ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2020Agitation bei Demenz: Nichtmedikamentöse Interventionen wie Bewegung sind effektiver als Arzneimittel

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Agitation bei Demenz: Nichtmedikamentöse Interventionen wie Bewegung sind effektiver als Arzneimittel

Dtsch Arztebl 2020; 117(11): A-549 / B-474

Voll, Barbara

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Foto: Robert Kneschke/ stock.adobe.com
Foto: Robert Kneschke/ stock.adobe.com

Circa 75 % der Patienten mit Demenz haben Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, Agitiertheit oder depressive Störungen. Diese Symptome führen zu rascherem Verlust der Selbstständigkeit und schlechterer Lebensqualität bei den Betroffenen und ihren Pflegenden im Vergleich zu dementen Menschen ohne Verhaltensauffälligkeiten. Eine frühere Heimeinweisung ist bei diesen Patienten üblich.

Die neuropsychiatrischen Symptome werden mit Antipsychotika und Antidepressiva behandelt, aber auch nicht-medikamentös durch körperliche Bewegung, Musiktherapie und Massagen. Da die Pharmakotherapie mit erheblichen Risiken einhergeht, empfehlen alle Leitlinien, die nichtmedikamentösen Optionen auszuschöpfen. Da verschiedene Interventionsformen bislang kaum direkt miteinander verglichen worden sind, gibt es Unsicherheiten im Vorgehen.

Ziel einer Metaanalyse war es, die Effektivität verschiedener Interventionen zu vergleichen und die besten Maßnahmen zur Behandlung von aggressivem Verhalten und Unruhezuständen zu identifizieren. Die Autoren werteten 163 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 23 143 Patienten mit Demenz aus. Sie mussten ≥ 70 Jahre alt sein. Bei 63 % der Studien waren die Teilnehmer > 80 Jahre. Demenztyp und Schweregrad wurden nicht in allen Publikationen angegeben, unter den angeführten Demenztypen dominierte multiple Demenz vor Alzheimer-Demenz.

Bei körperlicher Aggression waren Aktivitäten im Freien wirksamer als Antipsychotika, bei verbaler Aggression körperzentrierte Therapien wie Massagen effektiver als Medikamente. Bei physischer Agitiertheit zeigten Körpertherapien bessere Erfolge als zum Beispiel die Schulung der Pflegekräfte. Als Ergebnis der Analyse aller Teilfelder wurde ein Ranking erstellt, das Aktivitäten im Freien bei kombinierter Aggression und Agitiertheit sowie bei körperlicher Aggression und – zusammen mit Körpertherapie – bei verbaler Aggression als wirksamste Maßnahme beschreibt. Körperliche Aktivität zusammen mit Veränderungen des Tagesablaufs nimmt Platz 1 bei körperlicher Unruhe ein, während bei verbaler Agitiertheit Antikonvulsiva das Ranking anführen. Bei aggressivem oder körperlich agitiertem Verhalten seien nichtmedikamentöse Interventionen zu bevorzugen, so die Autoren.

Fazit: „Die Studie unterstreicht, wie notwendig nichtmedikamentöse Therapieansätze zur Behandlung von Patienten mit Demenz bei den hyperaktiven Symptomkomplexen Agitation und Aggressivität sind“, kommentiert Prof. Dr. med. Richard Dodel, Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Essen: „Die hier vorgelegten Daten stützen die Empfehlungen der S3-Leitlinie Demenz, dass nichtmedikamentöse Therapieoptionen vor medikamentösen indiziert sind.“ Die Studie offenbare aber auch „Lücken in unserer Evidenz für die Behandlung dieser schweren Störungen, die die ohnehin hohe Krankheitslast noch um ein Vielfaches erschweren: Es gibt keine Head-to-Head-Studien, die Einzelstudien haben meist niedrige Fallzahlen und 46 % der eingeschlossenen Studien hatten ein hohes Risiko für eine Verzerrung der Ergebnisse.“ Weitere, vor allem auch qualitativ hochwertige Studien seien nötig. Dr. med. Barbara Voll

Watt JA, Goodarzi Z, Veroniki AA, et al.: Comparative efficacy of interventions for aggressive and agitated behaviors in dementia. A systematic review and network meta-analysis. Ann Intern Med 2019; 171: 633–42.

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