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Beruf und Familie: Immer ein Spagat

Rosch, Lisa

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Sich sowohl dem Beruf und der Karriere als auch dem Familienleben in zufriedenstellender Weise zu widmen, ist nicht leicht – besonders für Ärztinnen und Ärzte.

Foto: JuanCi Studio/stock.adobe.com
Foto: JuanCi Studio/stock.adobe.com

Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ bedeutet für Ärztinnen und Ärzte oftmals, dass der Tag mehr als 24 Stunden haben müsste. Schon ohne Partner und Kinder kommt die Freizeitgestaltung vielerorts zu kurz. Erweitert sich der Aufgabenbereich um die Rolle als Mutter oder Vater, wird der Spagat größer und in manchen Fällen schier nicht bewältigbar.

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2016 waren in sechs von zehn deutschen Familien mit kleinen Kindern beide Elternteile berufstätig. Probleme ergeben sich für die Mütter vor allem im beruflichen Bereich, da sie familiär zu sehr eingespannt sind. Bei Vätern ist es genau andersherum. Der geschlechterbedingte Unterschied und die konventionelle Rollenverteilung sind auch im fortschrittlichen 21. Jahrhundert noch ein reales Problem.

Die kursierenden Lösungsansätze heißen Teilzeit, Homeoffice, Kita, Ganztagsschule, Kindermädchen, Großeltern – die Liste ist beliebig erweiterbar. Doch existiert die Vereinbarkeit überhaupt? Handelt es sich nicht viel mehr um die Addition zweier völlig unterschiedlicher Lebensbereiche? Und im Endeffekt um eine Summe, die nicht mehr zu bezahlen ist ohne psychisch und physisch in Vorkasse zu gehen? Das Wort Vereinbarkeit suggeriert, dass es nur eine Frage der persönlichen Anstrengung ist, Familie und Beruf koordiniert zu bekommen.

Doch was entscheidend ist, sind die Rahmenbedingungen. Politisch sind die Weichen in vielen Bereichen pro Familie gestellt. Das dürfte angesichts der prekären demografischen Entwicklung in Deutschland nicht verwundern. Zum Beispiel wurde das seit 2007 existierende Elterngeld im Jahr 2015 durch das Elterngeld Plus und den Partnerschaftsbonus (beide Elternteile gehen in Teilzeit arbeiten und bekommen verlängertes Elterngeld) ergänzt und somit die egalitäre Beschäftigung von Mann und Frau unterstützt.

Denn vor allem Frauen arbeiten bislang verkürzt und sind somit auch von den nachteiligen Auswirkungen betroffen: Niedrigeres Gehalt, Rückstände in der Altersvorsorge, verlängerte Weiterbildungszeit, geringere Aufstiegschancen, weniger Repräsentanz in den Führungsebenen, gerade in der Medizin. Das seit letztem Jahr geltende Recht auf Wiederkehr in eine Vollzeittätigkeit im Anschluss an eine Teilzeitstelle (Brückenteilzeit), könnte diese Negativaspekte abfedern.

Neben den Arbeitsbedingungen für die Eltern ist die Kinderbetreuung der zweite große Baustein für eine erfolgreiche Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier soll das „Gute-Kita-Gesetz“ der Bundesregierung ansetzen, welches unter anderem Geld für eine Verbesserung der Qualität der Kitas und der Einrichtung erweiterter Öffnungszeiten für Angestellte im Schichtdienst bereitstellt. Seit 2013 besteht zudem ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem ersten Lebensjahr.

Reichen diese Ansätze aus? Was wünschen sich junge Ärztinnen und Ärzte? Eine Umfrage des Hartmannbundes unter 1 437 Ärzten in Weiterbildung zum Thema „Wie gut können wir gute Ärzte werden?“ zeigte auf, was aus Sicht der jungen Ärzte ein Hindernis für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf darstellt: Zu viele Dienste oder ein Wechselschichtsystem, fehlende flexible Arbeitszeitgestaltung durch den Arbeitgeber, fehlende oder unflexible Kitaplätze sowie Druck und hohe Erwartungen durch Kollegen und den Chef.

