ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2020Tourette-Syndrom: Scham und Hilflosigkeit
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Im Beitrag wird mitgeteilt, dass es sich beim Phänomen der bewussten Suche der Öffentlichkeit durch eine Tourette-ähnliche (vorgetäuschte) Symptomatik, aus Erfahrungen der Autoren im Rahmen ihrer klinischen Praxis mehrheitlich um Menschen mit dissoziativen Störungen handelt.

Nach mehr als 20 Jahren therapeutischer Erfahrung mit Schwerpunkt Trauma-Folge-Störungen darf ich mitteilen, dass ich in meiner eigenen Praxis, bei Kollegen mit gleichem Schwerpunkt sowie in der Literatur keinen Patienten mit dissoziativer Störung erlebt habe, der sein Leid zur Schau gestellt hat. Menschen mit echten dissoziativen Störungen, eine Symptomatik, die, wie bekannt, aus schwerwiegenden, meist sehr frühen Traumatisierungen entsteht, versuchen eher, ihre Krankheit zu verstecken, da diese mit extremer Scham und Hilflosigkeit verbunden ist. Was im Beitrag beschrieben wird, passt eher zu einer sogenannten histrionischen Persönlichkeitsstörung oder einfach zu einem Betrüger oder einer antisozialen Persönlichkeit. Dissoziative Störungen sind wie bereits erwähnt Störungen, die auf extreme, meistens über Jahre erlittene Gewalt (psychisch, emotional und/oder sexualisiert) hindeuten. Je früher die Traumatisierung stattgefunden hat bzw. je heftiger diese war, desto ausgeprägter ist die dissoziative Symptomatik. Es gab keine „Moden und Trends“ und auch “keine neuen Formen“. Hysterie, Kriegszittern und multiple Persönlichkeitsstörungen sind alles Ausdrücke schwerer Traumatisierungen. Dissoziation ist ein uns allen zur Verfügung stehender früher Schutzmechanismus als primäre Spaltungsabwehr und kann sich auf verschiedenen Ebenen des Erlebens ausdrücken: somatisch (motorisch, taktil, auditiv, visuell, propriozeptiv), affektiv, mnestisch. Diese verschiedenen Ausdruckswege sind der Grund vielfältiger Symptomatiken. Bereits vor 100 Jahren hatte Pierre Janet, der Begründer der modernen dynamischen Psychiatrie, diese komplexe Störung erkannt. Seine Theorie über die Verarbeitungsprozesse von traumatischen Erfahrungen hat noch heute Gültigkeit. Sigmund Freud hatte jedoch durch die Zurücknahme seiner anfänglichen Hypothese, dass Hysterie eine Folge von reellem Trauma sei, und seinem folgenden theoretischen Werk einen wesentlichen Beitrag zu langjähriger Verleugnung der reellen Hintergründe von Dissoziation geleistet.

Dr. Univ. Rom C. Zimmermann-Di Giovenale, FÄ Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse, 83022 Rosenheim

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