ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2020Krankenhäuser: Der „Markt“
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Die Einführung eines pauschalen Preissystems zur Finanzierung der Krankenhausbehandlung auf Grundlage der German – DRGs … hat das ärztliche Denken und Handeln im Sinne eines radikalen Paradigmenwechsels total auf den Kopf gestellt. Nicht mehr die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten stehen im Fokus der stationären Behandlung, sondern der Erlös und damit der betriebswirtschaftliche Nutzen jedes „Falles“.

Die DRG-Systematik belohnt invasive Eingriffe, dadurch geraten abwägendes Handeln und konservative Therapiealternativen ins Hintertreffen. Jedes Klinikbett wird zu einer Erlösmaschine: Je schneller … die Behandlung beendet und der Patient entlassen wird, um so mehr neue „Fälle“ können aufgenommen und damit neue Fallpauschalen und Erlöse generiert werden. Weil der Gewinn des Krankenhauses wächst, wenn dieselbe Behandlungsleistung mit weniger Kosten erbracht wird, wurden seit Einführung der Fallpauschalenfinanzierung insbesondere Pflegestellen abgebaut, denn es gibt keine Erlösabschläge, wenn die Qualität der Pflege der Patienten schlechter wird.

Die noch verbleibenden Pflegekräfte müssen immer mehr Patienten versorgen, denn um die Gewinne weiter zu erhöhen, müssen die Fallzahlen gleichzeitig gesteigert werden. Von 1995 bis 2017 hat die Fallzahl in deutschen Krankenhäusern um 22 % zugenommen, die Zahl der Pflegekräfte wurde … um 6,3 % reduziert. …

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Zu Recht fordern die Autoren eine sinnvolle Krankenhausplanung … . Leider verschweigen sie … den fatalen Einfluss der Öko­nomi­sierung durch das Fallpauschalensystem, der einer solchen Planung entgegensteht: Faktisch gibt es … keine Krankenhausplanung mehr, denn über Fortbestand oder Schließung einer Abteilung oder eines ganzen Krankenhauses entscheidet heute der „Markt“: Rote Zahlen im Jahresabschluss haben aus ökonomischen Gründen nach wenigen Jahren die Schließung zur Folge, unabhängig davon, ob das entsprechende Krankenhaus z. B. in ländlichen Regionen für die Versorgung der Menschen eigentlich dringend benötigt wird. Die Alternative ist dann oft nur noch der Verkauf der Klinik an einen privaten Konzern, der das DRG-System besser zu nutzen weiß: noch mehr Personal abbauen, schlechtere Bezahlung, mehr „Fälle“, aber möglichst nur die, die sich auch „rechnen“… .

Die Abschaffung des DRG-Systems ist überfällig. Krankenhäuser dienen der Daseinsfürsorge. Sie sollten keine Gewinne machen dürfen, es müsste alles das bezahlt werden, was für die Behandlung der Patienten wirklich wichtig ist.

Dr. phil. Nadja Rakowitz, Dr. med. Thomas Böhm, Dr. med. Arndt Dohmen, Dr. med. Achim Teusch, 63477 Maintal

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