ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2020Diabetes mellitus und psychische Störungen: Eine komplexe chronische Erkrankung

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Diabetes mellitus und psychische Störungen: Eine komplexe chronische Erkrankung

Sonnenmoser, Marion

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Diabetes mellitus und komorbide psychische Störungen bedingen sich oft gegenseitig und weisen negative Wechselwirkungen auf, die den Krankheitsverlauf erheblich beeinträchtigen können. Immer häufiger wird die Erkrankung heute von Psychodiabetologen behandelt.

Die Insulinspritze gehört für viele Diabetespatienten zum Alltag. Foto: RFBSIP/stock.adobe.com
Die Insulinspritze gehört für viele Diabetespatienten zum Alltag. Foto: RFBSIP/stock.adobe.com

Diabetes mellitus umfasst verschiedene Stoffwechselstörungen, denen erhöhte Blutzuckerwerte aufgrund eines Mangels am Hormon Insulin und/oder einer verminderten Wirkung des Insulins gemeinsam sind. Sie können, sofern sie unbehandelt bleiben, unter anderem zu Gefäß- und Nervenschädigungen und zu Durchblutungsstörungen in verschiedenen Organen und Gliedmaßen, zu Geschwüren und Wundheilungsstörungen sowie zu einer erhöhten Mortalität durch Herzinfarkt, Schlaganfall und Unterzuckerung führen. Es gibt verschiedene Formen des Diabetes mellitus, von denen der „Typ 1“ und der „Typ 2“ am weitesten verbreitet sind. Laut Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sind 7,2 Prozent aller Erwachsenen (18 bis 79 Jahre) in Deutschland von Diabetes mellitus betroffen, davon 90 bis 95 Prozent vom Typ 2. Während der Typ 1 angeboren und nicht heilbar ist, gilt der Typ 2 als weitgehend erworben und relativ gut einstellbar.

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Die Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 zielt darauf, die Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin zu verbessern und erfolgt in der Regel gestuft: Zunächst wird dies durch Änderungen des Lebensstils versucht. Gelingt dies nicht ausreichend, kommen Medikamente zum Einsatz. Wenn die Erkrankung auch damit nicht in den Griff zu bekommen ist, muss Insulin gespritzt werden. Änderungen des Lebensstils bestehen beispielsweise darin, sich mehr und regelmäßig körperlich zu bewegen, vermehrt fettarme, ballaststoffreiche Nahrung mit einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu sich zu nehmen, Stress besser zu bewältigen, sich fundiert über die Erkrankung zu informieren und das Körpergewicht zu reduzieren oder zumindest zu halten. Für Therapien mit Medikamenten und Insulin sind unter anderem eine engmaschige Zusammenarbeit mit Ärzten und anderen Behandlern, die Berechnung des Insulinbedarfs, regelmäßige Einnahmen sowie kontinuierliche Messungen von Blutzucker, Blutdruck und Körpergewicht durch die Patienten erforderlich.

Alle Therapiemaßnahmen erfordern über viele Jahre hinweg ein hohes Maß an Eigenverantwortung, Disziplin, Selbstkontrolle, Engagement und Compliance. Nicht alle Diabetiker sind jedoch stets dazu in der Lage, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Erschwerend kommt hinzu, dass der Diabetes mellitus eine komplexe und chronische Erkrankung ist, die die Betroffenen oft ein Leben lang begleitet. Dies zu akzeptieren ist nicht immer einfach. Die Erkrankung erfordert es zudem, sich ständig und auf verschiedenen Ebenen damit zu befassen und die therapeutischen Maßnahmen dauerhaft in den Alltag zu integrieren. Auch dies fällt vielen Betroffenen schwer.

Solche Schwierigkeiten im Umgang mit dem Diabetes mellitus gehen nicht selten mit Depressionen, Angst- und Essstörungen einher. Diabetes mellitus und komorbide psychische Störungen bedingen sich oft gegenseitig und weisen zahlreiche negative Wechselwirkungen auf, die das Diabetesselbstmanagement und den Krankheitsverlauf erheblich beeinträchtigen können.

Komorbide Depression

Beispielsweise leiden depressive Diabetiker unter einer stark verminderten Lebensqualität und empfinden die Belastungen durch die Krankheit als deutlich beeinträchtigend. Bei ihnen besteht oft eine geringe Compliance, was sich darin zeigt, dass sie ihre Medikamente nicht regelmäßig einnehmen. Darüber hinaus haben sie ein erhöhtes Risiko für mikro- und makrovaskuläre Komplikationen und eine erhöhte Mortalität, sind körperlich inaktiver, ernähren sich ungesünder, rauchen häufiger und sind häufiger übergewichtig als nichtdepressive Diabetiker.

