ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2020Stellungnahme der ZEKO: Chancen und Herausforderungen

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Stellungnahme der ZEKO: Chancen und Herausforderungen

Dtsch Arztebl 2020; 117(12): A-602 / B-517

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Mitglieder der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer (ZEKO) stellen die aktuelle Situation der außerklinischen Ethikberatung dar, beschreiben die noch bestehenden Herausforderungen bei der Implementierung und zeigen mögliche Lösungsansätze auf.

Zunehmend werden schwerkranke Menschen im außerklinischen Bereich versorgt. Diese Betreuung geht oftmals mit schwierigen ethischen Entscheidungssituationen einher, bei denen es zudem meist mehr als nur eine Lösung gibt. Es gilt, den für den Patienten individuell besten Weg zu finden. Bei den komplexen Situationen und den ethischen Herausforderungen sollten auch die in diesem Bereich tätigen Ärztinnen und Ärzte entsprechend unterstützt werden. Dies kann durch eine Ethikberatung erfolgen. Nachweislich fördert diese die ethische Kompetenz der beteiligten Personen.

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Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com
Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com

Im klinischen Bereich sind längst verschiedene Formen ethischer Entscheidungsunterstützung (Fallberatung, Fortbildungsangebote, ethische Leitlinien) etabliert. Im außerklinischen Bereich findet man hingegen derzeit nur wenige und zudem noch recht junge Initiativen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die Zentrale Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer (ZEKO) möchte die Implementierung und Weiterentwicklung von Angeboten außerklinischer Ethikberatung fördern. Ausgehend von dem Beschluss des 111. Deutschen Ärztetages 2008, eine interdisziplinäre Ethikberatung auch für den ambulanten Bereich zu etablieren, und wiederholten Beratungen des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer dazu, hat sie sich mit der Ethikberatung im außerklinischen Bereich befasst und bescheinigt dieser Ausbaufähigkeit.

Ihre Stellungnahme dazu macht die interdisziplinär zusammengesetzte ZEKO mit dieser Ausgabe bekannt. Das Papier ergänzt die ZEKO-Stellungnahme zur Ethikberatung in der klinischen Medizin aus dem Jahr 2006 und beinhaltet zunächst eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation der außerklinischen Ethikberatung. Zudem beschreibt sie die Herausforderungen bei der Implementierung, der Organisation und der Durchführung außerklinischer Ethikberatung.

Dabei ist es der ZEKO ein wichtiges Anliegen, zur Vermeidung von Fehlentwicklungen und zur Weiterentwicklung der bestehenden Angebote beizutragen. „Es gilt vor allem für die notwendige Qualität der außerklinischen Fallberatung zu sorgen“, erklärt Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Vorsitzender der ZEKO, dem Deutschen Ärzteblatt. Dies betreffe die angemessene Qualifikation der Moderatoren ethischer Fallbesprechungen, hänge aber auch von den finanziellen Rahmenbedingungen ab. „Zudem besteht ein Problem darin, dass noch zu wenig erforscht ist, welche der verschiedenen Methoden der ethischen Fallberatung für den außerklinischen Bereich am besten geeignet sind“, so Taupitz. Dies müsse dringend in den kommenden Jahren auf der Grundlage konzeptioneller Überlegungen und empirischer Überlegungen geklärt werden.

„Die Ethikberatung sollte multiprofessionell aufgebaut sein und von allen Bereichen des regionalen Versorgungssystems angefragt werden können.“ Georg Marckmann, Ludwig-Maximillians-Universität München. Foto: Yves Krier
„Die Ethikberatung sollte multiprofessionell aufgebaut sein und von allen Bereichen des regionalen Versorgungssystems angefragt werden können.“ Georg Marckmann, Ludwig-Maximillians-Universität München. Foto: Yves Krier

Diese Ansicht vertritt auch Prof. Dr. med. Georg Marckmann vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Ludwig-Maximillians-Universität München und Federführender der ZEKO-Arbeitsgruppe zur außerklinischen Ethikberatung. Einige wesentliche „Best-Practice-Merkmale“ lassen sich seines Erachtens aber bereits jetzt erkennen: „Die Ethikberatung sollte multiprofessionell aufgebaut sein und von allen Berufsgruppen sowie Patienten und ihren Angehörigen aus den verschiedenen Bereichen des regionalen Versorgungssystems angefragt werden können“, erklärt er dem Deutschen Ärzteblatt.

