstfall so herausfordernd. Notfall in der Arztpraxis, Teil 1.

Eine gute Vorbereitung mit Checklisten, einer Notfallausstattung, regelmäßigen Notfalltrainings und einer detaillierten Dokumentation sind für den Ernstfall wichtig. Foto: Pixel away/iStock
Eine gute Vorbereitung mit Checklisten, einer Notfallausstattung, regelmäßigen Notfalltrainings und einer detaillierten Dokumentation sind für den Ernstfall wichtig. Foto: Pixel away/iStock

Das Knifflige an dem Szenario Notfall in der Praxis ist: Es ist nicht vorhersehbar. Die möglichen Szenarien sind aber zahlreich: Verletzung. Vergiftung. Erkrankung oder Reaktion auf eine medizinische Maßnahme. Konkreter: der kardiale Notfall. Der pulmonale Notfall. Der allergische Notfall. Der neurologische Notfall. Die Liste ließe sich fortsetzen. Das heißt aber auch: Das eine Patentrezept, den einen Paradeablauf für den Fall X oder auch die Anleitung für eine perfekte Ausstattungsliste für den Notfallkoffer in der Praxis, den gibt es nicht.

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Vielmehr sind Notfallszenarien und deren Handhabung der Vorbereitung darauf eine individuelle Angelegenheit der jeweiligen Praxis. So lautete der Tenor der Referenten im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf, die vom Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) geladen waren, um rheinländischen Ärzten und Praxisangestellten das Thema „Der Notfall in der Arztpraxis“ aus verschiedenen Perspektiven näherzubringen.

Das Naheliegende ist: Ein Radiologe sollte sich und sein Team darauf vorbereiten, mit allergischen Reaktionen auf Kontrastmittel umgehen zu können. Ein Hausarzt in einer ländlichen Region sollte bei anaphylaktischen Schocks nach Insektenstichen richtig reagieren zu wissen. Doch, auch das wurde auf der Veranstaltung betont: Ein Eingreifen ist für die Praxis zwingend erforderlich – in jedem möglichen Fall, der auftreten kann. „Sie sind verpflichtet, im Notfall zu behandeln. Das heißt: Sie müssen sich dem irgendwie stellen; egal welcher Fachrichtung Sie angehören“, macht Referent Jörg Fiegen, Facharzt für Allgemeinmedizin, deutlich.

Richtige Fragen stellen

Das Praxispersonal muss also zunächst einmal in der Lage sein, einen Notfall als solchen zu erkennen. Helfen kann dabei eine klare Beobachtungsgabe: „Ist der Patient anders als sonst?“ Und das Stellen der richtigen Fragen: „Haben oder hatten Sie Brustschmerzen?“ Oder: „Haben oder hatten Sie Atemnot?“

Notfälle sind aber nicht nur mit Blick auf die Fachrichtung der Praxis individuell. Sondern auch je nach der Berufserfahrung des Praxispersonals, insbesondere der Berufserfahrung des Arztes. Dies gelte es auch im Extremfall stets zu berücksichtigen – und entsprechend zu handeln.

„Nutzen Sie im Notfall keine Medikamente, mit denen Sie zuvor noch keine Erfahrung gemacht haben“, sagt Referent Dr. med. Oscar Pfeifer mehrfach während seiner Vorträge. Oder: „Statten Sie Ihren Notfallkoffer, Ihre Notfalltasche, Ihren Notfallrucksack oder was auch immer Sie bevorzugen mit Equipment aus, das Ihnen vertraut ist.“

Wie schnell es zu Chaos kommen kann, weiß auch Moderator Dr. med. Lothar Franz Nossek, der, heute im Ruhestand, 36 Jahre lang eine Allgemeinmedizinische Praxis hatte. „Nach sechs Monaten brach jemand vor der Haustür zusammen. In der Praxis wusste keiner, was zu tun ist“, räumt er offen ein. Und richtete dann einen klaren Appell an das Auditorium: „Sie müssen immer wieder Schemas üben. Nur so funktioniert es im Notfall.“

Die ist auch das Credo von Referent Pfeifer. Er weiß, wovon er spricht: Er ist erfahren im Handling von Notfällen, arbeitete als Arzt schon mehrfach in internationalen Krisenregionen. Neben Extremen wie Schusswunden und Verätzungen kennt er als Allgemeinmediziner eben auch Szenarien aus der ärztlichen Standardpraxis.

Und er weiß, dass im Fall X Situationen auftreten können, mit denen er im Vorfeld so gar nicht gerechnet hätte. Zum Beispiel diese: Dass eine junge Auszubildende, die nach dem Zusammenbruch eines Patienten den Job hatte, den Rettungswagen zu alarmieren, viele lange Minuten im Telefonbuch nach dessen Telefonnummer suchte. Seit diesem Vorfall kleben die zentralen Notrufnummern gut sichtbar auf jedem PC, der in der Praxis steht. „Gerade bei jungen Mitarbeitern gibt es in einer solchen Situation viel Aufregung. Kleine Hilfsmittel sind da ganz gut.“

Gute Vorbereitung wichtig

Auf den Worst Case so gut wie möglich vorbereitet zu sein und zu reagieren, wenn es dazu kommt, dient nicht nur dem Wohl des Patienten und der betroffenen Mitarbeiter, sondern auch der juristischen Absicherung. Notfälle, weiß Pfeifer, geben immer wieder „Anlass für Rechtsstreit“. Ein effektives Notfallmanagement, das für Evidenz sorgt in kritischen Situationen, sei elementar, um einen solchen Notfall auch im Nachgang gut durchzustehen.

Zu allgemeingültigen Stichworten, die helfen, eine Notsituation in der Praxis gut zu überstehen, gehören Aspekte wie durchdachte Checklisten, eine gute Notfallausstattung, regelmäßiges Notfalltraining, detaillierte Dokumentation.

