ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2020Strukturelle psychische Gewalt: Polarisierung mit martialischer Sprache

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Strukturelle psychische Gewalt: Polarisierung mit martialischer Sprache

Golombek, Jürgen

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Der Autor vertritt die These, dass die Zunahme der Fälle von Arbeitsunfähigkeit und Frühberentungen in ursächlichem Zusammenhang mit der strukturellen psychischen Gewalt durch Institutionen steht und deren Aufdeckung vermieden wird. Ohne Zweifel hat die veränderte Arbeitswelt gesundheitsbezogene Auswirkungen. Im Buch werden häufig quellenbezogene Angaben mit Behauptungen verknüpft: beispielsweise, dass 80 Prozent der psychischen Erkrankungen durch „unsachgemäße Fremdbestimmung“, als Ausdruck einer strukturellen psychischen Gewalt, verursacht seien. Das ist empirisch ebenso wenig haltbar wie die Zunahme von AU-Fällen nicht ein automatischer Beleg für die Zunahme psychischer Erkrankungen ist.

Vom Autor angeführte Beispiele struktureller psychischer Gewalt, etwa aus dem Gesundheitsbereich, und seine Position hätten dann mehr Glaubwürdigkeit, wenn durchaus berechtigte Kritiken unter verschiedenen Sichtweisen herausgearbeitet worden wären. Stattdessen überwiegt eine nicht klar definierte Gegenüberstellung von Machthabern und Opfern. So wird das Hartz-IV-System teilweise mit „Zwangsarbeit“ gleichgesetzt und Mitarbeiter der Jobcenter geraten auf die Seite der bedrohlichen Mächtigen – was der Autor vermutlich nicht beabsichtigt. Alternative Lösungsvorschläge zu entwickeln, ist hier ohnehin nicht vorgesehen. Darüber hinaus geht es am Verständnis von Psychodynamik vorbei, beispielsweise „Mobbing“ auf Folgeerscheinungen einzuschränken. Die Fähigkeit von Psychotherapeuten, interaktionelle und interpersonelle Analysen des Geschehens bei Arbeitsplatzkonflikten vorzunehmen, wird befremdlicherweise verneint. Die schlichte Verknüpfung von Verhaltensmerkmalen wie „Perfektionismus“ mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung ist eine Meinung, so aber nicht haltbar.

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Dem Anspruch, „Folgen psychischer Erkrankungen vorurteilsfrei“ aufzudecken und zu analysieren, wird das Buch nicht gerecht. Wenig überzeugend sind die Polarisierung mit martialischer Sprache und fehlende differenziert sachliche Analysen. Leser, die sich mit der These vom „Krieg reich gegen arm“ und einer Kampfrhetorik identifizieren, können sich hier wiederfinden. Einen weiteren Gewinn bringt das Buch nicht. Jürgen Golombek

Argeo Bämayr: Psychische Gewalt im Berufs- und Privatleben. Ursache des Anstiegs von Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung aufgrund psychischer Erkrankungen. Europäischer Universitätsverlag, Bochum 2018, 111 Seiten, kartoniert, 19,00 Euro

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