ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2020Coronavirus: Krankenhäuser verschieben planbare Eingriffe

POLITIK

Coronavirus: Krankenhäuser verschieben planbare Eingriffe

Osterloh, Falk

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Die Erkrankungen an COVID-19 nehmen in Deutschland weiter zu. Während die Krankenhäuser dem Appell der Politik nachkommen wollen, planbare Eingriffe zu verschieben, kommen mehr und mehr Patienten in den Kliniken an. Die größte Sorge ist dabei der Nachschub von Schutzausrüstung.

Eine Entscheidung dieser unmittelbaren Tragweite hat es für den Krankenhausbetrieb in der Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich noch nicht gegeben.“ Mit diesem Satz beschreibt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) am 13. März in einem Brief an die Geschäftsführer aller Krankenhäuser den Beschluss, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der 16 Bundesländer am Tag zuvor auf einer Krisensitzung anlässlich der Ausbreitung des Coronavirus getroffen haben: Die deutschen Krankenhäuser sollen alle planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe, soweit dies medizinisch vertretbar ist, auf unbestimmte Zeit verschieben. Und zwar bereits ab dem 16. März – also nur vier Tage, nachdem der Beschluss getroffen wurde. Details sollten auf einer Sitzung mit Spahn und dem Präsidium der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) getroffen werden – das Ergebnis lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht vor.

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Fotos: picture alliance/Ding Ting XinHua/dpa; CDC Alissa Eckert, MS
Fotos: picture alliance/Ding Ting XinHua/dpa; CDC Alissa Eckert, MS

Eindringlicher Appell

In seinem Brief nutzt Spahn seinen „eindringlichen Appell“ auch dazu, um festzustellen, dass frühzeitig der Einsatz des Personals in den Krankenhäusern geplant werden soll, das zur Behandlung von intensivpflichtigen Menschen notwendig ist. Dabei soll auch auf Studenten und im Ruhestand befindliches Personal zurückgegriffen werden.

Noch am 13. März reagierte die DKG: „Selbstverständlich kommen die Kliniken der Aufforderung der Bundeskanzlerin und des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters nach, ab der kommenden Woche, soweit wie es medizinisch vertretbar ist, Patientenbehandlungen in den Kliniken zurückzufahren“, heißt es in einer Mitteilung der DKG. „Damit machen die Krankenhäuser notwendige Kapazitäten für die Versorgung der von COVID-19 schwer betroffenen Patienten und aller weiteren akut behandlungsbedürftigen Patienten verfügbar.“

Der Beschluss von Bund und Ländern, alle elektiven Eingriffe zu verschieben, wird in den Krankenhäusern positiv aufgenommen. Dr. med. Christoph D. Spinner, Oberarzt an der Infektiologie des Klinikums rechts der Isar, bezeichnet ihn als „konsequente Maßnahme“, wie er dem Deutschen Ärzteblatt () erklärt. Auch als Reaktion auf den Brief von Spahn hat das Klinikum rechts der Isar am 13. März damit begonnen, Stationen zu schließen und Teile des Elektivprogramms zu reduzieren. „Hierdurch soll Personal zur Aufrechterhaltung des Betriebs bereitgestellt werden“, betont Spinner. Denn „typischerweise ist eine Pandemie auch mit skalierendem Personalausfall verbunden“.

Fallzahlen nehmen zu

Spinner erklärt, dass sich das Klinikum rechts der Isar bereits seit Januar auf die Situation vorbereite: „Hierzu haben wir ein Expertenteam eingerichtet, das zusammen mit einem Reaktionsteam für außergewöhnliche Ereignisse den Vorstand kontinuierlich berät. Wir haben weitreichende Pläne zur Mitwirkung in der Versorgung entwickelt und setzen diese bereits seit der vergangenen Woche in Stufen um.“ Zurzeit werden mehrere Patienten mit COVID-19 im Klinikum versorgt, auch auf Intensivstationen. „Die Fallzahlen nehmen täglich zu“, betont Spinner.