Stichwort Checklisten: Es gibt viele Möglichkeiten, um Checklisten einzusetzen. Zum Beispiel eine „Checkliste Notfälle erkennen“ oder „Checkliste Notfallausrüstung“ oder „Checkliste Wo ist was im Notfall?“ oder „Checkliste Ablaufplan“. In jedem Fall geben Checklisten Sicherheit und gewähren effiziente Abläufe, sorgen für Zuständigkeit und machen Praxen im Fall einer juristischen Auseinandersetzung weniger angreifbar.

Stichwort Notfallausstattung: Der Bedarf orientiert sich an der Erfahrung und Gewohnheit des Arztes, der Art der zu erwartenden Notfälle, der Länge der Rettungswege sowie den aktuellen Empfehlungen und Standards. Als Orientierung kann etwa die Basisausstattung Notfallarztkoffer nach DIN 13232 dienen. In jedem Fall gilt aber: Die Ausstattung muss aktuell sein. Pfeifer, der auch als Experte für Qualitätsmanagement tätig ist, weiß, dass es bei eigentlichen Selbstverständlichkeiten oft hapert. Er habe in Notfallkoffern schon Medikamentenampullen gefunden, die seit den 70er-Jahren abgelaufen waren, erzählt er. Die Notfallausstattung aktuell zu halten – dies gelinge einfach: durch regelmäßige, fest anberaumte Überprüfungen, die im Praxisablauf verankert sind, so einer der vielen Tipps der Veranstaltung.

In Düsseldorf wusste eine Teilnehmerin hierzu dieses zu berichten: Die Praxis, in der sie als Assistenzärztin arbeitet, verfügt zwar über einen Notfallkoffer. Doch als der Fall der Fälle in der Praxis eintrat, war dieser nicht zur Hand – sondern befand sich im Auto des Chefs. Nicht gut – so natürlich der Kommentar.

„Das Equipment muss genauso stets vorhanden sein wie das Know-how, was im Notfall zu tun ist“, sagt Referent Pfeifer. Und gibt dem Auditorium den wichtigen Hinweis: „Auch ein Vertretungsarzt oder ein Assistenzarzt muss Anforderungen stellen. Und dazu gehört, dass eine Basisversorgung zu jeder Zeit gewährleistet sein muss.“ Lande ein solcher Fall vor Gericht, sei nie klar, wie ein Richter entscheide – ob im Sinne des Praxisinhabers oder im Sinne seines Vertreters.

Stichwort Notfalltraining: Abläufe durchspielen und Kompetenzen auffrischen. Interne Trainings in der Praxis und externe Schulungen. Und diese regelmäßig, mindestens ein oder zwei Mal im Jahr. „Weiterbildung für Praxen ist unerlässlich. Das Notfalltraining ist das Herzstück, das einen glatten Verlauf gewährleistet“, so der Tenor aller Referenten. Eine mögliche Beispieloption für eine Praxis: Einmal im Jahr kommt ein externer Referent in die Praxis, einmal im Jahr gibt es ein kleines internes Training. Stichwort Dokumentation: Wer seine Vorbereitungen und die Abläufe und Maßnahmen im Ernstfall detailliert und sauber dokumentiert, hat im Falle von Ermittlungen bessere Karten als der, der nichts schriftlich hat. Falls ein Patient oder gar dessen Anwalt im Nachhinein sagt: „Ist nicht gut gelaufen“, sei Evidenz das einzige, was zählt, um sich gegen ein unterstelltes Fehlverhalten wehren zu können.

Ruhig bleiben, einen kühlen Kopf bewahren. Dies ist eine zentrale Richtlinie für den Fall der Fälle. „Unterdrücken Sie jede innere Aufregung“, sagt Pfeifer. Und nicht unnötig kompliziert machen. Heißt: Sich um den Patienten kümmern, im Team agieren, Hilfe alarmieren, dem Notfallplan folgen.

Im Extremfall sicherlich nicht immer einfach. Etwa, wenn es in einer Praxis zu einem epileptischen Anfall kommt. „Das ist ein dramatisches Ereignis für die gesamte Umgebung“, weiß Referent Dr. med. Michael Lorrain, Arzt für Nervenheilkunde. Es gebe in der Regel viel und lautes Geschrei, einen Patienten, der wild rumzappele und eventuell Schaum vorm Mund habe.

In einem solchen Extremfall gelte für das Praxisteam dann nicht nur die Devise „Ruhe bewahren“, sondern auch eins: Obacht. „Versuchen Sie einem solchen Patienten nie, nie, nie den Mund zu öffnen. Der beißt Ihnen den Finger ab. Die Motorik ist ohne jede Kontrolle und der Patient entwickelt übermenschliche Kräfte.“

Routinierter Umgang ist schwer

Lorrain macht in seinem Vortrag noch einmal deutlich, wie breit gefächert das Stichwort Notfall ist. Er listete allein für seinen Fachbereich eine ganze Reihe von Situationen auf, die zum Notfall führen können: Allen voran steht natürlich der Schlaganfall. Gefolgt von Hirnblutung, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnhautentzündung, Epilepsie und einem sehr starken Migräneanfall.

Das Gute daran – „Es sind sehr wenige Fälle, die als Notfall in die Praxis kommen. Sie landen meist direkt in der Klinik.“ – ist gleichzeitig das Dilemma für den Arzt und sein Team, denn: Der routinierte Umgang sei schlicht schwer.

Doch klar ist nun einmal eben auch: Die geringe Wahrscheinlichkeit, einen Notfall zu erleben, entbindet eine Praxis nicht von der Pflicht, auf den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Nora Schmitt-Sausen

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