ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Anton Biermer machte ein tückisches Leiden bekannt

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Anton Biermer machte ein tückisches Leiden bekannt

Dtsch Arztebl 2020; 117(12): U3

Schuchart, Sabine

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Obwohl er sich vorwiegend mit Krankheiten der Atemwege befasste, ist sein Name mit der perniziösen Anämie verbunden, auf die er als Erster hinwies. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, avancierte der Internist zu einem der renommiertesten Ärzte seiner Zeit.

Für Anton Biermer war es ein Schicksalsschlag und tragischer Zufall, dass seine geliebte Frau an eben jenem Leiden starb, das er entdeckt hatte, der perniziösen Anämie. Auf die „verderbliche Blutarmut“ hatte er Jahre zuvor als Erster in einem Vortrag aufmerksam gemacht und danach seine Forschungsergebnisse in einer Schweizer Fachzeitschrift publiziert. Doch die komplexe Pathogenese der neuen Krankheit war für ihn mit den damaligen Methoden nicht zu ermitteln. Ohnehin war Biermer anders spezialisiert, sein Fachgebiet und Gegenstand vieler Publikationen waren die Erkrankungen der Atemwege. Er habilitierte sich über „Die Lehre vom Auswurf“. Stark geprägt hat ihn sein Lehrer Rudolf Virchow, der zur Diagnose des Sputums ein Mikroskop verwendete, eine medizinische Innovation. Seine Diagnosen unterlegte Biermer mit exakten klinischen Beobachtungen. So beschrieb er die Veränderung des Perkussionsschalls bei sekretgefüllten Kavernen der Lunge bei Lagewechsel des Kranken, ein Phänomen, das als „Biermerscher Schallwechsel“ noch heute ein Begriff ist. Als Wissenschaftler ist er hoch angesehen. Für Virchows „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie“ schrieb er das Kapitel über die „Krankheiten der Bronchien und des Lungenparenchyms“.

Biermer stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater war wie sein Großvater Kürschner. 1827 wird er in Bamberg als ältestes von elf Kindern geboren. Sieben sterben schon im Kindesalter. Der aufgeweckte Junge besucht das Gymnasium. In den elterlichen Betrieb will er nicht. Er studiert Medizin in München, Berlin und Würzburg. Und er nimmt teil am politischen Geschehen. Im Revolutionsjahr 1848 lässt er sich in Würzburg bei einer Protestaktion gegen Übergriffe von Soldaten in den Studentenausschuss wählen, der den Abzug der örtlichen Garnison fordert. Als die Obrigkeit nicht sofort nachgibt, marschiert er zusammen mit 400 Studenten aus Protest ins 35 Kilometer entfernte Wertheim, das zu Baden gehörte. Erst als die Regierung nach einer Woche einlenkt, kehren sie nach Würzburg zurück. Mit dem Examen beginnt ein steiler beruflicher Aufstieg. Mit 24 Promotion, mit 28 Habilitation, mit 34 Berufung zum Professor der speziellen Pathologie und Vorstand der medizinischen Klinik in Bern, wo er vier Jahre bleibt. 1865 geht er als Ordinarius für Pathologie und Leiter der medizinischen Klinik für weitere neun Jahre nach Zürich. Er ist allseits anerkannt, die Studenten verehren ihn als vorzüglichen Arzt am Krankenbett und als Lehrer, Stadt und Kanton verleihen ihm das Ehrenbürgerrecht.

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Dennoch hält es ihn auf Dauer nicht in der Schweiz. Als er 1874 die Berufung zum Direktor an die medizinische Klinik nach Breslau erhält, folgt er diesem Ruf, obwohl ihn die Zürcher Studenten zum Bleiben geradezu anflehen und die Regierung ein höheres Gehalt in Aussicht stellt. In Breslau lehrt er dann 18 Jahre, vor allem im klinischen Unterricht. Wenige Jahre vor dem Ende seiner Karriere schlägt das Schicksal zu, als seine Gattin Sophie, mit der er 38 Jahre glücklich verheiratet ist und fünf Söhne hat, 1889 an der damals unheilbaren perniziösen Anämie stirbt. Von diesem Schlag erholt er sich nicht, klagt, gesundheitlich angeschlagen, in einem Brief über „Tremor der Hände, melancholische Stimmung, mangelhaften Schlaf“. Er scheidet aus dem Beruf aus. Drei Jahre nach seiner Frau stirbt er während eines Kuraufenthalts in seinem 65. Lebensjahr – und bleibt in Erinnerung als bedeutender Mediziner des 19. Jahrhunderts. Sabine Schuchart

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1871 beschrieb Anton Biermer (1827–1892) die Symptome einer tückischen Krankheit, die er perniziöse Anämie nannte und die seither seinen Namen trägt. Fünf Jahre lang hatte er 15 Patienten zwischen 18 bis 52 Jahren beobachtet, die an Blässe, gelblichem Hautkolorit, Herzrasen, Schwäche, Gewichtsverlust und gastrointestinalen Beschwerden litten und bis auf einen alle starben. Die Ursache, ein durch Mangel an Intrinsic Factor ausgelöstes Vitamin-B12-Defizit, war für ihn damals natürlich nicht ersichtlich. Dafür waren noch über lange Zeit zahlreiche Puzzlesteine zusammenzusetzen. Den Weg bereitete 1920 der US-Pathologe George Whipple: In Experimenten mit anämischen Hunden fand er heraus, dass die Hämoglobinbildung durch eine Diät mit Leber angeregt wird. 1934 erhielt er dafür mit William Murphy und George Minot den Nobelpreis. 1948 gelang es erstmals, eine dunkelrote kristalline Substanz namens Vitamin B12 zu isolieren.

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