Die Stimmung in seinem Haus beschreibt der Infektiologe derzeit als heterogen: „Während wir mit den medizinischen Teams die Vorbereitung nach und nach vorantreiben und umsetzen, beginnt ein großer Teil unseres Personals, entsprechende Trainings zu absolvieren und sich vorzubereiten. Wir informieren hierzu nahezu täglich und bereiten zentrale und dezentrale Angebote vor. Dennoch gibt es auch einzelne Stimmen im Haus, die den Eindruck haben, dass die Vorbereitungen vielleicht gar nicht nötig seien, während andere Mitarbeiter besorgt sind und/oder beängstigt.“ Das sei eine menschliche und nachvollziehbare Reaktion.

„Es ist erkennbar, dass unser Gesundheitssystem auf eine Pandemie nicht mehr optimal vorbereitet war, weil die letzte lange zurückliegt“, betont Spinner. „So sind viele Fragen, wie beispielsweise die Beschaffung von Schutzkleidung, offen und wir sind derzeit noch auf uns alleine gestellt. Die lokale und landesweite Abstimmung macht jeden Tag spürbare Fortschritte, aber sie braucht eben Zeit.“ 

Auch der Geschäftsführer der in Oberbayern gelegenen Krankenhaus GmbH Weilheim Schongau, Thomas Lippmann, befürwortet den Beschluss, alle planbaren Operationen, wenn möglich, zu verschieben. „Diese Entscheidung schafft die benötigten Kapazitäten sowohl für intensivmedizinische als auch für Isolierungsmaßnahmen“, sagt er dem . „Der Beschluss kommt zur rechten Zeit.“ Wie viele planbare Operationen verschoben werden können, müsse im Einzelfall geprüft und entschieden werden. „Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn es gibt eine große Zahl an medizinisch dringenden Fällen, die einer Operation bedürfen“, betont Lippmann.

Mit der Krisenbewältigung ist Lippmann bislang zufrieden: „Die Zusammenarbeit auf kommunalpolitischer Ebene ist exzellent. Wir erleben eine uneingeschränkte Unterstützung und sehr schnelle Reaktionszeiten seitens des Landratsamtes und des Gesundheitsamtes. Dies hilft uns in der jetzigen Situation ungemein.“

Auch in seinem eigenen Haus spürt er „den Willen unseres gesamten Teams, die Krise zu bewältigen“. Es gebe auch nur wenige personelle Ausfälle. „Wir führen tagesaktuelle Lagebesprechungen durch, in denen wir alle Personalkapazitäten auf die medizinische Behandlung priorisieren“, erklärt Lippmann. „So werden zum Beispiel durch die Einstellung des Schulbetriebs per Ministeriumsordnung in Bayern weitere Schüler und Lehrkräfte in der Krankenhaus GmbH eingesetzt.“

Zu wenig Schutzausrüstung

Für die nächsten Wochen erwartet er einen deutlichen Anstieg von Verdachtspatienten und Infizierten, die in seinem Krankenhaus behandelt werden. Ein Problem sieht er dabei vor allem im Bereich der Schutzausrüstung. „Die Beschaffung medizinischer Verbrauchsmaterialien wird immer schwerer“, erklärt Lippmann (siehe Kasten „Beschaffung medizinischer Schutzausrüstung“).

Zur Anzahl der planbaren Leistungen, die aus medizinischer Sicht verschoben werden könnten, äußerte sich am 16. März der Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (NRW), Jochen Brink, im WDR. Aus seiner Sicht könnte in NRW mehr als jeder zweite Eingriff verschoben werden, erklärte er. Um welche Eingriffe es sich dabei handle, entscheide der Arzt, betonte Brink. Die Patienten reagierten nach seinem ersten Eindruck „sehr verständnisvoll“. In jedem Fall bedeute diese Situation für die Krankenhäuser eine „gewaltige Herausforderung“.