Eine der größten Hürden außerklinischer Ethikberatung besteht nach seiner Einschätzung darin, eine effektive Organisationsform zu etablieren und zu finanzieren, die eine Beteiligung der verschiedenen Akteure aus dem regionalen Versorgungssystem ermöglicht. „Zudem stellt die Akzeptanz vor allem im ärztlichen Bereich eine wesentliche Herausforderung dar“, betont er. Das Potenzial außerklinischer Ethikberatung sollte deshalb noch mehr bekannt gemacht werden. „Zudem sollten noch stärker differenzierte Beratungsangebote entwickelt werden, die dem jeweils unterschiedlichen Bedarf an ethischer Beratung im außerklinischen Bereich besser gerecht werden können“.

„ Ethikberatung kann am ehesten dann qualitativ hochwertig angeboten werden, wenn sie organisatorisch an etablierte Strukturen angebunden ist und finanziell unterstützt wird.“ Jan Schildmann, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: privat
„ Ethikberatung kann am ehesten dann qualitativ hochwertig angeboten werden, wenn sie organisatorisch an etablierte Strukturen angebunden ist und finanziell unterstützt wird.“ Jan Schildmann, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: privat

Nach der Erfahrung von Prof. Dr. med. Jan Schildmann, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ebenfalls Federführender der ZEKO-Arbeitsgruppe, steigt die Akzeptanz einer Ethikberatung, wenn zunächst eruiert wird, welche Formate von den verschiedenen Gesundheitsberufen als sinnvoll erachtet werden. „Analog zum Bereich der klinischen Ethikberatung kann ich mir auch für die außerklinische Ethikberatung vorstellen, dass Fortbildungen zu häufig auftretenden ethisch relevanten Fragen sich gut in bestehende Curricula beziehungsweise Fortbildungsreihen integrieren lassen“, erklärt er dem Deutschen Ärzteblatt. Eine weitere wichtige Maßnahme zur Schaffung von Akzeptanz seien Belege für positive Auswirkungen. Auch sein Rat daher: Angebote der außerklinischen Ethikberatung sollten evaluiert werden.

In ihrer Stellungnahme schloss die ZEKO auch neue Entwicklungen im Bereich der Telekommunikation und der Telemedizin ein. Sie sollten nach Ansicht der Experten hinsichtlich ihrer Nutzbarkeit für ethische Beratung im außerklinischen Bereich geprüft werden. Gerade für Hausärztinnen und -ärzte biete der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationssysteme die Chance, Ethikberatung über weite räumliche Distanzen sowie in dünn besiedelten ländlichen Gebieten ohne Zeitverlust anzubieten beziehungsweise an ihnen teilzunehmen. Außerdem könne auf diesem Weg eine wirksame fachliche Zusammenarbeit verschiedener Experten mit Hilfe einer Video- oder Telekonferenz erreicht werden – natürlich unter Einhaltung der Vorgaben des Datenschutzes und der Datensicherheit.

„Ethikberatung kann am ehesten dann qualitativ hochwertig angeboten werden, wenn sie organisatorisch an etablierte Strukturen angebunden ist und auch finanziell unterstützt wird“, ist sich Schildmann sicher. „In manchen Fällen kann eine Beratung sicherlich auch telefonisch oder unterstützt durch moderne Kommunikationstechnologie durchgeführt werden. Gleichzeitig sollte auch in dieser Hinsicht evaluiert werden, welche Vor- und Nachteile sich im Vergleich zur persönlich und vor Ort durchgeführten Ethikfallberatung zeigen lassen.“

Die Diskussion über die ethischen, medizinischen und rechtlichen Fragen zur außerklinischen Ethikberatung ist derzeit in Fachkreisen im Gang. Dies zeigen auch die von einer Arbeitsgruppe des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer erarbeiteten konkreten Fallbeispiele, die ab sofort in einer Serie im Deutschen Ärzteblatt publiziert werden. Die ZEKO begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich und hofft, dass dadurch und mit der vorgelegten Stellungnahme die Akzeptanz der Ethikberatung im außerklinischen Bereich sowie die Reichweite der bestehenden Angebote weiter gesteigert werden kann. Gemeinsames Ziel sei, eine umfassende Orientierungshilfe bei komplexen medizinischen Fragestellungen zu geben und auf bestehende Unterstützungsmöglichkeiten hinzuweisen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Stellungnahme im Internet:
http://daebl.de/ZK94

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