ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Migranten im Gesundheitswesen: „Türken haben Kultur, Deutsche eine Psyche“

POLITIK: Aktuell

Migranten im Gesundheitswesen: „Türken haben Kultur, Deutsche eine Psyche“

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-430 / B-382 / C-344

Rieser, Sabine

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LNSLNS Das Gesundheitswesen ist für alle da - auch für Ausländer, die legal in Deutschland leben. Doch sprachliche, soziale und kulturelle Barrieren können zu Problemen führen.


Eine türkische Patientin auf der gynäkologischen Abteilung, die Einzelheiten ihrer Erkrankung erfahren will, muss wegen ihrer schlechten deutschen Sprachkenntnisse ihren Sohn bitten zu dolmetschen - wie peinlich ihr das auch sein mag. Eine Kroatin soll einem Eingriff zustimmen; der Aufklärungsbogen liegt zwar in ihrer Muttersprache vor, doch Nachfragen kann der Arzt nicht beantworten. Eine Puertoricanerin hält sich illegal* in Deutschland auf; sie ist schwanger und leidet an einer Krebserkrankung - legale Hilfe ist nicht möglich.
Beispiele, die kürzlich auf einem Symposium zum Thema "Migration - Frauen - Gesundheit im europäischen Kontext" angeführt wurden (siehe Abbildung). Beispiele, die man mit zwei Sätzen abtun kann: "Sollen sie doch Deutsch lernen" und "Illegale haben hier nichts zu suchen". Sätze, mit denen man es sich zu einfach macht.
Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck, hat Anfang Februar ihren jüngsten Bericht über die Lage von Ausländern in Deutschland vorgelegt. Danach beträgt der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland circa neun Prozent. Wer etwas über ihre Inanspruchnahme des Gesundheitswesens, über ihre Morbidität oder ihre Versorgungswünsche erfahren will, findet kaum Daten. In den GKV-Statistiken wie der über Krankenhausentlassungsdiagnosen wird nicht unterschieden zwischen "deutsch" und "nicht deutsch". Die in letzter Zeit so beliebten Versichertenbefragungen sparen Ausländer in der Regel aus.
So weiß man wenig, beispielsweise, dass die Müttersterblichkeitsrate bei ausländischen Frauen 1997 erstmals nicht höher lag als bei deutschen. Die Säuglingssterblichkeit bei Ausländern ist jedoch erhöht; Ursache: unbekannt. In vielen Bereichen fehlen Präventions-, Beratungs- und Therapieangebote für Migranten: zur Verhütung von Arbeitsunfällen beispielsweise oder zum Umgang mit Suchterkrankungen**. Immerhin wurde im Sommer 1999 im Bundesministerium für Gesundheit ein eigener Aufgabenbereich Migration und Gesundheit eingerichtet.***
Dass es zum Thema Migration und Gesundheit noch viel zu forschen und zu tun gibt, wurde auf dem Berliner Symposium deutlich. Prof. Dr. Ulrike Maschewsky-Schneider, Institut für Gesundheitswissenschaften der TU Berlin, kritisierte, dass meist ausgewählte Randgruppen untersucht würden. Die Selbstverständlichkeit, mit der Aspekte der Migration in Gesundheitsprojekte einbezogen würden, fehle in Deutschland. Prof. Dr. Ursula BoosNünning, Institut für Migrationsforschung, Ausländerpädagogik und Zweitsprachendidaktik an der Universität/Gesamthochschule Essen, plädierte dafür, das Argument der fremden Kultur fallen zu lassen und stattdessen die sozialen Lebensbedingungen zu betrachten, die sich für Migranten in der Schule, im Beruf, durch das Wohnumfeld ergäben.
