ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2020SARS-CoV-2-Infektion: Was Ärztinnen und Ärzte häufig fragen

MEDIZINREPORT

SARS-CoV-2-Infektion: Was Ärztinnen und Ärzte häufig fragen

Dtsch Arztebl 2020; 117(12): A-588 / B-506

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In den letzten Tagen mehren sich Anfragen der Ärzteschaft an das Robert Koch-Institut (RKI) zum Management der SARS-CoV-2-Infektion in Klinik und Praxis. Eine Auswahl (Stand 16. März).

Was sind die typischen Symptome von COVID-19 und wie verläuft die Erkrankung?

Zu den in Deutschland bislang beobachteten Symptomen gehören in erster Linie Husten, Fieber und Schnupfen. Darüber hinaus werden allgemeine Symptome wie Kopf-, Rücken-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Appetit- und Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Konjunktivitis, Hautausschlag, Lymphknotenschwellung und Apathie genannt.

Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren stark, von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod. Daher lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen zum „typischen“ Krankheitsverlauf machen.

Asymptomatische Fälle scheinen – nach Angaben der WHO und Daten aus China – bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 offenbar keine entscheidende Rolle zu spielen.

Die Inkubationszeit liegt im Mittel bei 5 bis 6 Tagen (Spannweite 1–14 Tage).

Die Dauer der Infektiosität kann noch nicht genau bestimmt werden.

Wann sollten Ärzte den Verdacht auf eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus bei einem Patienten stellen und wann ist eine Laboruntersuchung notwendig?

Eine Laboruntersuchung auf SARS-CoV-2 ist dann angezeigt, wenn es sich bei den Betroffenen um begründete COVID-19-Verdachtsfälle handelt, d. h. sie

  • unspezifische Allgemeinsymptome oder akute respiratorische Symptome jeder Schwere UND innerhalb der letzten 14 Tage vor Erkrankungsbeginn Kontakt zu einem bestätigten COVID-19-Fall hatten und/oder
  • akute respiratorische Symptome jeder Schwere mit oder ohne Fieber haben UND sich innerhalb der letzten 14 Tage vor Erkrankungsbeginn in einem internationalen Risikogebiet bzw. in einem besonders betroffenen Gebiet in Deutschland aufgehalten haben. Diese sind unter www.rki.de/covid-19-risikogebiete abrufbar.

Bei Patientinnen und Patienten, die diese Kriterien nicht erfüllen, ist eine Laboruntersuchung auf SARS-CoV-2 in Betracht zu ziehen, wenn

  • akute respiratorische Symptome jeder Schwere mit oder ohne Fieber UND Aufenthalt in Regionen mit COVID-19-Fällen (keine internationalen Risikogebiete bzw. in Deutschland besonders betroffene Gebiete, abrufbar unter www.rki.de/covid-19-fallzahlen) bis max. 14 Tage vor Erkrankungsbeginn vorliegen oder
  • klinische oder radiologische Hinweise auf eine virale Pneumonie ohne Alternativdiagnose und ohne erfassbares Expositionsrisiko vorliegen.

Bitte beachten Sie, dass diese Kriterien angepasst werden können. Siehe immer auch Falldefinition (www.
rki.de/covid-19-falldefinition) und Flussschema für Ärzte – Verdachtsfälle erkennen, Maßnahmen ergreifen (www.rki.de/covid-19-flussschema) des Robert Koch-Instituts.

Personen, die (noch) keine Symptome haben, sollen nicht getestet werden.

Ein Test ist bei ihnen nicht aussagekräftig und bindet Testkapazitäten, die an anderer Stelle dringend benötigt werden.

Wo können Ärzte sehen, ob und wie stark ihre Gegend von COVID-19 betroffen ist?

Auf der Webseite des Robert Koch-Instituts unter www.rki.de/covid- 19-fallzahlen und im täglichen Situationsbericht des Robert Koch-Instituts unter www.rki.de/covid- 19-situationsbericht.

Welche Patienten haben ein besonders hohes Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken?

Folgende Personengruppen haben nach derzeitigen Erkenntnissen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe:

  • ältere Personen (mit stetig steigendem Risiko für einen schweren Verlauf ab etwa 50–60 Jahren)
  • Raucher
  • Personen mit bestimmten Vorerkrankungen:

– des Herzens (z. B. koronare Herzerkrankung),

– der Lunge (z. B. Asthma, chronische Bronchitis),

– Patienten mit chronischen Lebererkrankungen

– Patienten mit Diabetes mellitus

– Patienten mit einer Krebserkrankung

– Patienten mit geschwächtem Immunsystem (z. B. aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht oder durch Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr schwächen, wie z. B. Cortison)

Schwere Verläufe können aber auch bei Personen ohne Vorerkrankung auftreten.

An wen können sich Patienten bei Fragen wenden?

Ansprechpartner für Patienten sind in erster Linie die behandelnden Ärzte. Informationen zu COVID-19 für Bürger stellt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bereit; viele Behörden, Krankenkassen und Bundesländer haben außerdem Hotlines für Bürger eingerichtet. Patienten sollten nicht von sich aus beim Gesundheitsamt oder anderen Behörden anrufen, um Kapazitäten zu schonen.

In welchen Fällen sollten medizinische Kontaktpersonen in Quarantäne?