Die DKG betonte in ihrer Mitteilung: „Die zentrale Aufgabe allen Handelns in der Coronakrise ist es, die Arbeitsfähigkeit der deutschen Krankenhäuser und damit die Versorgung schwer kranker Patienten sicherzustellen.“ Dazu gehört insbesondere auch, die finanziellen Ausfälle durch die Verschiebung elektiver Eingriffe aufzufangen. Die Bundesregierung hatte in diesem Zusammenhang von einem „Schutzschirm“ gesprochen, der über die Krankenhäuser gespannt werden soll. Spahn konkretisierte in seinem Brief, dass die Regierung zügig sicherstellen werde, dass die durch die Maßnahmen entstehenden wirtschaftlichen Folgen für die Krankenhäuser ausgeglichen werden. Für jedes Intensivbett, das zusätzlich provisorisch geschaffen und vorgehalten wird, sollen die Krankenhäuser zudem einen Bonus erhalten. „Die notwendigen gesetzlichen Änderungen werden wir sehr zeitnah vorlegen“, schrieb Spahn. „Darauf können Sie sich verlassen.“

Auch die DKG hat sich am 13. März in einem Brief an die Geschäftsführer der deutschen Krankenhäuser gerichtet. Darin betonte sie insbesondere drei Aspekte, die jetzt für die Krankenhäuser von besonderer Bedeutung seien: „1. Die finanziellen Hilfen müssen unbürokratisch und schnell die Liquidität der Krankenhäuser sichern. 2. Es darf auf keinen Fall zu einem Klein-Klein zwischen einzelnen Krankenkassen und Krankenhäusern darüber kommen, welche Kosten in welcher Form erstattet werden. 3. Die personelle und materielle Unterstützung der Krankenhäuser ist unabdingbar, um die Versorgung in den nächsten Monaten sicherzustellen.“

Kinderbetreuung sicherstellen

Die zentrale Beschaffung und Verteilung medizinischer Schutzausrüstung müsse schnellstmöglich geregelt werden, betonte Gaß. Ein weiteres vorrangiges Ziel sei die Sicherstellung der Kinderbetreuung des medizinischen und pflegerischen Personals. „Hier brauchen wir Lösungen, die es dem Fachpersonal ermöglichen, der Arbeit weiter nachzugehen und eine Kinderbetreuung gewährleisten“, so Gaß.

Zur Refinanzierung der Krankenhäuser in der Coronakrise hatte der AOK-Bundesverband ebenfalls am 13. März betont, dass die Ortskrankenkassen die Liquidität aller betroffenen Krankenhäuser unabhängig von Einzelabrechnungen aufrechthalten würden: „Wenn es durch die Streichung von planbaren Eingriffen oder durch Sonderaufwendungen für Coronavirus-Patienten zu finanziellen Engpässen in Krankenhäusern kommt, wird die AOK unbürokratisch helfen“, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch.

Probleme im ÖGD

Angespannt ist die Lage derzeit auch im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). „Fast täglich erreichen mich Hilferufe aus den Gesundheitsämtern, dass die Kollegen ihre Aufgaben in der Coronakrise nicht mehr bewältigen können“, sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Dr. med. Ute Teichert, dem . „Ein Amtsarzt schrieb mir heute, er habe 20 Tage am Stück gearbeitet und sogar im Gesundheitsamt übernachtet. Alles hängt an wenigen Personen, die Kollegen brauchen dringend Unterstützung – und zwar schnell.“

Am meisten Zeit benötige das Kontaktpersonenmanagement, das Beantworten von Anrufen sowie die Mitarbeit in den Krisenstäben und die Beratung anderer Behörden. Mittlerweile fehle auch Zeit beim Übertragen der Patientendaten. „Vielfach kommen die Kollegen mit dem Melden der Infizierten nicht nach“, sagt Teichert. „Das ist ein großes Problem. Denn so sind auch die Meldungen an das Robert Koch-Institut nicht auf dem aktuellen Stand.“ Von der Politik wünscht sie sich mehr Mitarbeiter. „Das gesamte Personal in den Gesundheitsämtern ist schon jetzt weit über ihre Belastungsgrenze hinausgegangen – und die Krise beginnt ja erst. Mein Vorschlag wäre es, dass die Ärzte, die beispielsweise beim Medizinischen Dienst arbeiten, in der Krisenzeit die Gesundheitsämter unterstützen.“ Falk Osterloh

