ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2020Sicherheit intravitrealer Injektionen: Systemische und lokale Komplikationen selten, aber Datenlage noch unzureichend

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Sicherheit intravitrealer Injektionen: Systemische und lokale Komplikationen selten, aber Datenlage noch unzureichend

Gerste, Ronald D.

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Foto: picture alliance/Phanie
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Die intravitreale Injektion von Medikamenten (IVOM) ist eine der häufigsten Interventionen in der Augenheilkunde. Die wichtigsten Indikationen sind die neovaskuläre altersabhängige Makuladegeneration (AMD) und das diabetische Makulaödem (Diabetic Macular Edema, DME). Das DME war Indikation zur Therapie bei Patienten einer Studie, bei der die Datensammlung eines großen amerikanischen Krankenversicherers auf potenzielle systemische Komplikationen nach Injektion von VEGF-Hemmern in den Glaskörper evaluiert wurde (1).

Es gingen die Daten von 23 348 DME-Patienten ein. Von diesen erhielten 13 365 eine Laserbehandlung, 9 219 Teilnehmer bekamen VEGF-Inhibitoren und 764 ein Kortisonpräparat als Initialtherapie in den Glaskörper. Im Vergleich zur Lasertherapie war die Anti-VEGF-Pharmakotherapie nicht statistisch signifikant mit zerebrovaskulären Ereignissen assoziiert (Hazard Ratio [HR]: 0,96; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,65; 1,41]; p = 0,83). Für größere Blutungen lag die HR bei 1,23 ([0,76; 1,99]; p = 0,41) und für Myokardinfarkt bei 1,03; ([0,73; 1,44]; p = 0,08). Allerdings hatten mit Anti-VEGF-Therapie behandelte Patienten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer stationären Klinikaufnahme jeglicher Ursache binnen 180 Tage nach Beginn der Behandlung (HR: 1,17 [1,05; 1,30]; p = 0,01).

Unter den okulären Komplikationen der intravitrealen VEGF-Inhibition ist die Endophthalmitis die schwerwiegendste, die Inzidenz liegt zwischen 0,03– 0,05 % der Injektionen. Weniger bekannt war über die Häufigkeit einer Netzhautablösung. In einer weiteren großen Studie aus den USA sind die Daten von 180 000 Injektionen bei 12 718 Patienten untersucht wurden (2). Das Ergebnis: Die Netzhautablösung nach intravitrealer Injektion von VEGF-Inhibitoren bei neovaskulärer AMD trat bei 24 Patienten innerhalb von 3 Monaten auf, also bei 0,013 % der Injektionen und bei 0,19 % der Patienten.

Fazit: „Die beiden Studien verdeutlichen die Schwierigkeiten, Komplikationsrisiken sicher zu beurteilen“, erklärt Prof. Dr. med. Focke Ziemssen von der Universitätsaugenklinik Tübingen. „Aktuell deutet nichts darauf hin, dass das Risiko für eine Netzhautablösung trotz wiederholter Injektionen gegenüber der spontanen Inzidenz von circa 10 auf 100 000/Jahr erhöht ist, während Registerdaten einen Anstieg des Risikos um den Faktor 4 nach der Katarakt-Chirurgie zeigen. Weil uns prospektive Studien zu den systemischen Nebenwirkungen der VEGF-Inhibitoren mit ausreichender Fallzahl (Power, Sensitivität) fehlen, liefern die amerikanischen Abrechnungsdaten eine Teilantwort, bedeuten allerdings durch die fehlende Berücksichtigung einiger Einflussfaktoren keine Entwarnung für alle Risikogruppen. Immerhin handelt sich mit mehr als 500 000 Eingriffen pro Jahr um die häufigste Intervention unseres Fachgebiets.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Maloney Mh, Schilz SR, Herrin J, et al.: Risk of systemic adverse events associated with intravitreal anti-VEGF therapy for diabetic macular edema in routine clinical practice. Ophthalmology 2019; 126: 1007–15.
  2. Storey PP, Pancholy M, Wibbelsman TD, et al.: Rhegmatogenous retinal detachment after intravitreal injection of anti-vascular endothelial growth factor. Ophthalmology 2019. doi: 10.1016/j.ophtha.2019.04.037.

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