ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020109. Weltfrauentag: Keine Ausreden mehr

SEITE EINS

109. Weltfrauentag: Keine Ausreden mehr

Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-467

Beerheide, Rebecca

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Jedes Jahr im März werden Klagelieder angestimmt, ähnliche Strophen mit der üblichen Erkenntnis: Frauen sind in den Führungsebenen von Behörden, Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen und Spitzengremien der Selbstverwaltung nicht angemessen repräsentiert. Dabei arbeiten gerade in den Gesundheitsberufen sehr viele Frauen – allerdings können nur wenige der sehr gut ausgebildeten Ärztinnen, Fachfrauen in der Pflege oder Klinikmanagerinnen ihre Expertise für die Führung von Unternehmen, Universitäten oder großen Praxen einbringen. Dieser Umstand wird jährlich anlässlich des internationalen Frauentages (8. März) oder auch anlässlich des Equal Care Day (29. Februar) sowie des Equal Pay Day (17. März) beklagt. Inzwischen gibt es aber einen zarten Lichtblick: Im Vergleich zu den vergangenen Jahren müssen sich Institutionen erklären, warum sie keine Frau für einen Topjob oder ein Spitzenamt gefunden haben.

Ausreden gibt es schon lange nicht mehr: An den Universitäten sind 70 Prozent der Studierenden Frauen, die immer noch selten in der Versorgung einen Spitzenjob kommen. In der Gremienarbeit ein ähnliches Bild: In Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen liegt der Anteil von Frauen in den Führungsebenen zwischen zehn und 30 Prozent. Dies gilt auch für die Quoten bei Vorständen von Krankenkassen. Die aktuellste Zählung von Frauen in den Spitzenpositionen im Gesundheitswesen kommt aus einer parlamentarischen Anfrage der Grünen-Politikerin und Ärztin Dr. med. Kirsten Kappert-Gonther, die im Februar 2019 für Aufsehen gesorgt hat. Es folgte im Juni eine Anhörung im Deutschen Bundestag, allerdings ohne konkretes Gesetzesvorhaben. Im Januar 2020 fragte Kappert-Gonther die Bundesregierung erneut nach Frauen im Gesundheitswesen – die Daten liegen noch nicht vor, die Antwort wird nicht verwundern. Viel hat sich in den vergangenen Monaten nicht getan. Die Wahl von Dr. med. Susanne Johna an die Spitze des Marburger Bundes sticht dabei heraus.

Anzeige

Ein weiterer positiver, wenn auch kleiner Schritt: Im Fairer-Kassen-wettbewerbs-Gesetz gibt es einen Passus, dass der GKV-Spitzenverband nun eine Frauenquote von 40 Prozent im Verwaltungsrat benötigt. Ein Gremium, das mit vielen älteren Herren besetzt ist, muss sich nach der nächsten Wahl neu aufstellen. Die Gegenwehr zu diesem Vorhaben aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium stieß auf taube Ohren. Ein möglicher Vorbote, dass eine Frauenquote auch ärztlichen Gremien künftig verpflichtend auferlegt wird.

Die fehlende Repräsentation von Frauen hat auch Auswirkungen auf die medizinische Versorgung: Seit Jahren ist bekannt, dass es in vielen klinischen Studien einen großen Gender-Bias gibt. Nun setzt sich diese Entwicklung auch beim Aufbau der Datensätze für die Systeme der künstlichen Intelligenz fort – mit ebenso fatalen Auswirkungen (siehe Seite 478). Die Gendermedizin, das unterschiedliche „Krank-Sein“ von Frauen und Männern, wird zudem an den Fakultäten noch zu selten gelernt (Seite 484).

 Viele Bündnisse machen auf die Folgen von zu wenig Frauen in Führungsjobs, das Fehlen von Daten von Patientinnen in Studien und der KI sowie dem fehlenden Wissen rund um die Gendermedizin aufmerksam – angefangen vom Deutschen Ärztinnenbund über #SheHealth, die „SpitzenfrauenGesundheit“ oder auch die „HealthCare Frauen“ sowie Bündnisse innerhalb der Berufsverbände wie dem Forum Hausärztinnen. Sie bemühen sich ehrenamtlich, mehr Expertinnen in die Diskussionen einzubinden, werben bei der Politik für das vorübergehende, aber notwendige Hilfsmittel einer Frauenquote in Gremien. Generell fehlt es nicht am Erkenntnisgewinn – es fehlt am Mut der Umsetzung von gemischten Teams, von innovativen Arbeitszeitmodellen und einer Freistellung für die Mitarbeit in berufsbezogenen Gremien.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin Politische Redaktion

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #673989
wälti
am Sonntag, 15. März 2020, 10:07

Weltfrauentag, Thema verfehlt

Der Leitartikel ging völlig am Thema vorbei. Wird dort aufgezählt, dass in Verbänden, leitenden Positionen der Selbstverwaltung und der Kassen und bei leitenden Positionen in Kliniken Frauen unterrepräsentiert sind. Quoten sollen es heilen. Über die Gründe wird aber nichts gesagt. Die kennt jeder, der wie ich in der Anästhesie seit seinem Berufsstart und später als leitender Arzt mit Kolleginnen zusammengearbeitet hat. Oberärztinnen in der Chirurgie, habilitierte Kolleginnen, Chefärztinnen waren fast immer kinderlos. Bei engagierten Mitarbeiterinnen konnte ich regelhaft beobachten, dass die Bereitschaft Dienste zu übernehmen oder andere Aufgaben in der Abteilung voranzutreiben mit der Geburt des ersten Kindes einen anderen Stellenwert bekamen. Auf einmal war das Kind der Mittelpunkt, der Job eine notwendige Sache. Ich beklage das nicht, das ist natürlich, aber auch der Grund, warum einige Funktionen nicht von Müttern besetzt werden. Wer durch Mutterschutz und Elternzeit erst mit 40 Fachärztin ist, steht auf der Karriereleiter nicht oben. Zwischen Weihnachten und Sylvester ist der Kindergarten geschlossen, kann ich sicher um 15.30 ausgelöst werden, ich muss mein Kind abholen, kann ich schnell abgelöst werden, die Schule hat angerufen, dass mein Sohn sich nicht gut fühlt, nächste Woche ist Lehrerausflug, kann ich einen Urlaubstag nehmen, muss ich wirklich abends zur Weihnachtsfeier kommen und eine Kinderbetreuung organisieren. Gerade für alleinerziehende Mütter ohne familiären Rückhalt sind das riesige Probleme. Davon schreiben die Quotenrechner in ihrem Heft zum Weltfrauentag nichts. Traurig, wie einseitig Frauenrechtlerinnen denken.