„Mir persönlich ist wichtig, dass ich möglichst wenig geplante Überstunden mache und pünktlich nach Hause komme.“ Foto: privat
„Mir persönlich ist wichtig, dass ich möglichst wenig geplante Überstunden mache und pünktlich nach Hause komme.“ Foto: privat

Chefärztinnen und Chefärzte sowie Klinikleitungen haben es somit in ihrer Hand, die Rahmenbedingungen für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen attraktiver zu gestalten. Belohnt werden sie nicht nur durch steigende Bewerberzahlen, sondern auch durch motivierte Arbeitnehmer, die nachweislich ihre Produktivität steigern. „Um dem ärztlichen Beruf ein Leben lang standzuhalten, brauche ich eine gute Resilienz: Und die hat man durch seine Familie und ein erfülltes Privatleben“, bringt es Dr. med. Marie Samland auf den Punkt. Die Mutter von drei Kindern (9, 6 und 4 Jahre) und angehende Unfallchirurgin und Orthopädin am Uniklinikum Leipzig, arbeitet in einem cleveren Teilzeitmodell: „Eine Woche habe ich geplant frei jeden Monat, da bleibt planbare Zeit mit der Familie und genügend Auszeit von der Arbeit für mich selbst.“ Sie habe zudem den Eindruck, dass diese Regelung das Verständnis der Kollegen erhöhe. Diese wüssten, dass sie nicht zu 100 Prozent verfügbar sei. Das sei besser, als eine volle Einsatzbereitschaft durch eine Vollanstellung zu signalisieren und dann jeden Monat Extrawünsche in der Dienstplangestaltung anzubringen.

Klug eingesetzt, bieten Teilzeitmodelle zudem die Chance, schnell auf unterschiedliches Arbeitsaufkommen zu reagieren. „Die Schaffung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen gehört zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben eines Krankenhauses“, ist sich Dr. med. Inke-Iria Bruns, National Secretary des Deutschen Ärztinnenbundes, sicher. Und tatsächlich haben dies viele Krankenhäuser verstanden und werben mit Familienfreundlichkeit. Für Ärzte in Weiterbildung ist es teilweise aber schwierig zu ersehen, wie verlässlich manche Versprechung ist.

Eine Orientierung bietet da zum Beispiel das Zertifizierungsformat „audit berufundfamilie“ der gemeinnützigen Hertiestiftung. Krankenhäuser, die das Zertifikat verliehen bekommen haben, setzen Maßnahmen zur familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik um. Auch das deutschlandweit größte Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ des Bundesfamilienministeriums garantiert einen Arbeitgeber, der sich in der Thematik engagiert und mit anderen Unternehmen austauscht. Für Arbeitnehmer gibt es zudem eine Broschüre mit vielen nützlichen Hintergrundinformationen.

Ganz sicher sein, dass die Vorstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf übereinstimmen, kann man sich jedoch erst durch gezieltes Nachfragen. Wertvoll sind persönliche Kontakte im Vorfeld einer Bewerbung. Denn dann erfährt man, wie die konkrete Umsetzung aussieht. „Letzten Endes empfiehlt sich die Hospitation und das Suchen eines Gesprächs mit möglichst vielen zukünftigen Kollegen zu diesem Thema. Erst dann lässt sich einschätzen, ob die angepriesene Familienfreundlichkeit der Klinik auch mit der Realität übereinstimmt“, rät Samland.

Eine attraktive Alternative zur Anstellung im Krankenhaus bietet die Niederlassung. Dr. med. Daniel Peukert, niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg, hat sich für die Arbeit in einer Gemeinschaftspraxis entschieden und den Schritt nicht bereut. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielte für ihn eine maßgebliche Rolle bei der Entscheidung. „Ein wesentlicher Vorteil der eigenen Praxis ist die flexible Arbeitszeitgestaltung“, erzählt der Vater von Zwillingen. „Es ist möglich, die Kinder morgens in der Kita abzugeben. Auch besteht die Möglichkeit, sich einen Nachmittag freizunehmen, um zum Beispiel an Veranstaltungen der Kinder teilhaben zu können. Auch ist es schön, die Wochenenden freizuhaben und mit der Familie verbringen zu können sowie das Fehlen von Nachtdiensten.“

Daniel Peukert: „Als Arzt behandle ich gerne meine Patienten. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich bei der Arbeit meist nicht auf die Uhr schaue. Damit kommt aber häufig die Familie zu kurz.“

Viele Ärzte verschieben die Familienplanung auf einen Zeitpunkt nach der Facharztweiterbildung, um keine Verlängerung der Weiterbildungszeit in Kauf nehmen zu müssen. Die Akzeptanz für eine längere Auszeit nimmt ab der Stufe der Oberärzte/-innen jedoch wieder ab. Und Chefärzte/-innen in Eltern- oder Teilzeit sind sicherlich die Ausnahme. Doch gerade in der Führungsebene wäre das Vorleben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiges Signal und Ermutigung zur Nachahmung. Spielt die Hierarchiestufe denn eine Rolle bei den Möglichkeiten der Umsetzung?

