ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2020Ernst Augustin: Die ganze Welt im eigenen Kopf

KULTUR

Ernst Augustin: Die ganze Welt im eigenen Kopf

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Schon als Kind habe er ständig Traumwelten erfunden, sagte der Schriftsteller und Psychiater einmal. Er hat niemals wieder damit aufgehört. Der 2019 verstorbene Ernst Augustin war einer der ungewöhnlichsten Außenseiter der Gegenwartsliteratur.

Nur für kurze Zeit ist er mit seinen Büchern berühmt: Ernst Augustin. Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten
Nur für kurze Zeit ist er mit seinen Büchern berühmt: Ernst Augustin. Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten

Der 34-jährige Arzt Ernst Augustin kehrte 1961 nach Deutschland zurück. Drei Jahre hatte er ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan geleitet. In München zeigte er seinen ersten Roman „Der Kopf“ dem R. Piper Verlag, der das Werk 1962 herausbrachte. Darin geht es um einen Versicherungsagenten namens Türmann, der von seinem Balkon auf eine Seitenstraße hinabschaut. In der Hand hält er einen Stein. Unten auf dem Bürgersteig sieht er einen Mann näherkommen, wartet und lässt den Stein fallen. Der Stein fällt auf einen 34-jährigen Lehrer namens Asam, die Hauptfigur des Romans. „Jetzt bist du bereits tot, sagte Türmann, obwohl du noch sechs Schritte lang lebst. Hörst du mich, Asam?“ Aber Asam konnte ihn aus einer Höhe von fünf Stockwerken schwerlich hören. Er war nicht tot, der Stein wurde nicht losgelassen, und der Mann hieß auch nicht Asam – es gab niemanden, der Asam hieß. Asam existiert, aber nur im Kopf Türmanns, der wiederum nur im Kopf Augustins existiert: „Sozusagen befindet sich die ganze Welt im eigenen Kopf, und das Tollste ist, dass unsereins als Männchen darin herumspaziert und sich selbst also noch dazudenkt!“, sagt Türmann.

Anzeige

Verschachteltes Erstlingswerk

„Der Fall ist nicht gewöhnlich. Augustin hat ein schwindelerregendes Buch geschrieben“, formulierte Hans Magnus Enzensberger in seiner Rezension. Die Geschichte erinnerte ihn an eine Kakaoschachtel aus seiner Kindheit. Darauf war eine Köchin mit einer Kakaoschachtel in der Hand abgebildet, und auf dieser Schachtel wiederum eine Köchin mit einer Schachtel. Ähnlich verschachtelt ist Augustins Erstling: „Mit dem Unterschied, dass die Köchin je länger je undeutlicher und schließlich unsichtbar wurde; dagegen ist im Buch Asam deutlicher als Türmann und Türmann deutlicher als Augustin zu sehen. (...) ,Der Kopf‘ ist ein (…) kunstvoll verzargter Alptraum (…) der bodenlose Scherz sucht in unserer Literatur seinesgleichen.“ Das erinnert von Ferne an die surrealen Welten Franz Kafkas und E. T. A. Hoffmanns. Ein neuer, ungewöhnlicher Autor hatte die Bühne betreten.

1927 in Hirschberg/Riesengebirge (heute poln. Jenia Góra) als Sohn eines Studienrates und seiner Frau geboren, wächst Ernst Augustin die ersten Jahre in Schweidnitz (heute poln. Swidnica) auf, besucht das Gymnasium in Schwerin und studiert zunächst in Rostock Medizin. 1950 wechselt er an die Humboldt-Universität in Ost-Berlin, schließt dort sein Studium ab und wird mit einer Arbeit zum Thema „Das elementare Zeichnen bei den Schizophrenen“ promoviert. Er heiratet die Malerin Inge Kalanke und absolviert seine Pflichtassistenz mit dem Schwerpunkt Unfallchirurgie in Wismar. Anschließend arbeitet er als Assistenzarzt in der Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin. 1958 verlässt Augustin die DDR und arbeitet in Afghanistan, bereist anschließend Indien, Pakistan und die Türkei und kehrt 1961 als Stationsarzt an die Münchener Universitätsnervenklinik zurück. Ein Jahr später zieht er sich aus der klinischen Psychiatrie zurück, arbeitet jedoch bis 1985 als psychiatrischer Gutachter. Zeitweise lebt er im Londoner East End, in New Orleans und in Costa Rica.