Viele ausländische Familien wohnten in "Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf", früher auch "sozialer Brennpunkt" genannt. Solche Konstellationen hätten Folgen, ganz besonders für Kinder. Wenn es in einem Wohngebiet Hilfsangebote gebe - beispielsweise Erziehungsberatung, Vorsorgeuntersuchungen für Kinder, Scheidungsmediation -, dann nähmen Migranten diese selten wahr, obwohl sie von den Problemen überdurchschnittlich betroffen seien. Ursache: Die Institutionen sind deutsch. Boos-Nünning forderte, man solle keine besonderen Anlaufstellen für Ausländer oder Migranten schaffen, sondern innerhalb vorhandener Einrichtungen spezifische Angebote integrieren. Wichtig sei es, qualifiziertes zweisprachiges Personal einzustellen.
Auf das Erklärungsmuster "andere Kultur" ging auch Dr. Elcin Kürsat-Ahlers, Institut für Soziologie der Universität Hannover, ein: "Es ist, als hätten die Türken Kultur und die Deutschen Psyche." Damit war gemeint, dass man hierzulande das Verhalten von Türken, aber auch anderen Ausländern oftmals als kulturell bedingt erklärt, das eigene aber nicht.
Kürsat-Ahlers schilderte die "Gefühlstriade" der Migration: Trauer, Schuld, Angst. Vor diesem Hintergrund analysierte sie das Verhalten von Migranten, das manchmal so befremdlich erscheint: die Schwierigkeit, im neuen Land anzukommen, weil man dies als Illoyalität mit der ersten Sozialisation empfindet; die Projektion der Wünsche in die Zukunft oder Vergangenheit, beispielsweise den Traum, mit besserem Status in die alte Heimat zurückzukehren; die starre Identifikation mit der Herkunftsgesellschaft, um die Angst vor dem Neuen zu bewältigen. Die Lösung sah sie für den Einzelnen in einer Synthese: die Vergangenheit integrieren, keinen blinden Gehorsam gegenüber einer der beiden Gesellschaften entwickeln, in denen man lebe oder gelebt habe. Ob solche Synthesen für eine Gesellschaft bereichernd seien, hänge davon ab, ob diese sich "bereichern" wolle - oder abgrenzen.
Über seine Erfahrungen in England berichtete Prof. Dr. Stefan Priebe, St. Bartholomew’s and the Royal London School of Medicine der University of London. Priebe arbeitet als Psychiater im Stadtteil Newham, traditionell einem Einwanderer-Bezirk. Er vertrat ebenfalls die Auffassung, dass gesundheitliche Belastungen und Gefährdungen von Migranten oft mit ihren sozialen und persönlichen Problemen zu tun hätten.
Als Problem schilderte er es, dass in anderen Sprachen seine Worte fehlten (Beispiel: Neurose) oder dass man Erkrankte in der Familie behalte, eine professionelle Behandlung aber eher unbekannt sei. Der National Health Service habe in Deutschland keinen guten Ruf, sagte Priebe, aber Dolmetscher zahle er durchaus. Eine Möglichkeit der Ärzte besteht darin, Übersetzer per Telefon einzuschalten. Das sei vielen Patienten der Psychiatrie durchaus angenehm. Priebe plädierte dafür, Mitarbeiter unterschiedlicher Herkunft einzustellen. Ein multinationales Team sei eine klare Botschaft: Ausländer arbeiten hier nicht nur als Putzfrau oder Küchenhilfe.
Die Versorgungssituation von gynäkologisch erkrankten türkischen und deutschen Patientinnen war Gegenstand eines Public-Health-Projektes der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Campus Virchow-Klinikums. Dessen Ergebnisse stellte Prof. Dr. med. Heribert Kentenich von den DRK-Kliniken Berlin-Westend vor. Für das Projekt wurden einerseits Patientinnen am Aufnahmetag und am Tag vor der Entlassung befragt, andererseits Mitarbeiter der Klinik. Inhaltliche Schwerpunkte waren unter anderem das Verständnis der aktuellen Erkrankung und der medizinischen Maßnahmen in der Klinik, Gesundheitswissen, Arzt-Patientinnen-Interaktion, Versorgungserwartung und Patientinnenzufriedenheit.
