ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2020Schwangerschaftsabbruch: Nur wenige Frauen bedauern Abtreibung langfristig

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Schwangerschaftsabbruch: Nur wenige Frauen bedauern Abtreibung langfristig

Meyer, Rüdiger

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Ein Schwangerschaftsabbruch löst bei betroffenen Frauen weniger starke Gefühle aus als vielfach angenommen. Nach einer Umfrage in mehreren US-Staaten in Social Science & Medicine überwiegen nach dem induzierten Abort die positiven Gefühle, die wie die negativen Gefühle rasch nachlassen.

Schwangerschaftsabbrüche sind in den USA politisch höchst umstritten. Obwohl sie seit einem Urteil des obersten Gerichts (Roe v. Wade) seit dem Jahr 1973 grundsätzlich bis zur Lebensfähigkeit des Kindes zulässig sind, wird der Zugang durch Gesetze in einzelnen Bundesstaaten stark eingeschränkt. Als Begründung werden neben religiösen Überzeugungen immer wieder mögliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Frauen angeführt.

In acht Bundesstaaten müssen Abtreibungsanbieter den Frauen Informationsmaterialien zur Verfügung stellen, in denen ausdrücklich vor einem dauerhaften emotionalen Schaden gewarnt wird. Insgesamt 27 Bundesstaaten fordern eine 24-stündige Bedenkzeit, bevor den Frauen die Medikamente zum Schwangerschaftsabbruch ausgehändigt werden dürfen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Warnungen ist jedoch schwach. Mehrfach haben Studien gezeigt, dass die meisten Frauen nicht emotional unter den Folgen leiden. Die meisten sind zunächst froh, dass ihnen der Schwangerschaftsabbruch erlaubt wurde. Die „Turn away“-Studie hat gezeigt, dass Frauen, bei denen wegen einer zu weit fortgeschrittenen Schwangerschaft ein Abort abgelehnt wurde, häufiger unter Ängsten und depressiven Verstimmungen leiden als die Frauen, denen der Abbruch erlaubt wurde.

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In einer aktuellen Untersuchung hat ein Team um Katrina Kimport von der Forschergruppe ANSIRH („Advancing New Standards in Reproductive Health“) der Universität in San Francisco die Interviews von 667 Frauen ausgewertet, die nach einem Abort alle sechs Monate telefonisch befragt wurden. Sie stammten aus 21 Staaten mit unterschiedlicher Gesetzgebung.

Die Frauen waren nach sechs Emotionen befragt worden. Darunter waren positive Gefühle wie Erleichterung und Glück als auch negative wie Bedauern, Schuldgefühle, Traurigkeit und Wut. Bei der ersten Befragung eine Woche nach dem Abbruch hatten mehr als die Hälfte der Frauen (51 %) überwiegend positive Gefühle geäußert. Am häufigsten gaben die Frauen eine Erleichterung an. Weitere 20 % zeigten wenige oder keine Emotionen. Insgesamt 17 % gaben überwiegend negative Emotionen und 12 % sowohl negative als auch positive Emotionen an. Das häufigste negative Gefühl war Trauer. In den ersten beiden Jahren haben laut Kimport die mit dem Schwangerschaftsabbruch verbundenen positiven und negativen Gefühle deutlich nachgelassen. Danach habe es kaum noch Änderungen gegeben. Fünf Jahre nach der Abtreibung hatte die große Mehrheit der Frauen (84 %) entweder überwiegend positive oder gar keine Gefühle bezüglich ihrer Entscheidung. Insgesamt 6 % äußerten überwiegend negative Gefühle.

Es gab jedoch keinen Hinweis, dass mit der Zeit die negativen oder positiven Emotionen wieder ansteigen. Hinweise auf eine „späte Reue“ fand Kimport nicht. Im Gegenteil: Der Anteil der Frauen, die die Entscheidung im Nachhinein als richtig empfanden, war von 97,5 % auf 99,0 % gestiegen. Auch bei knapp der Hälfte der Frauen (46 %), die ihre Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch als schwierig einstuften, haben die positiven und negativen Gefühle mit der Zeit nachgelassen. Nach fünf Jahren waren die Unterschiede zu den Frauen, die die Entscheidung als etwas schwierig oder nicht schwierig eingestuft hatten, nur noch marginal. Auch der Einfluss, den eine soziale Stigmatisierung auf die Gefühle der Frauen hatte, ließ mit der Zeit nach. Etwa 1/3 der Frauen (31 %) hatte zu Beginn der Studie befürchtet, dass ihre persönliche Umgebung sie wegen ihrer Entscheidung verachten könnte. Diese Frauen hatten bei der Befragung hoher Werte beim Negativgefühl Trauer angegeben. Auch in dieser Gruppe haben sich die Gefühle im Verlauf von fünf Jahren angeglichen. Nur Angst war noch ausgeprägter als bei Frauen ohne soziale Stigmatisierung.

Dass die Studienergebnisse die Abtreibungsgegner überzeugen werden, ist nicht zu erwarten. Sie dürften auf eine Schwäche der Studie hinweisen. Diese besteht darin, dass nur 38 % der angesprochenen Frauen bereit waren, an den Umfragen teilzunehmen. Es ist deshalb möglich, dass Frauen, die große Probleme mit der Entscheidung hatten und deshalb unter den Folgen litten, sich bevorzugt gegen eine Teilnahme entschieden haben. Kimport betont allerdings, dass andere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen wie sie gekommen seien.

Auch in Deutschland soll demnächst die Gefühlslage von Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschieden haben, erforscht werden. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat bis zu 5 Millionen Euro für ein Forschungsprojekt bereitgestellt. Es soll „bezogen auf die spezifische Situation in Deutschland weitergehende wissenschaftlich basierte Erkenntnisse zu maßgeblichen Einflussfaktoren auf das Erleben und die Verarbeitung einer ungewollten Schwangerschaft, zur Versorgungssituation und zu den Bedarfen betroffener Frauen“ ermitteln. rme

Rocca CH, Samari G, Foster DG, Gould H, Kimport K: Emotions and decision rightness over five years following an abortion: An examination of decision difficulty and abortion stigma. Elsevier: Social Science & Medicine, 13. Januar 2020; doi: /10.1016/j.socscimed.2019.112704.

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