Neben Kafka gehört Jean Pauls „Schulmeisterlein Wutz“ zu Augustins Vorbildern – es ist so arm, dass es sich innere Kontinente erschließen muss. Auf die Nähe Augustins zum „Nouveau Roman“ hat Hermann Piwitt hingewiesen – Augustins zweiter Roman „Das Badehaus“ ist unter dem Eindruck Alain Robbe-Grillets „Der Augenzeuge“ entstanden. Auch Thomas Mann lässt sich als Einfluss benennen, etwa in „Mahmud der Schlächter“.

Innenwelt und Außenwelt gleich

Im Roman „Eastend“ gerät der Autor und Ich-Erzähler Almund Grau in eine Lebenskrise. Augustins Alter Ego bedenkt sie so: „Aber meine Schreibweise, die ich mir damals zurechtgelegt hatte, verlangte absolute Fiktion, ich war geradezu manisch bemüht, alle mir irgendwie bekannten Fakten zu vermeiden (...).“ „Meine Fantasie ist zu allem fähig“, sagt Augustin. So handeln seine Romane immer auch von einer Fülle der Vorstellung, welche die Realität niemals einholen kann. Innenwelt und Außenwelt sind mindestens gleichrangig, im Zweifel ist die Innenwelt der Außenwelt überlegen. Die Fantasie durchdringt die Außenwelt und lässt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, von Innen und Außen undeutlich werden. In „Mahmud der Schlächter“ nimmt eine Löwenmutter sich des kleinen Mahmud an. Das ist einigermaßen unwahrscheinlich, aber Augustin tut alles, um seine Leser von der Möglichkeit zu überzeugen: „Welche Regungen oder sogar Gefühle in diesem – sollte man meinen – gefühllosen und instinktiv tötenden Tier stattfanden, werden wir nicht ergründen. Vielleicht hatte es ein Junges verloren, (…) wir wissen es nicht.“ So sinnlich, poetisch und plastisch schildert er das Geschehen, dass man nicht daran zweifelt, dass es sich so zugetragen haben könnte. Das ist oft auch komisch – das Kapitel „Der Bus nach Limon“ im Roman „Der amerikanische Traum“ und die kurze Geschichte „In Zeiten erhöhter Kriminalität“ zeigen, zu welch bizarrer Komik Augustin fähig ist. Eine feine Ironie, der Mann’schen Ironie vergleichbar, durchzieht viele seiner Texte. Und zuweilen liegen Witz und Tragik nah beieinander, etwa in „Der amerikanische Traum“.

Jede seiner Arbeiten entfaltet eine eigene, „komplexe Erzählwelt“ (Harald Eggebrecht). In „Mamma“ schildert Augustin die Biografien der Drillinge Kulle, Stani und Beffchen. Der eine erstickt als Kind in einer Jauchegrube, Stani macht geniale Geschäfte und Beffchen wird Arzt. In der grotesken Phantasmagorie „Doktorspielen“ greift der Elfjährige sich seinen Bruder Stani und doktert solange an ihm herum, bis er stirbt: „Am Anfang seiner Laufbahn neigt der Arzt zu unberechtigter Sicherheit, die sehr bald einer berechtigten Unsicherheit weicht.“ „Doktor Schnabel“ rufen ihn die anderen Kinder, wohl eine Reminiszenz an die Pestärzte des Mittelalters, die sich mit lederner Maske und schnabelförmiger Nase ihren Patienten näherten. Einige der Ärzte vergangener Zeiten hat Augustin hier erfunden, etwa Fabrizio Zoli, den Entdecker der Venenklappen (in Wirklichkeit hieß er Fabrizio d’Acquapendente). Augustin legt ihm diese Worte in den Mund: „Die Medizin ist ein Gebäude mit verhängten Spiegeln und Uhren, wer dort hineingeht, kann zurückerwartet werden, muss nicht zurückerwartet werden. Der Ausgang ist unbeleuchtet.“ Andere berühmte Mediziner sind historisch verbürgt, etwa Galenus und Reinier de Graaf.