Kentenich berichtete, dass zehn Prozent der befragten türkischen Frauen nicht zur Schule gegangen seien und 40 Prozent keinen Abschluss hatten. Die Verteilung der Aufklärungsbögen, selbst wenn sie in Türkisch verfasst seien, sei deshalb "höchst ineffizient". Um autonom entscheiden zu können, sei Wissen gefragt. Daran mangele es; das sei nicht arrogant gemeint. Ein Beispiel: Auf die Frage zum Zusammenhang zwischen Hormonen und Monatsblutung identifizierten nur 13 Prozent der türkischen und 40 Prozent der deutschen Frauen die richtige Antwort. Circa 45 Prozent der türkischen Frauen, aber auch rund 14 Prozent der deutschen antworteten "weiß nicht".
Kentenich kritisierte, dass es heute im Krankenhaus viel um Qualitätssicherung gehe und diese oft mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden sei. Die Frage sei jedoch, inwieweit man die Zeit in der Klinik nutze, um Wissen und damit Autonomie der Frauen zu stärken. Er empfahl, Gruppen einzurichten, zum Beispiel, um Kenntnisse über das Stillen weiterzugeben. Hebammen und Schwestern seien hierfür entscheidende Bezugspersonen. Außerdem solle man nicht nur Broschüren verfassen, sondern auch Videos.
Theda Borde berichtete über die interkulturelle Kommunikation im Krankenhaus, ebenfalls Teil der Studie. Ihren Erkenntnissen zufolge gibt es universelle Erwartungen an eine Krankenhausversorgung (zum Beispiel: gute Ausbildung und Kompetenz der Ärzte, sorgfältige Untersuchung und Behandlung, Ehrlichkeit bei der Aufklärung, Hygiene und anderes). Von den befragten türkischen Patientinnen wurden aber entgegen mancher Erwartung folgende Aspekte als besonders wichtig bewertet: weite Mitbestimmung, professionelle psychologische Betreuung, Zuspruch und Trost bei Schwierigkeiten. Die Erwartungen der Patientinnen schätzten die Mitarbeiter in manchen Bereichen sehr zutreffend ein. Insgesamt ist ihre Zufriedenheit höher, als es die Klinikmitarbeiter erwartet hätten.
Theda Borde leitete aus der Untersuchung die Forderung ab, in einer Klinik erst einmal die "Versorgungsrealität" zu erheben: Wie viele ausländische Patienten gibt es? Welcher Nation? Welche Bedürfnisse haben sie? Nur so ließen sich bedarfsgerechte Angebote und Aufklärungsmaterialien entwickeln. Zudem sollten qualifizierte Dolmetscher verfügbar sein - und eingesetzt werden. Sabine Rieser


*Zu diesem Thema hat das Erzbischöfliche Ordinariat Berlin eine Publikation vorgelegt: "Illegal in Berlin - Momentaufnahmen aus der Bundeshauptstadt".
**Derzeit läuft an der Charité ein Forschungsprojekt "Migranten und Sucht", in das niedergelassene Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten eingebunden sind.
***Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung veröffentlicht vierteljährlich ein "FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung". Das Heft "interkulturell" befasst sich mit sprachlichen Barrieren und kulturellen Missverständnissen, die bei der Aufklärung, Beratung, Versorgung und Therapie von Migrantinnen ein Problem darstellen.

In der vergangenen Woche ist ein gleichnamiger Berichtband über das Symposium "Migration - Frauen - Gesundheit - Perspektiven im europäischen Kontext" erschienen, das im Herbst von der Frauenklinik an der Charité/Campus Virchow-Klinikum veranstaltet wurde. Herausgegeben wird er von Matthias David, Theda Borde und Heribert Kentenich. Er erscheint im Mabuse-Verlag und kostet 39,80 DM.

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