Eine weitere Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Deutschland soll verlangsamt werden. Hierfür ist es notwendig, die Kontaktpersonen von labordiagnostisch bestätigten Infektionsfällen möglichst lückenlos zu identifizieren und – je nach individuellem Infektionsrisiko – ihren Gesundheitszustand für die maximale Dauer der Inkubationszeit (14 Tage) zu beobachten.

Wenn ein enger Kontakt zu einem COVID-19-Fall bestanden hat und die Kontaktpersonen ein höheres Infektionsrisiko haben, wird auch eine häusliche Absonderung (unter Abwägung der Möglichkeiten und nach Risikobewertung des Gesundheitsamtes) empfohlen.

Die verschiedenen Kategorien von Kontakten (u. a. medizinisches Personal) und die damit verbundenen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sind abrufbar unter www.rki.de/covid-19-kontaktpersonen. Im Einzelfall legt das Gesundheitsamt das konkrete Vorgehen für Kontaktpersonen fest. Die Empfehlungen können durch das zuständige Gesundheitsamt unter Berücksichtigung der angestrebten Schutzziele an die Situation vor Ort angepasst werden.

Worauf müssen sich Ärzte und Kliniken jetzt einstellen?

Wie die COVID-19-Pandemie verläuft, wird maßgeblich davon abhängen, wie reaktionsfähig das Gesundheitssystem ist. Arztpraxen und Kliniken sollten ihre Vorbereitungen jetzt abgeschlossen haben. Sie müssen jetzt mit COVID-19-Patienten umgehen können. Alle müssen sich auf eine große Zahl an COVID-19-Patienten einstellen, inklusive Patienten, die intensivmedizinisch betreut und sogar beatmet werden müssen. Bei einem raschen Anstieg der Neuinfektionen sollte der Schutz der älteren, immunsupprimierten und vorerkrankten Patienten in den Vordergrund gestellt werden, da bei dieser Gruppe die Krankheit häufiger schwer verläuft.

Gleichzeitig muss das medizinische Personal ganz besonders geschützt werden, weil Ärzte und Pfleger ein besonders hohes Risiko haben, sich anzustecken und dann für die Versorgung auszufallen. Deshalb sollten sie bei der Versorgung von Patienten mit Atemwegssymptomen angemessene persönliche Schutzausrüstung tragen: www.rki.de/covid-19-hygiene.

Was tun, wenn man keine Masken und Schutzkleidung mehr beschaffen kann?

Zur Frage der Beschaffung von Schutzausrüstung sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn in einer Pressekonferenz am 4. März 2020, dass der Krisenstab von BMG und BMI beschlossen habe, den Export von medizinischer Schutzkleidung so lange zu stoppen, wie der Bedarf im Gesundheitswesen hierzulande nicht gedeckt sei. Außerdem habe das BMG beschlossen, Schutzkleidung auch zentral für Ärzte, Krankenhäuser und die Behörden des Bundes und bei Bedarf auch der Länder zu beschaffen. Länder, Krankenhäuser und Arztpraxen sollten jedoch auch weiterhin selbst um die Anschaffung von persönlicher Schutzausrüstung bemühen.

Das Robert Koch-Institut hat gemeinsam mit dem Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS) und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein Dokument für den ressourcenschonenden Umgang mit Mund-Nasen-Schutz und FFP-Masken veröffentlicht, abrufbar unter www.rki.de/covid-19 > Prävention und Bekämpfung im medizinischen Bereich. Über eine mögliche Aufbereitung kann der jeweilige Hersteller Auskunft geben.

Was bringt die Pneumokokken-Impfung in der aktuellen COVID-19-Pandemie?

Die Pneumokokken-Impfung schützt nicht vor COVID-19. Allerdings können Pneumokokken-Infektionen zu schweren Lungenentzündungen und Sepsis führen und die Versorgung der Patienten auf einer Intensivstation ggf. mit Beatmung erfordern. Die STIKO empfiehlt – unabhängig von der COVID-19-Pandemie – für alle Personen, die ein erhöhtes Risiko für Pneumokokken-Erkrankungen haben, eine entsprechende Impfung. Es ist zudem plausibel, dass die Pneumokokken-Impfung eine bakterielle Superinfektion durch Pneumokokken bei Patienten mit COVID-19 verhindern kann.

Aktuell sind Pneumokokken-Impfstoffe in Deutschland nur sehr eingeschränkt verfügbar. Daher sollten zurzeit prioritär Risikopersonen geimpft werden:

  • Säuglinge und Kleinkinder bis zum Alter von 2 Jahren mit Prevenar 13 oder Synflorix
  • Personen mit Immundefizienz, Senioren ab 70 Jahren und Personen mit chronischen Atemwegserkrankungen (z. B. Asthma oder COPD) mit Pneumovax 23.

Was ist über COVID-19 bei Kindern und Schwangeren bekannt?

Bisherigen Daten zufolge ist die Symptomatik von COVID-19 bei Kindern deutlich geringer ausgeprägt ist als bei Erwachsenen. Zum tatsächlichen Beitrag von Kindern und Jugendlichen an der Transmission in der Bevölkerung liegen keine Daten vor.

Schwangere scheinen kein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu haben. Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass COVID-19 auf das Kind im Mutterleib übertragbar ist. Eine Übertragung auf das neugeborene Kind ist über den engen Kontakt und eine Tröpfcheninfektion möglich, bisher gibt es jedoch keine Nachweise von SARS-CoV-2 in der Muttermilch.

Weitere praktische Informationen im Internet:
Robert Koch-Institut (RKI):
www.rki.de/covid-19
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): www.kbv.de/html/coronavirus.php

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