„Es gibt Phasen, in denen man sich auf den Beruf konzentrieren möchte und keine parallelen Beschäftigungen zulässt. Um unmittelbar nach der intensiven Familienphase als Arzt oder Ärztin sinnvoll weiter arbeiten zu können, ist es strategisch gut, innerhalb der Verantwortlichkeiten und auch der Hierarchien weit oben zu sein. Denn abhängig von der Verantwortlichkeit ist man in der Lage, die Arbeitszeiten mitzugestalten – im Idealfall selbst zu gestalten“, erklärt Prof. Dr. med. Anke Lesinski-Schiedat.

Anke Lesinski-Schiedat: „Eine wissenschaftliche Karriere bedeutet unabhängig von der Familie eine Herausforderung und Abstriche bei der fachärztlichen Weiterbildung oder der ärztlichen Tätigkeit.“

Die Oberärztin an der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover und Ärztliche Leiterin des Deutschen Hörzentrums in Hannover sowie Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen hat Karriere und Familie „unter einen Hut“ gebracht. Natürlich war das nicht immer leicht. Doch sie macht den Kolleginnen und Kollegen Mut: „Innerhalb des medizinischen Betriebes gibt es gerade wegen der individuellen patienten-orientierten Abläufe vielfältige Möglichkeiten, Arbeitszeiten zu individualisieren.“ Wichtig sei jedoch auch immer ein Geben und Nehmen zwischen Chef und Kollegen auf der einen Seite und der Familie auf der anderen. Und sie betont: „Nicht nur Mütter und Väter dürfen den Anspruch haben, eine Arbeitszeit zu leben, die an der Familie orientiert ist. Auch Nicht-Familien haben Interessen außerhalb der Medizin, die es gilt zu respektieren.“

Je höher der berufliche Status, desto seltener entscheiden sich Ärzte zur Gründung einer Familie. Dieses Phänomen ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Vermutlich, da sie ohnehin schon gegen die berühmte „gläserne Decke“ ankämpfen müssen und glauben, dass sie durch Ausfallzeiten wegen der Familiengründung und -führung ins Hintertreffen geraten.

Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nicht ohne Thematisierung der Gleichstellung von Frau und Mann behandelt werden: In der fraktionsübergreifenden „Berliner Erklärung“ von 17 Frauenverbänden bescheinigen die Autorinnen der Bundesregierung in einer Halbzeitbilanz nur ein mittelmäßiges Zeugnis bezüglich der beruflichen Gleichstellung von Frauen und Männern. Vor allem in Führungspositionen seien im Krankenhausbereich noch immer zu wenige weibliche Chefärztinnen und Hochschuldozentinnen vertreten.

Die Problematik der Vereinbarkeit für die männlichen Kollegen ist oft weniger im beruflichen, sondern im familiären Bereich gelagert. Moderne Väter möchten nicht nur „Brotverdiener“ sein, sondern eine soziale Vaterrolle einnehmen. Schon lange hat sich in vielen Krankenhäusern die zweimonatige Elternzeit als Standard für ärztliche Väter etabliert – wünschenswert wäre eine Entwicklung hin zur paritätischen Aufteilung zwischen beiden Elternteilen. Doch noch immer haben Männer mehr als Frauen mit fehlender Akzeptanz zu kämpfen. Für manchen Chefarzt mutet es komisch an, dass der „Ernährer der Familie“ freiwillig zu Hause bleibt, „Haushaltstätigkeiten“ der Karriere vorzieht und Geldeinbußen in Kauf nimmt. Hier prallen nicht selten Generationen aufeinander, die komplett unterschiedlich sozialisiert wurden (siehe vorheriger Beitrag).

Es gibt also noch viel zu tun, um eine flächendeckende zufriedenstellende Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle Ärztinnen und Ärzte zu etablieren. Lohnt sich denn der ganze Aufwand? Die Absprachen mit dem Babysitter oder Aupair, Vereinbarungen mit dem Partner, Kämpfe mit Chef und Kollegen? „Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause zur Tür hereinkomme und meine Kinder stürzen sich mir freudestrahlend in den Arm, dann verschiebt sich gleich die Wichtigkeit in meinem Leben“, berichtet Samland. „Und alles, was ich vorher erlebt habe, relativiert sich ganz schnell. Jeder Fehlschlag oder Vorwurf rückt dann in den Hintergrund. Und ich bin wieder glücklich.“

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