Die Behandlung eines Diabetes mellitus Typ 2 mit komorbider Depression erfordert sowohl medizinische als auch psychotherapeutische Maßnahmen. „Die wichtigsten medizinischen Behandlungsziele bestehen darin, diabetesbedingte Komplikationen und vorzeitige Mortalität zu reduzieren“, sagen die Psychotherapeuten Prof. Dr. rer. soc. Frank Petrak und Prof. Dr. med. Stephan Herpertz vom LWL-Universitätsklinikum Bochum. Die psychotherapeutischen Therapieziele umfassen unter anderem die Prävention von Suizidversuchen, die Remission oder klinisch signifikante Verringerung der Depressionssymptome und die Prävention späterer depressiver Episoden. Die Ziele sollen im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung mit den Patienten besprochen und können durch individuelle Ziele der Patienten ergänzt werden.

Für die Behandlung stehen psychopharmakologische, psychoedukative, psychotherapeutische, telemedizinische und webbasierte Ansätze und Interventionen zur Verfügung. Es gibt zahlreiche Hinweise dafür, dass psychoedukative, psychotherapeutische und psychopharmakologische Interventionen bei depressiven Diabetikern moderat bis gut kurzfristig antidepressiv wirksam sind. Um detaillierte Aussagen treffen zu können, ist jedoch noch weitere Forschung nötig.

Immer häufiger wird ein Diabetes mellitus, der mit psychischen oder psychiatrischen Störungen einhergeht, heute von Psychodiabetologen behandelt. Psychodiabetologen sind approbierte Psychologische Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die eine Weiterbildung absolviert haben, die sie zum Tragen der Zusatzbezeichnung „Psychodiabetologe“ berechtigt. Sie sind in Kliniken und Praxen tätig und werden in multidisziplinären Teams und zur Behandlung verschiedener Patientengruppen wie etwa Kinder, Jugendliche, Erwachsene im mittleren Alter oder Senioren eingesetzt. Ihre Aufgaben umfassen unter anderem die Entwicklung, Durchführung und Evaluation therapeutischer Maßnahmen zur Krankheitsakzeptanz und -bewältigung, die Motivation und Schulung von Patienten sowie die Vermittlung von Verhaltensänderungs-, Stressmanagement und Copingtechniken. Außerdem fördern Psychodiabetologen die Autonomie, die Selbstwirksamkeit, das Kontrollempfinden und das Selbstmanagement der Patienten. Hierzu gehört auch, Vermeidungsverhalten, Schuldgefühlen, Hoffnungslosigkeit und Ängsten vor Komplikationen konstruktiv zu begegnen, Widerwillen gegen die Erkrankung oder Verweigerungshaltungen gegenüber Behandlungen abzubauen und Diabetikern aus Krisen herauszuhelfen.

Im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin behandeln Psychodiabetologen beispielsweise Kinder und Jugendliche mit Schulangst, Störung des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen oder Depressionen. Sie arbeiten dabei eng mit den Familien der Patienten sowie mit Diabetologen, Psychologen, Diabetes- und Ernährungsberatern, Physiotherapeuten und spezialisierten medizinischen Fachkräften zusammen. Neben der Therapie der psychischen Auffälligkeiten stehen vor allem die Förderung von Autonomie und die Akzeptanz der Krankheit im Vordergrund.

Apps zur Unterstützung

In die Behandlung des Diabetes mellitus können begleitend moderne Technologien eingebunden werden. Hierfür bieten sich zum Beispiel verschiedene Apps an, die für Personen mit psychischen Störungen und/oder Diabetes entwickelt wurden. Die Apps unterstützen Diabetiker mithilfe von Erinnerungsfunktionen, Tagebüchern und Kohlehydratrechner dabei, den Alltag mit der Erkrankung besser zu bewältigen. Außerdem werden sie dazu eingesetzt, kontinuierliche Glukose-Überwachungssysteme und Insulinpumpen zu steuern und Messdaten in Clouds zu speichern, auf die behandelnde Ärzte zugreifen können. Marion Sonnenmoser

Informationen im Internet:

  • Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie, DDG „Diabetes und Psychologie e.V.“:

http://daebl.de/CE72

  • Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP), Arbeitsgruppe Psychodiabetologie:

http://daebl.de/MB74

  • Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, Weiterbildung Psychodiabetologie:

http://daebl.de/RC83

1.
Burns RJ, Deschênes SS, Schmitz N: Associations between coping strategies and mental health in individuals with type 2 diabetes. Health Psychology 2016; 35 (1): 78–86.
2.
Gonzalez JS, Shreck E, Psaros C, Safren SA: Distress and type 2 diabetes-treatment adherence. Health Psychology 2015; 34 (5): 505–13.
3.
Petrak F, Herpertz S: Psychodiabetologie. Berlin: Springer, 2013.
4.
Petrak F, Herpertz S: Psychodiabetologie. Psychotherapeut 2019; 64 (6): 489–508.
1.Burns RJ, Deschênes SS, Schmitz N: Associations between coping strategies and mental health in individuals with type 2 diabetes. Health Psychology 2016; 35 (1): 78–86.
2.Gonzalez JS, Shreck E, Psaros C, Safren SA: Distress and type 2 diabetes-treatment adherence. Health Psychology 2015; 34 (5): 505–13.
3.Petrak F, Herpertz S: Psychodiabetologie. Berlin: Springer, 2013.
4.Petrak F, Herpertz S: Psychodiabetologie. Psychotherapeut 2019; 64 (6): 489–508.

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