Beschaffung medizinischer Schutzausrüstung

Wie der gemeinsame Krisenstab von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) und Bundesinnenministerium am 4. März beschlossen hat, beschafft das BMG zentral medizinische Schutzausrüstung für

Arztpraxen, Krankenhäuser und für die Bundesbehörden. Am 16. März erklärte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums, dass der Bund bislang Medizingüter im Wert von 205 Millionen Euro für das deutsche Gesundheitswesen eingekauft habe. Der überwiegende Teil der Materialien, darunter Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel, werde im Zeitraum Ende März bis Anfang April geliefert. Der Einkauf findet unter Federführung des Beschaffungsamtes der Bundeswehr statt, das von der Generalzolldirektion unterstützt wird. Bislang seien 30 Verträge geschlossen worden, sagte die Sprecherin.

Zudem hat das Bundeswirtschaftsministerium angeordnet, dass der Export von medizinischer Schutzausrüstung ins Ausland ab dem 4. März verboten ist. Zu der Schutzausrüstung gehören Schutzbrillen, Gesichtsschutzschilde, Mund-Nasen-Schutz-Produkte, Schutzanzüge, Handschuhe und Masken der Schutzklassen FFP2 und FFP3. Bei diesen handelt es sich um feste Masken mit einem Atemventil, durch die keine Coronaviren dringen können.

Der Krisenstab von Bundesgesundheits- und Bundesinnenministerium hat am 10. März darüber hinaus beschlossen, dass das BMG auch intensivmedizinische Ausrüstungen zentral beschafft. In der Sendung Anne Will erklärte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am 15. März dazu, dass die Bundesregierung bei dem Unternehmen Dräger 10 000 Beatmungsgeräte für die Bewältigung der Coronakrise bestellt habe, die derzeit in Sonderschichten hergestellt würden. „Das wird sich über das ganze Jahr hinstrecken“, so Scholz. Für die Beschaffung medizinischer Ausrüstung zur Bewältigung der Coronakrise seien von der Bundesregierung mehr als eine Milliarde Euro vorgesehen.

Ausstattung mit Intensivbetten

Der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zufolge gibt es in den deutschen Krankenhäusern 1 200 Intensivstationen. Von den insgesamt 497 000 Krankenhausbetten sind zudem 28 000 Intensivbetten. „Jedes Krankenzimmer, das über eine eigene Nasszelle verfügt und in dem man eine gegebenenfalls vorhandene mit anderen Zimmern verbundene Lüftung abschalten kann, kann ein Isolierzimmer sein“, erklärt die DKG. „Zusätzlich lassen sich Krankenzimmer mithilfe von Folie im Eingangsbereich zu Schleusenzimmern umfunktionieren.“

Aus Sicht des Gesundheitsökonomen Prof. Dr. med. Reinhard Busse steht Deutschland mit der Zahl seiner Intensivbetten im internationalen Vergleich relativ gut da. Zwar stehe nicht an jedem Intensivbett ein Beatmungsgerät, sagte der Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin am 11. März auf einem Press Briefing des Science Media Center. Dennoch sei Deutschland, was die Intensivstationen angehe, deutlich besser ausgestattet als zum Beispiel Italien – und zwar etwa um den Faktor 2,5 besser.

„Bei der Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Verdacht auf das Coronavirus sind die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts maßgeblich“, erklärt die DKG. „Im Falle einer Pandemie verfügen die Kliniken über klare Pläne, die regelmäßig trainiert werden würden.“ Wesentliche Maßnahmen sind: Information und Schulung der Mitarbeiter, Prüfung von Beständen, Bevorratung mit persönlicher Schutzausrüstung, Arzneimitteln und viruszerstörenden Desinfektionsmitteln, Information von Patienten und Besuchern, Abtrennung von Isolationsbereichen und Einrichtung möglicher Zugangskontrollen.

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