ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2020Organspende: Kein Anspruch
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Es ist ein Irrtum zu glauben, „Anspruch“ auf Leben, des eigenen oder eines anderen, zu haben. Leben, auch Gesundheit, sind: Geschenk; durchaus auch ungeliebt. Und nicht: uu erfüllender Anspruch. … Ansprüche an die eigene Person (z. B., die eigene Endlichkeit zu akzeptieren) auf andere zu verlagern, könnte als „Projektion“ gedeutet werden. Solche macht selten zufrieden. …

Die ganze Medizin, ja jede Kultur, versucht freilich, ein „natürliches Schicksal“ abzuwenden, abzumildern. Und das ist gut so. Vom Übel ist die unselige Wandlung vom Geschenk (des Lebens) zum Anspruch (aufs Leben). Solche Wandlung sitzt der Illusion auf, dass der Tod bezwungen werden könnte. Das macht den Unterschied! …

Ich habe kein Problem damit, meine Organe „postmortal“ (gilt der Begriff dann, oder gerade nicht?) zu verschenken. Die (schriftlich festgelegte) Entscheidung hier-über habe ich aber aktuell an meine Frau auf deren Wunsch hin delegiert: Sie soll ggf. frei darüber verfügen können. Aktuell meint sie, dass sie, wenn möglich, mein Sterben begleiten und betrauern können will. Ginge das bei einer operativen Ausweidung? Ist solcher Trauer-„Anspruch“ (!) gerechtfertigt? Oder gehts nur um (lebende) Materie, und Trauer hätte da nichts zu melden? Geht´s drum, dass ein Herz pumpt – oder dass Bewusstsein und Gefühl empfunden werden können? Da wären wir dann – sozusagen von hinten rum – wieder bei der Zentralfrage der ganzen Organspende angelangt.

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Innere Antworten darauf sind weniger eine Frage des Wissens; Aufklärung deshalb nur bedingt von Wert. Entscheidender ist der emotionale Mut, sich in solche Nähe zu wagen. Und unsere Antwort ist nicht unbedingt etwas Statisches, wies die Organspenderegler à la Minister Spahn gerne hätten. Hin und wieder solls vorkommen, dass sich Meinungen ändern. So wie das Leben selbst ja auch. Hat man einen Anspruch darauf, sich (gerade in existenziellen Fragen) hier wegen der Meinungsänderungsmöglichkeit als Ausdruck des Lebendigen solche Entscheidungen offenzulassen, sich nicht festlegen zu müssen? Hat man einen Anspruch, ein Recht darauf, im tiefsten Personenkern sich selbst ein Geheimnis (R. Guardini) bleiben zu dürfen und anderen eine daraus sich ergebende Unentschiedenheit zuzumuten? Oder bestimmt die juristische Entscheidungsnotwendigkeit, wie unveränderbar ein Leben zu sein, wie sehr es in dornröschenhafter hundertjähriger innerer Erstarrung zu verharren hat?

Dr. med. Alexander Ulbrich, 70599 Stuttgart

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