ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020Von schräg unten: Digitale Welt

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Digitale Welt

Dtsch Arztebl 2020; 117(10): [52]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es nicht faszinierend, förmlich das reinste Wunder, wie uns die digitale Welt schier unendliche Möglichkeiten eröffnet?! Wir können jederzeit und überall auf der Erde in Kontakt mit wildfremden Menschen kommen, deren Sprache wir eventuell nicht verstehen. Wir können uns in schlecht gesicherte Computer einloggen, Texte und Bilder von Menschen bestaunen, die das wahrscheinlich nicht so gut finden. Wir können auf der ganzen Welt virtuell in Warenhäusern spazieren gehen, um uns nach Herzenslust Dinge zu bestellen, die wir meist nicht brauchen und die oft nicht passen. Die Welt ist ein Bildschirm! Oder jedenfalls auf diese Größe geschrumpft, und nur die miesepetrigen Ewiggestrigen verschließen sich dieser strahlend schönen Zukunft, üben sich in technophober Fortschrittsfeindlichkeit.

Pfui Teufel! – kann ich dazu nur sagen und: Asche auf mein Haupt, denn ich bin einer von diesen antiquierten, renitenten alten Säcken. Ich kann nur um Verständnis dafür bitten, dass ich mein Haus nicht schon mit grenzenlos neugierigen Mikrofonen bestückt habe, da ich große Sorge habe, dass meine akustischen Überwacher Gehörgangskrebs kriegen, wenn sie mich beim Saxofonspielen belauschen. Für genauso schräg wie meine Saxofonübungen halte ich allerdings die intensiven Bemühungen, Patientendaten in einer weltweit zugänglichen Cloud der interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Denn die in Patientenakten benutzten medizinischen Fachausdrücke sind, wie es der Name schon sagt, ausdrücklich für Fachleute vorgesehen und können Ursache tief greifender Missverständnisse sein, weil sich der Sinn der Fachbegriffe nicht sofort erschließt.

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So handelt es sich bei einem sakralen Miktionszentrum nicht um eine Örtlichkeit der Erleichterung in geweihten Gebäuden, bei einem sakralen Neuromodulator nicht um einen Prediger, der anderen auf die Nerven geht. Influenza hat wiederum nichts mit jungen Frauen zu tun, die im Netz Schminktipps geben und Produkte der Schönheitsindustrie anpreisen, auch wenn beide viral gehen. Ein überdrehter Linkstyp ist keine politische Auffassung, die der Aufnahme in konservativen Parteien im Wege steht, genauso wenig wie das Vorhandensein freier Radikale. Der laborchemische Nachweis von antinu-kleären Antikörpern sollte niemanden davon abhalten, sich auf eine Stelle in der Kernphysik zu bewerben. Bei Alexie ist eine Alexa sicherlich sehr hilfreich, bei Leistenhernien sollte man jedoch Abstand davon nehmen, diese mittels Intranet zu versorgen. Bei Belegzellen handelt es sich nicht um Räumlichkeiten in äußerst preisgünstigen, heruntergekommenen Hotels; eine Atonie kann durchaus bei Musikern auftreten, ohne dass gleich die Berufsunfähigkeit droht. Eine bipolare Störung ist nichts, was ein Elektriker beheben kann, genauso wenig wie die globale Aphasie. Der Gebrauch einer Spaltlampe hinterlässt keinen Einschnitt, bei Sulfonen handelt es sich nicht um Musikinstrumente. Und tja, Speed-Dating ist keine Terminvereinbarung in überfüllten Arztpraxen mit Beschränkung der Sprechzeit auf eine Minute.

Habʼ ich was vergessen? Wenn ja, sagen Sie mir bitte Bescheid, ansonsten wäre dann alles geklärt, und es kann vorangehen mit der Digitalisierung.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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