ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020Multiple Sklerose: Behinderung hinauszögern

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Multiple Sklerose: Behinderung hinauszögern

Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-504

Bischoff, Martin

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Erstmals steht mit Siponimod eine orale Therapie für die sekundär progrediente Multiple Sklerose zur Verfügung. Der Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator konnte gegenüber Placebo das Ausmaß der Behinderung senken und es zeigten sich positive Effekte auf die Hirnatrophie.

Die sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS) ist nach der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) durch eine schleichende Zunahme klinischer Symptome und neurologischer Beeinträchtigungen gekennzeichnet. Anfangs können zusätzlich weiter Schübe auftreten, die aber später meist fehlen. Patienten leiden typischerweise unter einer Gangunsicherheit, Koordinationsstörungen, einer eingeschränkten Kognition, Müdigkeit, Erschöpfung und depressiven Verstimmungen.

Prof. Dr. med. Luisa Klotz von der Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie in Münster erläuterte auf einem Presseworkshop der Firma Novartis, welche Wirkung sich bei diesen Patienten mit dem Sphingosin-1-Phosphat-(S1P-)Rezeptormodulator Siponimod (Mayzent®) erzielen lässt.

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EXPAND bestätigt Wirkung

Mit der Phase-III-Studie EXPAND konnte gezeigt werden, dass die Substanz die Progression der SPMS durch eine signifikante Verzögerung der Behinderung verlangsamt (1).

An dieser ersten und einzigen großen Studie, die relevante Ergebnisse im Hinblick auf eine fortgeschrittene SPMS zeigte, waren über 1 651 Patienten beteiligt. Sie wurden zwischen Februar 2013 und Juni 2015 randomisiert einem Therapiearm (1 105) und einer Placebogruppe (546) zugeteilt.

Als Einschlusskriterien galten ein Alter zwischen 18 und 60 Jahren, ein EDSS-Score zwischen 3,0 und 6,5 und eine fortschreitende Behinderung über ≥ 6 Monate ohne oder unabhängig von Schüben. Bei dem EDSS-Score (Expanded Disability Status Scale) handelt es sich um eine Skala, die den Schweregrad der Behinderung bei Multiple-Sklerose-Patienten angibt.

Die Behandlung über im Mittel 18 Monate erfolgte mit Siponimod beziehungsweise Placebo einmal täglich. Der primäre Endpunkt war bei einer vordefinierten Anzahl an nachgewiesener chronischer Progression (CDP, confirmed disease progression) erreicht. CDP war definiert als Zunahme des EDSS um 1 Punkt bei Ausgangswerten zwischen 3,0 und 5,0 sowie um plus 0,5 Punkten bei Werten von 5,5 bis 6,5.

Auf die Gesamtpopulation der Studie bezogen verringerte Siponimod das Risiko einer über 3 Monate bestätigten Progression der Behinderung signifikant um 21 %, nach 6 Monaten um 26 %.

Bei der Subgruppe der Patienten mit bestätigter entzündlicher Aktivität erwies sich Siponimod als noch wirksamer. Dabei wurde eine signifikante relative Risikoreduktion nach 3 Monaten um 31 % (p = 0,0094) und nach 6 Monaten um 37 % (p = 0,0040) erreicht, berichtete Klotz. Deshalb wurde Siponimod Ende Januar 2020 für diese Gruppe von erwachsenen SPMS-Patienten zugelassen, bei denen durch Schübe oder Bildgebung der entzündlichen Aktivität die Krankheitsaktivität nachgewiesen wurde.

Die EXPAND-Studie lieferte in Analysen der Subgruppen zusätzliche Erkenntnisse. So konnten positive Effekte auf das T2-Läsionsvolumen und auf die Hirnatrophie ebenso gezeigt werden wie klinisch relevante Effekte auf die Kognition. Für diese Subgruppen fielen die Behandlungsergebnisse umso besser aus, je früher die Patienten Siponimod erhalten hatten. Das Sicherheitsprofil entspricht nach Angaben von Klotz konsistent den bekannten Effekten der S1P-Rezeptor-Modulation.

Siponimod wurde gezielt für die SPMS entwickelt und zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es lipophil und damit gehirngängig ist. Im ZNS bindet Siponimod selektiv an S1P-Rezeptor-Subtypen 1 und 5. Mit einer Halbwertszeit von 22–50 Stunden und einer Auswaschphase von 6 Tagen lässt sich die Substanz gut steuern, erläuterte Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Dr. h.c. Sven Meuth aus Münster auf der Novartis-Veranstaltung.

Progression besser verstehen

Ein Problem bei der Diagnose der SPMS besteht in dem schleichenden Übergang von der schubförmig remittierenden MS (RRMS). Wegen des Fehlens von eindeutigen Markern in dieser Phase wird die Diagnose in der klinischen Praxis oft erst spät diagnostiziert, berichtete PD Dr. med. Olaf Hoffmann, Chefarzt der Neurologie am St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam.

Ein Tool, das helfen soll, auf frühe Anzeichen einer Progression aufmerksam zu machen, ist MSProDiscuss. Es wurde von MS-Spezialisten entwickelt und validiert und soll Diskussionen zwischen Ärzten und Patienten ermöglichen, um die Patientengeschichte, die aufgetretenen Symptome und deren Auswirkungen besser zu verstehen, so Hoffmann. Martin Bischoff

Presseworkshop „Wir mischen die Karten in der SPMS-Therapie neu“; veranstaltet von Novartis am 10. Februar 2020 in München.

1.
Kappos L, Bar-Or A, Cree BAC, et al.: Siponimod versus placebo in secondary progressive multiple sclerosis (EXPAND): a double-blind, randomised, phase 3 study. Lancet 2018; 391 (10127): 1263–73 18)30475-6">CrossRef MEDLINE
1.Kappos L, Bar-Or A, Cree BAC, et al.: Siponimod versus placebo in secondary progressive multiple sclerosis (EXPAND): a double-blind, randomised, phase 3 study. Lancet 2018; 391 (10127): 1263–73 CrossRef MEDLINE

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