ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Gerontologie – Maxime: Lebensqualität

SPEKTRUM: Leserbriefe

Gerontologie – Maxime: Lebensqualität

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-420 / B-340 / C-318

Strecker, Wolfgang

Zu dem Beitrag "Interdisziplinäre Probleme und Aufgaben" von Prof. Dr. med. Hans-Joachim Wagner in Heft 47/1999:
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LNSLNS Prof. Wagner hat einen bedeutenden Tatbestand nicht erwähnt. Dies ist die Zwangsernährung schwerpflegebedürftiger Patienten mit Magensonden (PEG-Sonden), die einen natürlichen Tod verhindert und ein langes qualvolles Siechtum zur Folge hat. Auch hier muss ein Missbrauch aus pekuniären Interessen diskutiert werden. Welches Pflegeheim ist nicht an einer hundertprozentigen Belegung interessiert? Durch Magensonden können zuwendungsintensive Tätigkeiten (zum Beispiel Füttern) vermieden und Kosten eingespart werden.
Eine Ernährung über eine Magensonde darf nur erlaubt sein, wenn dadurch auch ein Leben mit einer ausreichenden Lebensqualität ermöglicht wird. Eine Magensonde ist im Übrigen nur vertretbar, wenn sie zur Beschwerdelinderung (Vermeidung von Durst) und Zuführung beschwerdelindernder Medikamente (Schmerzmittel) genutzt wird.
Die unkritische Anwendung durch Unerfahrene kann die Patienten auch gefährden oder ihnen erhebliche Beschwerden bereiten.
Ein falsches Signal wird auch durch die pauschale Verurteilung der Anwendung von Psychopharmaka gesetzt. Wer die Praxis kennt, weiß, in welch hohem Maße alte Patienten durch schwere Erkrankungen und ungenügende Zuwendung an ausgeprägten psychischen Störungen leiden. Hier bringt die ausreichende Anwendung von Psychopharmaka eine wesentliche Linderung ihrer Leiden. Selbstverständlich könnten viele Psychopharmaka durch eine liebevolle und vermehrte Zuwendung eingespart werden. Dies ist in der Praxis jedoch nur sehr selten realisierbar. Der überlegte Einsatz von Psychopharmaka ist darum für die Betroffenen, nicht zuletzt auch im Bereich familiärer Pflege, das kleinere Übel. Hierbei sollte auch nicht vergessen werden, dass psychische Störungen bei der Pflege nicht selten auch wieder Gewalt durch die überlasteten Pflegenden provozieren. Nicht zuletzt sollten gerade auch jene erheblichen psychischen Störungen (schizophrene Psychosen, Depressionen) ausreichend mit Psychopharmaka therapiert werden, bei denen unsensible Beobachter nur die Spitze eines Eisberges registrieren. Zu fordern ist eine verbesserte Ausbildung der Ärzte für eine ausreichende und qualifizierende Anwendung der Psychopharmaka.
Zusammenfassend sollte sich die Maxime allen Handelns in der Gerontologie (auch der Therapiebeschränkung) an der Gewährleistung einer zumutbaren Lebensqualität orientieren.
Dr. med. Wolfgang Strecker, Am Bahnhof 3, 56841 Traben-Trarbach
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