ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020Digitale Anwendungen: Herzschlag und Stressfaktoren
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Ein bereits existierendes Beispiel für Digitale Gesundheitsanwendungen ist eine APP des Berliner Start-up-Unternehmens KENKOU, das mit seinem STRESS-GUIDE Smartphone-Technologien nutzt, um angeblich einerseits Stressfaktoren objektiv zu jeder Zeit messen zu können, andererseits aber auch individuelle Stressbewältigungsstrategien anzubieten.

Doch lasst Euch nicht „veräppeln“: Gemessene Vitaldaten wie die Atem- und Pulsfrequenz bzw. die Herzratenvariabilität sind keine validen Messparameter für einen wie auch immer gearteten Stress-Level. Sie sind ein Maß für bio-psycho-soziale Einfluss- und Stellgrößen auf den menschlichen Körper und können vielerlei bedeuten: Spaß, Kommunikation, Freude, Sinnlichkeit, Genuss, Wohlleben, kulturelle Reflexion aber auch Ärger, Belastung, Trauer, Wut, Anspannung, Stress, Verdruss. Ihre Fehlverarbeitung kann in Stresssymptome ausarten, muss es aber nicht zwangsläufig. Jedes Individuum verarbeitet Belastungs- und Stressfaktoren anders. Das berücksichtigt diese App in keinster Weise.

Ein Herzschlag wird beim gesunden Individuum durch einen Impuls des Sinusknotens als zentralem Taktgeber des autonomen Erregungssystems des Herzens ausgelöst. Dieses steht seinerseits unter dem Einfluss des übergeordneten vegetativen Nervensystems, wobei über den Sympathikus ein aktivierender Einfluss ausgeübt wird, der u. a. eine Erhöhung der Herzfrequenz zur Folge hat. Körperliche und psychische Belastungen gehen mit einer Steigerung der Aktivität des Sympathikus einher, während parallel dazu Körperfunktionen reduziert werden, die vom Vagus reguliert werden, wie etwa die Verdauung. Äußere Einflüsse (Reize), psychische Vorgänge (Gedanken) oder mechanische Abläufe (Atmung) greifen dabei komplex ineinander, können sich dabei aber je nach eigenem Gewicht auch unterschiedlich auf den Herzschlag auswirken.

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Diese App ist meines Erachtens nutzlos und stellt einen einzigen Surrogatparameter unzulässig in den Vordergrund. Bei jeder Art von Sportausübung oder emotional bewegenden Ereignissen z. B. würde diese App unsinnigerweise Alarm schlagen. Es bleibt zu befürchten, dass in dem derzeitigen Hype mit jeder Art von sinnvollen/sinnlosen APPs alle möglichen unwissenschaftlichen Pseudo-Gesundheits-Apps vom Gesetzgeber einfach ungeprüft und ohne kritische Validierung durchgewunken werden.

Dr. med. Thomas G. Schätzler, 44 135 Dortmund

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