In „Raumlicht. Der Fall Evelyne B.“ verbindet Augustin Architektur und Psychiatrie. Zunächst schildert er das Haus in der Münchener Orffstraße, das er mit seiner Frau bewohnt. Hinter einem der Fenster schreibt der Erzähler Bücher, er ist wie Augustin Psychiater. Eine Zeitlang hat er in der Klinik gearbeitet, doch die Verhältnisse dort waren für ihn nicht erträglich: „(...) insgesamt fast fünfzig Betten (…) und jedes Bett eine Tragödie für sich, jedes Bett vollkommene Vernichtung, in vollkommener und endgültiger Vernichtung lagen sie da und lauerten auf mich.“ Nach seiner Entlassung betreibt er eine Praxis, seine einzige Patientin Evelyne B. kennt er von früher als junges Mädchen. Ihre Schizophrenie interpretiert er „als die Angst zu existieren. Oder die Angst, möglicherweise nicht zu existieren, oder Angst vor der Unmöglichkeit, also der totalen Vernichtung (...)“. So ist ihre Störung weniger eine Krankheit als die „plötzliche Erkenntnis (…) des puren Vorhandenseins“ (L. Hagestedt). Ihre Ängste und psychotischen Symptome versteht der Psychiater als Versuche der Erklärung für das Unvorstellbare, das heißt nicht mehr zu existieren. Er empfiehlt ihr ein Wahrnehmungstraining, das sie durch Erlebnisse führt, die auf Wissen und Erkenntnisse zurückgreifen, mit denen der Arzt in Indien in Berührung gekommen ist. Das erinnert an Ronald D. Laings „transzendentale Erfahrung“ oder „Reise“ zur Behandlung der Schizophrenie („Phänomenologie der Erfahrung“, 1967). Wie Laing baut der Psychiater im Roman eine Brücke des Verstehens, wo Verständigung schwierig ist. Dabei ist ihm bewusst, dass seine Patientin leidet, doch er führt ihr Leiden nicht auf ihre andere Wahrnehmung zurück, sondern darauf, dass sie ihre Wahrnehmung nicht in die mit anderen geteilte Realität integrieren kann. Für das innere Gleichgewicht eines psychisch labilen Menschen findet Augustin das schöne Bild vom Tropfen, der nur aufgrund seiner Oberflächenspannung ein Tropfen ist. Schon eine leichte Berührung reicht aus, um ihn zu zerstören.

1966 wird Augustin zur Tagung der Gruppe 47 in Princeton eingeladen und liest mit Erfolg aus dem Manuskript seines dritten Romans. Für kurze Zeit ist er berühmt, ein seltenes Ereignis in seinem langen Schriftstellerleben. Für seinen Erstling erhält Augustin den Hermann-Hesse-Preis. Am besten verkauft sich der Roman „Die Schule der Nackten“, doch der große Publikumserfolg von Autoren wie Martin Walser, Peter Handke, Adolf Muschg und Max Frisch ist Augustin nicht vergönnt. Sein letzter Roman „Robinsons blaues Haus“ schafft es 2012 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, aber den Preis gewinnt Ursula Krechels „Landgericht“.

Am 3. November vergangenen Jahres ist Ernst Augustin wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag in München gestorben.

Christof Goddemeier

1.
Augustin E: Die sieben Sachen des Sikh – Ein Lesebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Lutz Hagestedt. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1997
2.
„Meine Phantasie ist zu allem fähig“ – Ernst Augustin zum 80. Geburtstag. München:
Verlag C.H. Beck 2007
3.
Text und Kritik Nr. 206: Ernst Augustin. München: edition text + kritik 2015
1. Augustin E: Die sieben Sachen des Sikh – Ein Lesebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Lutz Hagestedt. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1997
2. „Meine Phantasie ist zu allem fähig“ – Ernst Augustin zum 80. Geburtstag. München:
Verlag C.H. Beck 2007
3. Text und Kritik Nr. 206: Ernst Augustin. München: edition text + kritik 2015

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema